Aneerchaltungsblatt 31111t Gietzenev Anzeigen (Geneval-Anzsigev)

1894.

Donnerstag, dm 28. Juni-

Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

In diesem Augenblicke wurde heftig an die Thüre der Folterkammer gepocht. Der Schreiber schloß auf; in der Thüre erschien der Landgraf.

Ich habe verboten, die Gefangene zu foltern!" sprach der Fürst unwillig.

Ist auch nicht geschehen, Durchlaucht. Das Weib hat den Richter einen, Narren geheißen, wofür sie zwölf Peitschen­hiebe empfing."

Was ist jetzt mit ihr?" fragte der Landgraf.

Sie ist ohnmächtig geworden," antwortete der Richter.

Man rufe sie in's Leben zurück, wenn sie nicht zu an­gegriffen ist, werde ich einige Fragen an sie richten," sprach der Fürst.

Man spritzte der alten Frau Wasser in's Gesicht, sie öffnete die Augen; blutiger Schaum stand ihr vor dem Munde. Als Caspari sich näherte, um zu sehen, wie es ihr ging, spie sie ihm die blutige Masse in's Gesicht und rief:Hinweg, Scheusal! Binnen Jahr und Tag fordere ich Dich vor Gottes Richterstuhl. Du bist der Satan, der unsere friedliche Gegend mit dem Dampf von verbranntem Menschenfleisch erfüllt hat. Blind sollst Du werden und bei lebendigem Leibe sollen die Würmer Dein Fleisch fressen. Es gibt keine Hexen!"

Der Landgraf schauderte.Laßt das Weib in Ruhe! Wenn es sich in einigen Tagen erholt hat, will ich Fragen an es richten, für heute ist's genug!" befahl der Fürst.

Man brachte die Gefangene in das Gefängniß zurück, gab ihr aber bessere Kost und ein ordentliches Lager.

Die schauerliche Scene machte auf den Landgrafen einen solchen Eindruck, daß er schwer krank wurde. Unverzüglich stürzten sich die Klatschweiber und abergläubischen Menschen über diese Thatsache her und sprengten aus: Die Haupt- und Wetterhexe hat es dem Fürsten angethan; erst hat sie seine Kinder weggeschafft, nun muß der Landesvater selber sterben. Die Aufregung wuchs mit jedem Tage. Justine versuchte ein­mal, bis zu der Gefangenen zu dringen, es war aber unmög­lich; sie wurde, wie der einsitzende Seligmann, Tag und Nacht von zwei Soldaten bewacht.

Zwei Wochen vergingen, das Leiden des Fürsten besserte sich nicht. Die Landgräfin befragte sich bei einem weifen Manne in Friedberg: was zu machen fei. Die Antwort

lautete: So lange noch die Ursache des Leidens vorhanden ist, kann es nicht besser werden.

Die orakelhafte Antwort fand die Deutung: Die alte Beilstein muß weg, dann wird es besser. Caspari erwirkte sich bei der Landgräfin die Erlaubniß, den Proceß gegen die alte Beilstein weiter führen zu dürfen. Die Erlaubniß traf ein und sogleich ging der Richter voran. Im ersten Verhöre hatte er über sechs Punkte vollständige Geständnisse erhalten; nun galt es noch, eine Anzahl weiterer zu erlangen, was keine Schwierigkeit bot. Diese Bekenntnisse Urgichten genannt liegen vor. Es sind insgesammt dreiundzwanzig. Verschiedene wurden durchstrichen und anders abgefaßt, wahrscheinlich haben sie dem Hexenrichter nicht gefallen. Aus den dreiundzwanzig Bekenntnissen sind schließlich sechs; hn geworden. Ob bei Erzwingung dieser Geständnisse der Wahnsinn, der Aberglaube oder der Blödsinn größer gewesen, mag der freundliche Leser selbst prüfen. Es folgen einige Bekenntnisse, andere kann man nicht hierher setzen, so abscheulich sind die Ausdrücke.

7. Wahr, daß sie dem Teufel die Hand mußte geben, sein zu sein die Zeit ihres Lebens mit Leib und Seel.

8. Wahr, daß der Teufel einen weißen, glänzenden Becher gehabt und ihr daraus zu trinken gegeben; habe ihr säuerlich geschmäckt, wisse nicht, obs Bier oder Wein gewesen.

9. Wahr, daß die Ursach ihrer Verführung gewesen: sie sollte alles genug haben, welches, ob es wohl vom Teufel ver­sprochen, jedoch aber nicht gehalten worden sei.

10. (Wird aus ästhetischen Gründen weggelaffen.)

11. Wahr, daß der Teufel, als er solches versprochen, schwarz gangen und einen Federbusch aufgehabt.

12, 13, 14 und 15 fallen aus.

16. Wahr, daß die Hände des Teufels wie Klauen, der eine Fuß gleich einem Kuhfuß gespalten, der andere aber wie ein Krüppelfuß gewesen und hätte der Teufel erstmals einen Federbusch, das anderemal aber nichts aufgehabt.

17. Wahr, daß wenn sie bei einand gewesen, beschließen helfen: Frücht' und Obst zu verderben, Kinder zu taufen und sonst alles Böses zu verrichten-

19. Wahr, daß sie ihr selbst sich ein gelb Pferd umbracht und drei Kühe, auch zwei Kälber.

20. Wahr, daß vor 4 Jahren sie ihr abermalen eine Kuh und eine Kalbin, so Marx Wentzeln gewesen, umbracht.

21 Wahr, daß sie vor etlichen Jahren Hartmann Kessels Frau eine Kuh umbracht.

22 Wahr, daß sie vor ungefähr 7 Jahren sie Heintz Bicken jüngster Tochter Anna Katharina mit Gift vergeben (d. h. sie vergiftet habe).

23. Wahr, daß sie vor 20 Jahren Ebert Scheiben all-