Ausgabe 
28.6.1894
 
Einzelbild herunterladen

baren Mord handelt. Bete fleißig, lege den Haß ab, verliere die Hoffnung nicht, Gott wird weiter helfen."

Ohne Verzug eilte der Hofprediger in's Schloß, zu dem Landgrafen konnte er jedoch nicht gelangen, weil eine Ver- fchlimmerung der Krankheit eingetreten war. Der Fürst lag im heftigsten Fieber, schreckliche Phantasieen quälten den Lei­denden, der Leibarzt hatte strenge verboten, Jemanden eintreten zu laffen, weil das Schlimmste zu befürchten war. Unter diesen Umständen war auch die Landgräfin nicht zu sprechen.

Der Hofprediger eilte zu Commiffarius Caspari und thetlte ihm mit, was die alte Beilstein ausgesprochen hatte. Es machte auf den trockenen Mann wenig Eindruck. Den Fluch hätte er gerne weg gehabt, das leuchtete sichtbar durch. Von Verschieb­ung der Execution und Wiederausnahme des Processes wollte der verknöcherte Richter aber durchaus nichts wiffen.

Herr, bedenkt, was Ihr thut!" sprach der Hosprediger eindringlich.Wenn Jemand, wie diese alte Frau, bereit ist, vor den höchsten Richter zu treten, dann lügt sie nicht. Lasset Euch erweichen und verschiebt die Hinrichtung einige Wochen. Durch Milde hat noch Niemand in solchen hochwichtigen Dingen geschadet."

Wohl, wohl, Herr Hofprediger!" antwortete Caspari. Doch vergesset nicht, daß hier ein Fall vorliegt, den Ihr nicht zu beurtheilen vermöget, weil Ihr den erforderlichen Einblick nicht haben könnet. Der böfe Feind und sein ganzer Anhang setzt Alles daran, um diese Haupt- und Wetterhexe davon zu bringen. Hierfür liegen die Beweise vor; ich kann daher der Gerechtigkeit nicht in den Arm fallen, sondern muß ihr freien Lauf laffen."

Thut, was Ihr vor Gott und Eurem Gewissen verant­worten könnt," erwiderte der Hosprediger mit tiefem, schmerz­lichem Seufzer und schritt davon.

Am folgenden Tage, den 8. December 1659, wurde die alte Beilstein zum Tode geführt. Die Hinrichtung sollte auf dem Löwenbusche erfolgen; es war aber eine große Kälte ein­getreten, weshalb die Execution unter der Linde vor dem Rath­hause zu Bingenheim vorgenommen wurde. Wenige Minuten, nachdem das Haupt der Unglücklichen gefallen, war das Blut am Schaffote zu Eis erstarrt.

Der Henker fuhr den Körper der Unglücklichen hinaus auf den Löwenbusch und verbrannte ihn zu Asche.

Unter Ord.-Rr- 59 des Gerichtsverzeichnisses schreibt Schultheiß Schöffer:59. Den 8ten Xbr Ao 1659 Ist Jo- Hann Beilstein Anna deß alten Witt: alhier vndter der Lündten wegen großer Käldt vom Scharpf Richter gericht, vnd hinaus vf dem Löwpusch der Corper zu Aschen verbrannt worden "

Die Habseligkeiten der Unglücklichen wurden versteigert und der Erlös auf die entstandenen Unkosten verrechnet. Beim Ausräumen eines alten Kleiderschrankes sand sich ein Packet- lein; das war kreuzweise mit Bindkordel verschnürt und die Endfäden mit dem Schultheißensiegel von Ober-Eschbach fest auf die Rückseite gesiegelt. Auf der Vorderseite des Packetleins standen die Worte:

Enthält:

I. Tausschein der Sibille Margarethe König.

II. Copulationsschein ihrer Eltern.

III. Protocoll über das Abscheiden ihrer Mutter und das Verschwinden ihres Vaters.

Das Schultheißen-Amt zu Ober-Eschbach. Joh. Peter Himmelreich.

Man brachte das Päckchen dem Commissartus; er las die Aufschrift.Ich kenne den Inhalt dieser Schriftstücke ziemlich genau durch den Herrn Hofprediger; schon vor länger als Jahresfrist hat man mich informirt. Die Papiere sind werth­los. Ich werde sie in das Schubfach legen, wo wir ähnliche corpora delicti aufzubewahren pflegen. Später, wenn es Zeit und Umstände gestatten, werde ich das Siegel lösen und nach­sehen, was mit den Sachen angefangen werden soll."

(Fortsetzung folgt.)

