Ausgabe 
28.6.1894
 
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Der Hofprediger erschien und redete die arme Frau so» I gleich an:Niemals hätte ich gedacht, daß Du, die so ein brav, tüchtig Weib geschienen, eine Hexe sein könntest.

Ich bin auch keine Hexe, hochwürdiger Herr," war die Antwort,und ich sage Euch: der Glaube an Hexen und Zau» | derer ist ein schrecklicher Wahn. Jetzt, da ich alle Leiden und Qualen erdulden mußte, sehe ich ein, wie unsinnig ich selbst und alle Menschen handeln, die an Hexen glauben."

Du hast aber doch in Güte bekannt, daß Du eine Hexe bist; Deine Bekenntnisie stehen von Wort zu Wort in den Acten."

Das ist es, was mich bedrückt, hochwürdiger Herr; da» rum will ich vor meinem Tode eine vollständige Beichte ab* legen und ich bitte Euch, diese Beichte unserem Durchleuchtigen Landesvater und dem Hexenrichter mitzutheilen."

Sprich, armes Weib, ich werde thun, was in meinen Kräften steht."

Man hat mir im Verhöre dieselben Fragen vorgelegt, wie den früher Hingerichteten. Ich habe zu Allem Ja gesagt, um nicht gefoltert zu werden. Soll ich meinen alten, sechs» undstebzigjährigen, morschen Körper zerquetschen und zerreißen lasten? Je länger die Gefangenen widerstehen, desto gräßlicher werden die Marter. Noch niemals hat der Blutmensch einen Gefangenen frei gegeben. Die Elsbeth Ludwigs Frau hat oft widerrufen; immer heftiger haben die Henker gequält, zuletzt hat Elsbeth, wie ich es von vornherein gethan, um ein gnädig Urtheil gebeten und ist hingerichtet worden."

Der Geistliche sah starr vor sich hin und sprach lange kein Wort- L _ .

Mein Gewissen verbietet mir, zuzugeben, daß Jemand

hier ein Käsebrod geben, worin Gift gewesen und deßwegen I gestorben. I

Nach diesen Bekenntnissen wurde das Todesurtheil über I die alte Frau ausgesprochen. Dem Hexenrichter war die Sache I wie es den Anschein hat doch nicht so gleichgiltig, wie I bei früheren Fällen. Er ließ über die Geständniffe der Ver» I urtheilten noch einmal eine Verhandlung aufnehmen. Dies geschah durch den Schultheißen Schöffer und die Schöffen am 6. December 1659. Das Protokoll ist noch vollständig vor­handen und lauteb also:

Den 6ten Deebr 1659: Ist Anna Beilstein des Alten Wttb im Beisein Schlthß und beider Schöffen, samt dem Schreiber erinnert worden: ob sie alle ihre vorgethane, öfteren in der Güte bekannten Urgichten noch geständig:

Sagt Ja, darauf wollt sie leben und sterben und hätt ja oft begehrt, daß wir ihr wollt ihr Recht widerfahren lassen, wie sie verdiene, dabei blieb sie nochmal beständig, und bitt, daß wir doch den Psarrherr wollt zu ihr kommen laffen, wollt ihre Sachen demselben beichten und Gott um Verzeihung an» rufen. Ihre begangenen Sünden wären ihr herzlich leid, hoffte Gott werds ihr verzeihen und zu Gnaden auf» und annehmen, hofft ein Kind des ewigen Lebens zu werden.

Darauf sind ihre Bekenntnisie von Worten zu Worten vorgelesen worden, hat einen jeden Posten vom ersten bis zum letzten bejaht und ausführliche Antwort geben.

Weiter wohl erinnert worden, ob sie auch Jemand lln» recht gethan, sagt Ja, sie hat es aber wiederrufen, als der Schulmeisterin alhier, Peter Wenzels Frauen und Marx Eichel» mann denselben hätte sie Unrecht gethan. Sonsten anderen worauf sie bekannt, wären alle so gut wie sie auch und in allem beständig verblieben. Letztens sagt sie: ob sie denn allem sollt Hingericht werden, oder ob sie Gesellschaft haben würde, darauf ihr zur Antwort worden: stünde bei gnädrger Herrschaft

Endlich und zum Letzten bat sie wollte gern sterben, bitt gnädige Herrschaft nochmals um ein gnädig Urtheil und bitt nochmal um den Pfarrherrn, welcher fo bald zu ihr kommen, womit sie fleißig gebetet. Endete hiermit ihre Ausfag.

