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M. 139
Dienstag, den 27. November.
Verworrene Wege.
Roman von A. Nicola.
(Fortsetzung.)
Unter lebhafter Unterhaltung hielten wir bald vor meiner bescheidenen Wohnung.
Ec sprang aus dem Wagen und war mir beim Aus- steigen behilflich. Ich forderte ihn auf, ob er nicht einen Augenblick näher treten wolle; da sich aber das Pferd etwas unruhig zeigte und Niemand da war, es zu halten, erwiderte er, ein anderes Mal werde er sich das Vergnügen bereiten.
Als ich mich dem Hause zuwandte, sah ich dicht an einem Rosenbusch etwas Weißes liegen. Ich hob es auf, es war ein feines Taschentuch; in der Ecke war Max Theodor Walter gestickt.
Der Name Theodor machte mich stutzig. Jetzt wußte ich mit einem Male, daß ich diesen Herrn nie zuvor gesehen hatte, aber ich wußte auch, wer dieselben grauen Augen, dieselben schmalen Lippen hatte, Theodors Liebling, unsere Edith.
Ja, die Aehnlichkeit mit Edith war es, die mich irre* geführt hatte.
Wer war aber dieser Mann? — Ihr, Ediths Vater oder ihr Bruder? — Für ersteren Fall war der Alters« unterschied zu gering, für letzteren zu groß. Vielleicht war es überhaupt nur eine zufällige Aehnlichkeit; vielleicht gingen die Zwei einander gar nichts an und mein Schreck war ganz unbegründet. Doch, es war ja nicht nur die Aehnlichkeit, es war auch der Name! Hatte er nicht auch gesagt, daß er sechzehn Jahre lang im Ausland gelebt habe? Wenn er mich besuchte, wollte ich ihn fragen. Aber ich fürcht te seinen Besuch, aus Angst, meine Befürchtungen könnten sich bestätigen und er könne frühere Rechte an meine geliebte Edith geltend machen. Wie konnte ich mich von ihr, meinem warmherzigen Liebling, trennen? Wer war er, dieser Fremde, der kam, mir das Kind zu rauben?
Von bargen Ahnungen erfüllt, warf ich das Tuch, das ich so aufmerksam betrachtet hatte, bei Seite und ging mit angstvoll klopfendem Herzen im Zimmer auf und ab. Ich liebte das Kind; wenn es zu seinem Besten wäre, würde ich es gern Anderen überlasten. Aber eine innere Stimme sagte mir, daß es nicht so sein würde.
Den ganzen nächsten Tag wartete ich voll Ungeduld, halb hoffend, halb fürchtend, Herr Walter werde kommen, aber langsam verstrichen die Stunden, ohne daß er sich blicken ließ. So war sie noch einen Tag länger mein! Ich athmete wieder
freier, das Herz wurde mir leichter. Noch an demselben Abend schrieb ich einen langen, herzlichen Brief an Edith.
Am vierten Tage endlich kam Herr Walter.
Nach der ersten Begrüßung und ein paar gleichgiltigen Worten wandte ich mich etwas plötzlich mit der Frage an ihn: „Sie heißen Max Theodor Walter?"
„Allerdings," versetzte er mit einem Lächeln der Verwunderung. „Wie sind Sie zu dieser genauen Kenntntß meines Namens gekommen?"
„Auf sehr einfache Weise. Sie haben neulich hier an der Gartenthüre dieses Tuch verloren," erwiderte ich und reichte ihm dasselbe.
„Besten Dank, ich hatte es noch gar nicht vermißt;^wir Junggesellen sind in solchen Dingen sehr nachlässig."
„Sie sagten mir," sprach ich weiter, „Sie wären erst seit Kurzem nach Deutschland zurückgekehrt. Darf ich fragen, ohne unbescheiden zu erscheinen, woher Sie kommen?"
„Gewiß," versetzte er; „ich lebte bis vor drei Monaten in Valparaiso in Südamerika."
Bei Nennung dieses Namens schrak ich zusammen.
„Nochmals muß ich um Verzeihung bitten; ich werde Ihnen sogleich den Grund zu meinen Fragen mittheilen. — Lebten Sie allein in Valparaiso? Ich meine in Bezug auf Verwandte?"
„Elf Jahre, bis zur Zeit, wo ich Amerika verließ, lebte ich allein."
„Und vorher?"
„Vorher lebte ich bei meiner verheiratheten Schwester. Mein Schwager war englischer Geistlicher und stammte aus sehr vornehmer Familie. Sie ließen sich in England trauen, und ich — damals noch ein halbes Kind — begleitete fie bald nach der Hochzeit in das fremde Land. Mehrere Jahre darauf starben Beide binnen wenigen Tagen an einer ansteckenden Krankheit. Ihr Kind, ein Töchterlein, hinterließen sie meiner Fürsorge."
„Lebt dieses Kind noch?" fragte ich athemlos.
Tiefe Trauer klang durch seine Stimme, als er antwortete: „Die Arme ist auf einer Reise nach Europa ertrunken. Wenn ich an dieses Kind denke, wird mich ein Gefühl der Reue nie verlaffen. Sie war erst zwei Jahre alt, als sie mir als elternlose Waise in die Arme gelegt wurde. Ich zählte damals kaum zwanzig Jahre und wußte Anfangs nicht recht, was ich mit der Kleinen anfangen sollte. Aber eine Mulattin, eine alte, treue Person, die immer bet meiner Schwester gewesen war, nahm sich des Kindes an. Meine liebe kleine Klariffa! Wie bald gewann sie mich lieb! Da umschlang sie mich mit ihren kleinen Aermchen und schmiegte


