sich so zärtlich und vertrauensvoll an mich. Bald konnte sie auch meinen Namen stammeln und ich lehrte sie, sich selbst Theodors Liebling zu nennen — aber Verzeihung, daß ich Sie mit diesen Einzelheiten langweile."
„Im Gegentheil, sie interesfiren mich lebhaft," erwiderte ich erregt, „bitte, fahren Sie fort."
„Zwei Jahre nach dem Tode von Klarissas Eltern brach das Fieber in der Gegend aus," erzählte er traurig weiter; „schon fühlte ich die Krankheit in meinen Adern brennen und ihr langsames Feuer mein Blut verzehren, da stieß ich noch den Befehl hervor, die Mulattin solle mit dem Kinde fliehen. Dadurch hoffte ich dem Kinde das Leben zu erhalten. Das Fieber bannte mich lange auf'« Lager, viele Wochen lang lag ich hilflos, mehr dem Tode als dem Leben nahe; endlich aber siegte meine kräftige Constitution — ich kehrte zum Leben zurück. —
„Meine ersten Fragen waren nach meinem Liebling; da ward mir die traurige Mittheilung, daß das Schiff, auf dem die Wärterin mit dem Kinde sich befunden, Schiffbruch ge- litten habe und das Leben einer Mulattin und eines weißen Kindes dabei zu beklagen sei.
„Ich sandte diese Trauerkunde an Lady Ponsonby, der Schwiegermutter meiner Schwester, zu welcher die Wärterin mit dem Kinde hatte gehen sollen. Seitdem mache ich mir bittere Vorwürfe, daß ich die Kleine überhaupt von mir ge- laffen habe."
Walter schwieg und wandte sich rasch nach dem Fenster; ich sah, wie ein Schleier sich über seine klaren, grauen Augen senkte.
Auch meine Augen wurden feucht und ich erwiderte mit unsicherer Stimme: „Vielleicht vermag ich Sie zu trösten- Nicht aus müßiger Neugier stellte ich diese Fragen über Ihre Vergangenheit; nie würde ich gewagt haben, eine so zarte Seite Ihres Herzens zu berühren I — Herr Rector, ich kenne Theodors Liebling, ich kann Ihnen denselben wiedergeben."
„Fräulein!" rief er aus und wandte sich mir hastig zu; „o, reden Sie! Ist sie noch am Leben?"
Der starke Mann war vor Erregung bis an die Lippen bleich und seine großen Augen starrten mich seltsam fragend und zweifelnd an-
„Ja, sie lebt," antwortete ich; „einen anderen Beweis als mein Wort kann ich Ihnen freilich nicht dafür geben- Ihre Nichte lebt und ist gesund und so schön und glücklich, wie Sie es nur wünschen können."
Für einen Augenblick überwältigten ihn Schreck und Freude, und er verbarg sein Gesicht in den Händen. Dann richtete er .den Kopf langsam in die Höhe und sagte mit tief« bewegter Stimme: „Wo ist sie? Kann ich sie sehen? Kann sie zu mir kommen — das Kind meiner geliebten Schwester?"
„Ja, aber nicht heute; morgen sollen Sie ste sehen. — Wollen Sie jetzt Platz nehmen und sich von den letzten elf Jahren ihres Lebens erzählen laffen? — Niemand kennt die« selben bester als ich."
Er setzte sich und hörte mir fast athemlos zu, als ich ihm die Schönheit und den Liebreiz meiner Pflegeschwester schilderte. Ich erzählte, auf wie seltsame Weise sie zu uns gekommen, welch' unbegreifliche Liebe meine Mutter für die kleine eitern« und heimathlose Waise empfunden, wie wir sie erzogen hatten und mit welcher Zärtlichkeit ich selbst an ihr hinge. Guidos erwähnte ich mit keinem Worte, wozu auch?
„Mein Fräulein," sagte der Rector mit erstickter Stimme, als er beim Abschied meine beiden Hände ergriff, „mir fehlen die Worte, Ihnen zu danken. Dieses Kind wurde mir von einer mir theuren Sterbenden anvertraut und ich wollte die Aufgabe, die ich mir selbst zur Pflicht gemacht hatte, gewissenhaft durchführen, mir wurde diese Möglichkeit genommen; aber ich bin überzeugt, daß sie bester erfüllt worden ist, als ich es je vermocht hätte."
♦ » ♦
Am nächsten Tage faß ich mit Edith in meinem behaglichen Stübchen am offenen Fenster.