H. Jörg Schöffer. Klaß Pfeyll

Emanul Stall. Merten Frickell.

mit dem Tode bestraft wird, der unschuldig ist," sprach er. Ich werde Alles daran setzen, daß der Proceß revidirt wird." VDas könnt Ihr thun, Herr, nur fordert nicht von mir, daß ich mich foltern laste. Ich habe so wie so nur noch kurze Zeit zu leben, mit sechsundstebzig Jahren ist nicht mehr viel übrig. Meine beiden Töchter sind versorgt und mein Aug­apfel, die Sibille, ist eine glückliche junge Frau worden, da­rum schließe ich meine Rechnung ab. Den einzigen Wunsch habe ich noch: ich möchte das Urenkelein und die schöne junge Mutter vor meinem Ende noch einmal sehen."

Eine frohe Botschaft kann ich Dir in dieser Beziehung wenigstens andeuten. Es sind Schritte von den Herren Land- grafen in Darmstadt und Kasiel bei dem hiesigen Herrn gethan worden, daß Bardenstein Verzeihung erhält und aus der Mord­acht entlasten wird. Dein Enkelfchwiegerfohn und feine Frau werden von aller Strafe und Verfolgung los und ledig ge­sprochen werden. Hierher wollen sie nicht mehr kommen, auch keinen hiesigen Dienst mehr haben. Aber frei und ehrlich wollen sie auftreten und das gebühret ihnen. Wäre der Land- graf nicht schwer krank, könnte die Freisprechung in einigen ^"^Dafür^danke ich Euch und um deflentwillen möchte ich noch ein Jahr leben, auf daß ich die Stunde des Wiedersehens sehen und genießen könnte. Wollet Ihr Euren Einfluß dafür geltend machen, so thut es, hochwürdiger Herr, doch martern und foltern laste ich mich nicht. Lieber dreimal sterben.

Hast Du vielleicht doch noch ein Verbrechen auf dem Gewisten, das Du mit dem Tode sühnen willst?" _

Nein, Herr Hofprediger, ich bin ein sündiges Wsib, nicht bester und nicht schlimmer als andere. Was ich gesündigt habe, ist mir leid. Der Hexenrichter hat mir durch den Schultheiß nahe legen lasten: ich möchte den gegen ihn heraus- gestoßenen Fluch zurücknehmen. Deswegen war der Schultheiß I mit den Schöffen noch einmal bei mir. So etwas ist früher I niemals geschehen. Wenn die Gefangenen verurthertt waren, I wurden sie hingethan. Saget dem Hexenrichter: ich nähme I den Fluch niemals zurück; saget ihm: ich Erde, wenn es mir I im jenseitigen Leben möglich, feine schauerlichen Thaten vor | Gottes Thron jeden Tag vorbringen und nicht ruhen noch | rasten, bis er empfangen habe, was seine Blutthaten werth

rief der Hofprediger, durch die wilde Leiden- schäft der Alten tief erschüttert.Segnet, aber fluchet mcht. Der Richter handelt nicht aus lauter Blutgier; vor Jahren verlor er sein erstes, schönes junges Weib und ein zartes Kind« lein durch die Grausamkeit der Soldaten; er glaubt, in den meisten Menschen stäcken Teufel und Dämonen, diese müste mn ^Das^mag er thun, aber die armen, alten Frauen soll er in Ruhe lasten. Die Teufel stecken in den Menschen ab hexen können sie nicht. Saget da«, ich bitt Euch nochmals fußfällig, aller Welt. Saget e« dem Fürsten und dem Richter« Saget ihnen: ich wolle für die Späteren sterben, damit es endlich Ruhe gäbe. Was liegt mir an dem bischen armseligen Leben; meine Sünden zahle ich mit meinem Blute, aber diese Hyäne von Richter soll--" _ ,

Ohnmächtig fiel die Alte auf das Lagerhaus dem sie in

i Ermangelung eines Stuhles Platz genommen batte. Der H f prediger spritzte ihr Master in's Gesicht und brachte sie zu sich. Dann kniete er neben das Bett und betete laut und lange mit der Unglücklichen.

Ich bin viel ruhiger geworden, hochwürdiger Herri sprach sie mit matter Stimme.Das muß ich aber sage - Abscheu und Haß gegen den Richter kann ichnicht los> werden. I Und wenn er tausend Schmerzen und Qualen wegen Vertu! I seiner Lieben erlitt, so braucht er die Menschen doch nicht }o gräßlich zu quälen, müßte eher Gutes thun, das wäre sein m Herzen und Gemüth ein größer Labsal, denn das Morden und I Peinigen. Saget ihm das als mein Vermächtniß an ihn.

* :$«« «d° i-s IHM, Dich d°-a-. 34 * I jetzt in's Schloß und werde zu dem Durchlauchtigen Herrn I vordringen, um nachzuweifen, daß er sich hier um einen off