Seltsame Kreier.

Novelle von Th. Schmidt.

------- (Nachdruck verboten.;

Wir waren drei schrecklicheRangen", das hatten uns die Köchin und das Hausmädchen seit undenklichen Zeiten zu hundert Malen versichert, das hatte uns unsere nächste Nach­barin, Fräulein Seraphine Ziegenhals, Gott weiß wie oft ge­sagt, zwar im süßesten Tone ihrer milden Stimme, aber mit welch' boshaftem Blick aus ihren katzengrünen Augen! Ja, selbst unser geliebter Vater war durch irgend einen neuen tollen Streich von uns seit Kurzem zu derselben Ueberzeugung gekommen, infolge dessen Fräulein Sauersüß, wie Bruder Fritz die edle Seraphine immer zu nennen pflegte, ihr sammetweiches Pfötchen auf Papas Rockärmel legte und ihm, gütigst besorgt um uns, zuflüsterte:Liebster Herr Wendig, den armen Kin­dern fehlt die Mutter," worauf unser Vater in, wie es mir dünkte, bedeutungsvollem Tone erwiderte:Liebstes Fräu­lein Ziegenhals, da werden wir wohl suchen müssen, ihnen die Verstorbene zu ersetzen."

Unser Vater war damals ein hübscher, stattlicher Mann von fünfundvlerzig Jahren, gleich gern gesehen und beliebt bei alten wie jungen Damen, schon weil Jedermann wußte, wie gut er war und wie glücklich er mit seiner Frau gelebt hatte; dabei war er ahnungslos von seinen Vorzügen; zehnmal lieber saß er in seinem Studierzimmer hinter seinen Büchern, als daß er Gesellschaften besuchte, und trotz seines Geistes, trotz seines Wissens war er ein einfacher, stiller, wohlthätiger, an­spruchsloser Mann.

O, ich weiß, wie viel Frauen und Mädchen damals eifer­süchtig aufeinander waren und wie vielfach bedauert wurde, daß er dem Andenken unserer verstorbenen Mutter so treu blieb; Viele dachten, er würde sie niemals vergessen, niemals ersetzen können, aber ich war anderer Meinung und mit mir Fräulein Ziegenhals; diese, weil der Mensch nur gar zn leicht geneigt ist, das zu glauben, was er gern möchte, und sie hatte dies meinem Vater so oft und in so schlauer Weise beizubringen verstanden, daß er wohl nahe daran war, es selbst zu glauben; ich, weil ich erst vor kaum einer Woche durch irgend einen Possenstreich Anlaß zu folgender liebevollen Erklärung gegeben hatte.

Meine liebe Käthe," hatte mein Vater gesagt,um Dei­ner Mutter willen habe ich fünfzehn Jahre lang ein einsames Leben geführt, aber um Deinet- und Grethens willen muß ich jetzt wohl Jemand an die Spitze meines Hauses stellen, der dasselbe besser zu leiten versteht als Du."

Grethe, Fritz und ich hatten sehr ernst über diese An­gelegenheit berathen; so großeRangen" wir waren, hatten des Vaters Worte uns doch sehr nachdenklich gemacht. Der Gedanke an eineStiefmutter" war uns durchaus nicht so schrecklich, das Schlimme dabei war nur, daß das Wort Stiefmutter" undSeraphine Ziegenhals" ein Begriff für uns war; wir durchschauten ihre Liebenswürdigkeit gegen unseren Vater und ihre erheuchelte Zärtlichkeit gegen uns, wir sahen, wie sie der ersehnten Stellung in unserem Hause Schritt für Schritt näher kam. Ob unser Vater ebenso klar sah, wußten wir nicht; jedenfalls fürchteten wir das Schlimmste; Fräulein Ziegenhals' Avancen wurden täglich auffälliger und bei der stummen Höflichkeit, mit welcher unser Vater dieselben entgegennahm, blitzte es triumphirend in ihren katzengrünen Augen auf.

In einem Punkte waren wir drei Geschwister einig; irgend etwas, und wäre es noch so verzweifelt, mußte geschehen, um ihre Absichten zu zerstören; die Frage war nur, was konnten wir thun?

Es war Spätherbst. Draußen pfiff der Wind unheim­lich um das alte Haus, drinnen wurde das große, niedrige Zimmer, in welchem wir drei Geschwister uns befanden, von einem.lustig flackernden Holzfeuer matt erhellt; in einen be­quemen altmodischen Lehnstuhl zurückgelehnt, die Augen auf die helle Gluth gerichtet, wiederholte ich mir des Vaters Worte: