Ausgabe 
28.4.1894
 
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Verlobung, stattgefuuden. Der Herr Schwiegervater hat dem Herrn Eidam alsbald die Fuldische Mark, das heißt das Amt Bingenheim abgetreten und wir haben dem neuen Herrn, der sich seitdem Herr Wilhelm Chriftoph, Landgraf zu Hessen- Bingenheim, nennt, unter'm 30. Mai 1648 bereits gehuldiget, nachdem wir am selben Tage unseres Eides gegen Heffen- Darmstadt erlediget worden waren."

Da habt Ihr nun ein jugendlich Regentenpaar, Herr Vetter."

Haben wir allerdings, Vetter Heinz, denn der Herr Landgraf zählete vergangenen 13. November erst vierundzwanzig Jahre und dis Frau Landgräfin ist am 7. Januar sechzehn Jahre alt geworden. Die junge gnädige Herrschaft hat aber in dem schrecklichen Kriege Gott erbarm's!, welcher nun glücklich beendet wurde, selber viel und schwer leiden müflen, hat von den Eltern eine gar sorgfältige und fürnehm- lich fromme Erziehung empfangen, der gnädige Herr Landgraf ist ein hochsparsamer Herr, alldieweil bemüht, die unnöthigen Ausgaben zu meiden, aber Felder und Wiesen zu bessern und fruchtbar zu machen und sind alle hessischen Prinzen und Prin­zessinnen so gut, edel und gnädig von Herz und Gemüth, daß die große Jugend uns'rer durchlauchtigen Herrschaft uns doppelt freut, verhoffend, daß sie recht lange zum Glück, zur Ehre und Freude ihrer Unterthanen regieren möchten."

Dazu sag' ich Ja und Amen! Vetter Schultheiß, und so fahr' ich gerne hier neben an, um mir das durchlauchtige Paar und sein stattlich Gefolge gar gemüthlich ansehen und betrachten zu können."

Wieder donnerten die Karthaunen in's Thal hinein. Aus dem östlichen Thore des Städtchens Reichelsheim kam ein Zug Musiker: Zinken, Hörner, Trompeten und Pauken erklangen. Ein Trupp nassauische Ehrenreiter folgte mit der Fahne. Hinter dieser das neuvermählte Paar: der Landgraf Wilhelm Christoph auf einem feurigen Rappen, daneben die Landgräfin Sophie Eleonore auf schneeweißem Zelter, hinter den Herrschaften ein zahlreiches Gefolge: Alle prächtig geschmückt und auf stolzen Rossen.

Tausendstimmiger Jubelruf erfüllte die Luft. Es war ein herrlicher Maientag, die Bäume blühten, die Vögel sangen, die Menschen jubelten. Klar und hell eilten die Wellen der Horloff unter der Brücke dahin, über dem Horloffthale lag goldiger Maiensonnenschein, Alles trug dazu bei, den Einzug des jungen Regentenpaares zu einem unvergeßlichen Festtage zu machen.

Die nassauischen Ehrenreiter ritten zur Seite auf den Wiesenplan. Vor der Ehrenpforte hatte sich der Schultheiß mit den Gerichts- und Magistratspersonen aufgestellt, um seinen wohleingeübten Begrüßungs- und Willkommspruch vorzubringen.

Durchläuchtigster, gnädigster Herr Landgras! Durch- läuchtigste, allergnädigste Frau Landgräfin!" rief der Gestrenge da sah er in das wunderliebliche Kindergesicht der Herrin und der Faden seines Willkommspruches war ihm verloren gegangen.

Noch zwei- oder dreimal entrang sich dem Munde des Schultheißen die ehrerbietige Anrede, doch hartnäckig verwei­gerte das Gedächtniß den Dienst. Dicke Schweißtropfen rannen dem gestrengen Dorfoberhaupte die Stirne herab. Da kam ihm unerwartete Hülfe--von oben.

Auf einem mächtigen Birnbaume dicht am Wege und bei der Ehrenpforte hatten die drei prächtigen Jungen des Bingen- heimer Pfarrherrn Oswald Fectius: Ludwig, Kurt und Rudolph, sich luftige Sitze erkoren, auf daß sie Alles bequemlich er­schauen und genießen könnten. Als nun der Schultheiß nach dreimaliger machtvoller Anrede nicht weiter kam, überlief es den ältesten Jungen Ludwig siedendheiß und es war ihm, als müsse er helfen. Mit Heller, klarer Bubenstimme schrie er aus den Baumästen herab, daß es weithin durch Wiesen, Flur und Feld erklang:Unser gnädiger Herr Landgraf und seine aller­schönste Frau Landgräfin sollen dreimal leben! Hoch! Hoch! Hoch!"

Da erhub sich ein gewaltig Jubeln und Hochrufen unter allem Volke; Pauken und Trompeten, Hörner und Zinken

schmetterten darein, die Karthaunen donnerten von Neuem und das fröhliche Rufen tönte zum Himmel empor.

Der Landgräfin liebreizendes Antlitz aber wandte sich nach dem Baumgezweige, von wo die helle Knabenstimme er­klungen war; sie winkte mit der Hand hinauf und sah die drei fröhlichen Jungen in den Aesten sitzen.

Ei, Herr Gemahl," sprach Sophie Eleonore,was tragen Euer Liebden Bäume für hoffnungsreiche Früchte in diesem gesegneten Thale allhier."

Durch das Winken ermuthigt und um besser sehen zu können, stieg der kleine Rufer auf seinem dünnen Aste etwas zu weit voran; der Ast brach und der Junge fiel hinab, auf den unten stehenden Postläufer Heinz Rabenholt, welcher mit offenem Munde die Herrschaften angestarrt hatte.

Sehet Ihr, gnädigste Frau Gemahlin," antwortete Wilhelm Christoph mit gutem Humor,die Früchte fallen Euer Liebden sogar zu Füßen."

Der Zug setzte sich in Bewegung; die Kinder streueten Blumen, das Volk rief:Heil uns'rer gnädigen Herrschaft." Unterdessen raffte sich der durch den herabgefallenen Jungen in den Sand gestreckte Postläufer Heinz wieder empor und eilte stracks hinweg, von dem Gelächter der Umstehenden verfolgt.

Welch' ein Glück," rief Junker von Gemmingen seinem zur Rechten reitenden Nachbarn Engelbrecht von Dörnberg zu, daß der Junge dem Menschen nicht in sein breites Maulwerk gefallen, ansonsten er sicher mit Haut und Haar verschlungen worden wäre."

Vom Kirchthurme zu Bingenheim ertönte feierlicher Glockengeläute. Die Menschenmenge, welche sich dem Zuge anschloß, ward immer größer. Die Häuser in Bingenheim sind festlich geschmückt; überall schauen freudestrahlende Ge­sichter heraus, welche dem jungen Fürstenpaare nachblicken, bis die Straßenkrümmung an der Kirche es verhindert. Langsam reiten die Herrschaften über die Schloßbrücke, nur paarweise können sie durch den engen gothischen Thorbogen gelangen. Kopf an Kopf drängt sich die Menschenmenge im vorderen Schloßhofe; der Hintere Schloßhof, wo sich die herrschaftliche Residenz befindet, ist abgesperrt, nur das Fürstenpaar, die Cavaliere und hohen Beamten begeben sich zu dem Eingänge des landgräslichen Wohnsitzes, wo der Geistliche, die Hofdiener­schaft und das übrige Beamtenpersonal Aufstellung genommen hat- In warmen, zu Herzen gehenden, weil von Herzen kom­menden Worten begrüßt der Pfarrherr Fectius das neuvermählte Paar und segnet dessen Eingang und Ausgang. Zwölf Mäd­chen im Alter von 8 bis 10 Jahren, zierlich in althessische Landestracht gekleidet, überreichen den Herrschaften Sträuße von Ehrenpreis, Maiblumen und rothen Primeln: blauweiß- roth, die althessischen Landesfarben. Das Gefolge erhält ebenfalls Sträuße. Commissarius Michael Caspari, ein hoch­gelahrter Herr, mit großem Wissen in Jura und Cameralia ausgerüstet, war von dem Herrn Landgrafen aus Homburg hierher berufen worden, um in der Landgrafschaft Hessen- Bingerheim das fürnehmste Regiment in Justiz- und Ver­waltungssachen zu führen. Heute sollte er den Dienst über­nehmen und daher war er mit seinem jungen Fürsten und Herrn zugleich eingeritten in's Schloß Bingenheim. Da trat ein Mägdlein von ungefähr zehn Jahren mit seinem Blumen­körbchen herzu, in welchem noch ein einziger Strauß lag. Dar Kind ergriff den Strauß, machte einen zierlichen Knix vor dem gestrengen Herrn Cominissario, richtete die großen, dunklen Augen, welche von langen, schwarzen Wimpern überschattet waren, auf den Herrn und reichte ihm den Strauß. Caspari sieht dem Kinde in's Angesicht und streckt die Hand nach den Blumen aus. Zugleich erfaßt ihn ein Zittern und Beben, als schüttele ihn ein starkes Fieber. Der Strauß fällt zu Boden, um alsbald von dem Kinde aufgehoben und wieder dargeboten zu werden. Wieder sieht der hochmögende Gestrenge in die dunklen Kinderaugen und wieder kann er den stillen, großen Kindesblick nicht ertragen; er kehrt sich um und schreitet den übrigen Herrn nach, durch das Schloßportal. Die Kleine nimmt den Strauß und legt ihn in das Körbchen zurück.

(Fortsetzung folgt.)