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Werthers Schatten.
Novelle von Carl Cais au.
——- (Nachdruck verboten.)
„Spielt und trinkt!"
Der Alte schüttelte den Kopf. „Ist nicht so schlimm!
Er soll erst durch Treubruch so weit gekommen sein."
Herr Zipfler lachte höhnisch auf und rief: „Glaubt Er das Märchen auch?"
„Ich sehe den Bürgermeister kommen," entgegnete der Invalid, „ich bin ein pflichtgetreuer Beamter, er braucht mich nicht zu sehen! Adieu!"
Zipfler sah die beiden Musensöhne noch aussteigen und in's Helbig'sche Haus treten, dann eilte er in's eigene Heim zurück, seiner Frau die neuesten Neuigkeiten zu überbringen.
Adrian Helbig, des Studenten Vater, hielt einen Kram- laden, wie das Firmenschild über der Hausthür deutlich besagte. Das Haus war nur klein, aber solide erhalten und mit grauer Oelfarbe gestrichen, die Fenster weiß, die schweren Läden aber dunkelgrün. Alles verrieth in dem Hause Wohlstand und Sauberkeit. Im Erdgeschoß befand stch rechts der Laden, in welchem Helbig mit Unterstützung eines Commis hantirte; links war die Wohnstube eingerichtet, aus welcher bei Ankunft des Wagens sich eine kleine rundliche Dame, Frau Cornelie Helbig, eilfertig auf die Straße begab, wo sie den ersten der Studenten, der eben aus dem Wagen sprang, mit den Worten umarmte: „Weither, mein Junge, mein lieber Sohn! Bist Du endlich da?" Dabei küßte sie den großen Sohn herzlich ab.
„Ich habe auch einen Freund mitgebracht, Mütterchen!" warf nun Werther Helbig hin und stellte den Freund mit den Worten vor: „Herr Armin Reißner, mein Commilitone, Mütterchen!" _
„Willkommen, Herr Reißner! knixte nun die Dame. „Die Freunde unseres Sohnes sind uns stets angenehm!"
„Nicht wahr, Adrian?" wandte sie sich dabei an ihren Mann, der, mit einer grünen Ladenschürze angethan, die Augen mit einer mächtigen Hornbrille bewaffnet, aus dem Laden in den Corridor trat-
Er umarmte den Sohn und entgegnete: „Allerdings! Seien Sie uns willkommen! Mütterchen, richte das blaue Zimmer für den Herrn ein!"
„Sie sind gewiß müde von der Reife?" wandte er sich an den Fremden. „Nicht wahr? — Dich, Werther, erwarte ich nachher im Contor!"
Er überließ es seiner Ehehälfte, den jungen Herren zu ihrer Bequemlichkeit zu verhelfen und ging, mit sich selbst redend, in den Laden zurück, wo er eifrig zwischen Kaffee- und Reissäcken herumzankte. .
„Kommt mir sogar in der Affenzacke hrer nach Schwalbheim, um den Namen Helbig zum Gespött zu machen," brummte der alte Helbig dabei. „Gefällt mir nicht! Was soll der fremde Student hier, hier in dem kleinen, soliden Schwalbheim? Nun, werden ja sehen!"
Eine halbe Stunde später trat Werther Helbig, eine lange Studentenpseise im Munde, in das Contor des Vaters.
„Run, Papa?" fragte der Studiosus und warf sich ohne Umstände in einen der altmodischen Armstühle, welche in dem kleinen Gemache herumstanden.
Adrian Helbig dämpfte des Commis wegen feine Stimme, als er vor den Sohn trat und leise fragte: „Du bringst mir hoffentlich dieses Mal das Doctordiplom mit, Werther?'
„Leider nicht, Papa!" gab der Sohn gleichmüthig zur ^^°Was hast Du denn studirt, Werther?" grollte nun der Alte. „Glaubst Du vielleicht, ich fände das Geld auf der Straße? — Ich gebe Dir noch ein Semester Zeit und hoffe, daß Du alsdann die gewünschte akademische Würde erlangt hast! Glaubst Du das bis dahin erreichen zu können? M Werther Helbig, der Student der RechtSwiffeuschaft, hatte die lange Pfeife mit den bunten, burschikosen Quasten, auf der des Vaters strenger Blick mißbilligend zu ruhen schien, bereits etwas erschrocken auf die Erde sinken taffen, als der alte Herr nochmals fragte: „Was ist denn das für ein Mensch, den Du mir hierherschleppst? Du weißt doch, Schwalbheim verträgt einmal keine Extravaganzen seitens der Studenten."