Wie riß ste die grauen Augen auf, als ich in meiner schon auf der Herfahrt aus der Pension begonnenen Erzäh« lung fortfuhr! — Wie athemlos lauschte ste meinem Bericht!
Als ich endlich zu Ende war, sprang sie auf, schlang mit ihrem gewohnten Ungestüm die Arme um meinen Hals und erklärte unter Schluchzen, daß kein Mensch auf Erden uns trennen dürfe.
Ich küßte die erhitzten Wangen, strich die braunen Locken zurück und bat sie, Herrn Walter ruhig entgegenzutreten. Ich sah, daß er soeben durch den Garten auf das Haus zukam und ging ihm entgegen.
Erregt und forschend sah er mich an-
„Ist sie da, Fräulein? Ist die kleine Klariffa hier?" fragte er hastig.
„Bitte, nennen Sie ste bei dem Namen, der ihr der liebste ist," entgegnete ich; „nennen Sie sie Edith."
„Nun denn — ist Edith hier? — O, reden Sie!"
„Treten Sie ein und sehen Sie selbst," entgegnete ich lächelnd und riß die Thüre zu dem Wohnzimmer weit auf; „da ist Theodors Liebling!"
O, das gegenseitige Betrachten dieser Beiden war unbeschreiblich! Jetzt Fremde, einst so vertraut miteinander, — er mit dem Hut in der Hand, den Kopf ein wenig vorgebeugt, um ihre Schönheit mit einem Blicke ganz in sich aufzunehmen; sie halb vom Stuhle erhoben, beide Hände auf die Armlehnen desselben gestützt, das liebe Gesicht vor Aufregung und Erwartung geröthet; so schauten sie einander einen Moment an, dann trat er näher.
„Edith," Hub er an, „ich erinnere mich Deiner nur, wie Du vor elf Jahren von mir schiedest. Jetzt flehst Du wie eine aus dem Grabe Erstandene vor mir, Du siehst genau so aus wie meine Schwester Klariffa, bevor wir das Heimath- land verließen. Um meiner theuren Schwester, um Deiner Mutter willen, laß mich Dich an mein Herz nehmen und Dich wieder meinen Liebling nennen."
Da sprang ste ihm entgegen, seine Arme schlossen sich fest um ihre schlanke, mädchenhafte Gestalt. Ich sah, daß hier jede weitere Erklärung unnütz war, daß etwas in seiner Stimme oder seinem Wesen eine langverstummte Saite ihrer Herzens berührt hatte und leise schloß ich die Thüre, um Beide allein zu lassen. —
Die so begonnene Bekanntschaft mit dem Rector reifte bald zu warmer Freundschaft. Edith behielt ich vorläufig zu Hause, bis etwas Bestimmtes über ihre Zukunft beschlossen sein würde. Ihr Onkel räumte ein, daß wohl Niemand ein größeres Anrecht an sie habe, als ich, aber sein strenges Pflichtgefühl gebot ihm, Lady Ponsonby, ihrer Großmutter in England, der einzigen außer ihm noch lebenden Verwandten Ediths, Mittheilung von dem Geschehenen zu machen.
Ediths Vater war gegen den Willen seiner Mutter Geistlicher geworden und hatte sich, kurz nachdem er in sein Amt eingetreten, mit Klariffa Walter, der hinterlassenen Tochter eines einfachen Beamten, verheirathet, der sich weder eines langen Stammbaumes, noch eines großen Vermögens rühmen konnte. Seitdem hatte die Mutter dem ungehorsamen Sohne verboten, ihr Haus wieder zu betreten. — Bald darauf war derselbe einem sehr ehrenvollen Ruf nach Valparaiso gefolgt. Seitdem hatte die stolze, hochgeborene Dame ihre Strenge tief bereut, aber ach, die Reue war zu spät gekommen! — Bevor ihre Verzeihung und ihre Bitte, in die Heimath zurück- zukehren, den Sohn erreichten, war derselbe einem anderen Rufe — dem Rufe in's Grab gefolgt! —
Der Rector schrieb nach London, wo Lady Ponsonby schon seit vielen Jahren lebte; er theilte ihr Alles mit und schloß seinen Bericht damit, daß er ihr dringend an's Herz legte, ihr Enkelkind so lange unter seiner Obhut zu lassen, bis deren Erziehung beendet sein würde.
Zwei ganze Wochen lang erwarteten wir vergebens eine Antwort auf dieses Schreiben.
Ungefähr drei Wochen, nachdem der Brief abgesandt war, fuhr ein geschlossener Wagen in unser Städtchen ein und die dampfenden Pferde hielten vor unserer Gartenthür. Edith,