I.
Neugierig steckten vor hundert Jahren an einem heiteren Sommertage die Schwalbheimer die Köpfe zu den offenen Fenstern hinaus und der klatschsüchtige Zollerheber an der Brücke über die Schwalb, vor welcher der Schlagbaum in den frisch prunkenden Landesfarben sich gleich einem drohenden Zeigefinger erhob, als wollte er jedem Reisenden zurusen: „Thue den Beutel auf, Mann!" - trat sogar ob des ungewohnten Anblicks auf der Gaffe zur offenen Thür hinaus, denn es war ein heißer Sommertag und die Sonne brannte glühend auf die rothen Ziegeldächer von Schwalbheim. Die Stadt besaß nur zwei Straßen, die Südgasse und die Nordgasse, auf deren holprigem Pflaster das reichlich wachsende Gras kein besonders günstiges Zeugniß für den Verkehr des Ortes ablegte. In die Südgasse lenkte eben ein Reisewagen ein, in welchem zwei Studenten in schwarzen Sammetröcken, weißen Reithosen und hohen Kanonenstiefeln, auf dem Kopfe buntfarbige Cerevis- kappen, nachlässig faßen. Zwei große, schöne Doggen begleiteten das Gefährt und leiteten die Bekanntschaft mit den zahl- reichen Schwalbheimer Kötern durch ein ohrzerreibendes Gekläff ein. Das war die Ursache der Erregung aller Schwalbheimer Köpfe, die jetzt hinter den Blumentöpfen und schneeweißen Gardinen zum Vorschein kamen. Der dicke Zollerheber schüttelte den einer großen Kohlrübe ähnlichen Kopf und brummte: „Beim Roland von Schwalbheim, wenn das nicht Helbigs Werther, der prahlerische Student aus Jena ist, so will ich mein Lebenlang Nachtwächter im Orte fein!"
Zipflers, des Zollerhebers Gedankencombination pflegte sich nicht in den weitesten Kreisen zu bewegen, doch die Affo- ciatiou feiner Ideen fand diesmal einen natürlichen Stützpunkt in dem Erscheinen des alten Baring, Polizeidieners, Feldhüters und wohlbekannten Wächters der Nacht von Schwalbheim, der soeben die Straße heraushumpelte und bei Zipfler stehen blieb. Mit dem Daumen deutete er hinter sich und meinte dann: ,,'s ist Helbigs einziger Sohn! Wird auch wohl noch lange dauern, ehe der geputzte Affe als Gerichtshalter im Hennig- stedter Amtshaufe sitzt!"
„Hat noch lang zu sitzen, Baring, der Herr Graf von Schwalb haben ja längst einen neuen Amtmann gewählt!"
„Was Sie sagen!"
„Weiß Er's denn nicht? Zimmermeister Buschs Sohn Paul hat die Stelle erhalten!"
„Ei, der Paul ist Amtmann?"
„Hat aber etwas gelernt, Baring!"
„So? Na, Helbigs Sohn bringt ja auch noch einen Comilton, wie sie's nennen, mit; da wird's wohl bald wieder eingeschlagene Fenster und auch sonstige Tollheiten in Schwalbheim geben!"
„Möglich!" , ,
„Na, denken Sie denn nicht mehr an die letzten Ferien, Herr Zipfler? An die in die große Hängelaterne auf der Nordgasse gesperrte Katze und die vertauschten Schilder ehrsamer Geschäftsleute? Hab' Noth genug damit gehabt!"
Herr Zipfler lachte höhnisch auf: „Und Er ist um Seine gewohnte Nachtruhe gekommen?"
Hier wurde aber der Invalide böse und entgegnete entrüstet: „Lassen Sie doch die Witze, Herr Einnehmer! Ich bin ein pflichtgetreuer Beamter!"
„Nun ja, war auch nicht böse gemeint! Hat Er auch schon etwas davon gehört, daß Woland seinen Garten verkauft hat?"
„Allerdings," brummte Baring, „Gaffelin von der goldenen Sonne hat ihn gekauft, will feinen Kaffeegarten vergrößern!"
Zipfler erwiderte: „Mit Woland soll es nicht gut stehen!" Er drehte die Hand hin und her und zeigte auf Wolands Haus.
„So, fo?" meinte der Alte. „Er geht allerdings ein bischen viel in die Kaffeewirthfchaften —"


