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Wortes von ihr, nur eines Winker ihrer kleinen Hand — und Lord Rawdon liegt wieder zu ihren Füßen.
Höfliche gegenseitige Verbeugungen, kalte Blicke ohne irgend ein Wort der Begrüßung — dann ist man an einander vorbei.
Lord Rawdon folgt der Einladung der Herzogin zum Thee.
Nach einer langen, erregten Unterredung mit ihr verläßt er sichtlich befriedigt dar Palais. Der Händedruck, den Beide beim Abschied wechseln, der verständnißvolle Blick beweisen, daß sie ein gleiches Ziel verfolgen.
„Räche Dich! Räche Dich!" murmeln feine Lippen, als er langsam die Straßen zu seiner Wohnung dahinschlendert, aber nicht mehr niedergedrückt und unstät wie vorher, sondern erhobenen Hauptes, mit stolz blickenden Augen und energisch geschloffenem Mund.
XII.
Die Saison hatte ihr Ende erreicht. London ist der Vergnügungen, der Festlichkeiten müde. Wer irgend kann, verläßt die heißen, staubigen Straßen der Weltstadt und rüstet sich in einem modernen Badeort oder ganz zurückgezogen in ein Buen-Retiro auf dem Lande für die Strapazen des kommenden Winters.
Auch Lola ist ihrer städtischen Triumphe überdrüssig. Sie folgt einigen der vielen Einladungen und macht ein Tournoe durch die allerverschiedensten Landsitze- Wo sie sich blicken läßt, im modernen, prunkvollen Schloß, im alterthüm. lichen, hochgewölbten Castell, im zierlichen, villenartigen Landhaus — überall ist sie ein Gegenstand der Aufmerksamkeit, der Bewunderung. Andere werden ihretwegen eingeladen; um ihre elegante Gestalt, ihr liebliches Gesicht, die Fülle ihrer kastanienbraunen Haare am besten bewundern zu können, arran« girt man lebende Bilder, sührt man Theaterstücke auf, stellt man Charaden. Und ob sie als „Julia" erscheint oder als „Gretchen", ob als „Venus" — stets der gleiche enthusiastische Beifall, das gleiche Entzücken der Zuschauer.
Man reißt sich förmlich um ihren Besuch. Ihre Schönheit, ihre Heiterkeit, ihr Witz bilden für jedes Haus, t» dem sie sich aufhält, eine besondere Anziehungskraft.
Ihr Name ist bereits im ganzen Land bekannt. Jeder« mann liest mit Jntereffe über sie in den Zeitungen — was sie treibt, wohin sie geht, wie sie gekleidet ist, welche Juwelen sie trägt. Und Lola fühlt sich inmitten dieser Popularität so recht in ihrem Element. , „ ,
Bald nach Weihnachten begibt sie sich auf ihr kleine«, idyllisch gelegenes Landhaus in der Nähe Londons. Früher hatte sie stets im Gedanken daran das Näschen gerümpft. Doch jetzt dünkt es sie paffend, um einige Zeit der Ruhe pflegen und bei der Eröffnung der Saison völlig frisch zu sein. Sie unternimmt lange Spaziergänge im Park und geht Abends früh zu Bett, *tamit ihre Wangen den Schmelz, ihre Augen den Glanz wieder erhalten, den sie während des letzten Jahres ein wenig eingebüßt. _
Der Erfolg ist ein glänzender. Als sie Anfang März nach London zurückkehrt, gleicht sie der Göttin der Jugend und Gesundheit. , , c ,
Frau March hat seit einiger Zeit wreder begonnen, ihrer Tochter die Nothwendigkeit einer baldigen Verheirathung vorzustellen. Die ernste, feinfühlige Dame hatte unter jener vorübergehenden Periode mit den beiden stürmischen Liebhabern Lolas tief gelitten. Aehnliche Scenen wiederholten sich seit» dem fast wöchentlich, ohne auf Lola den geringsten Eindruck zu machen.
„Schön und klug, aber kalt und herzlos!" So lautete das allgemeine Urtheil über sie-
Selbst Frau von Lovel, nach wie vor Lolas vertrauteste Freundin, hatte einmal bemerkt: „Wenn ich an Ihrer Stelle wäre und zwischen Hunderten wählen könnte, würde ich den Gedanken an eine neue Heirath nicht so ganz verwerfen."
Da hatte Lola heiter aufgelacht.
„Meine beste Freundin, ich fühle mich äußerst wohl so.
Ich liebe nun einmal keine Ketten, selbst wenn sie von Roseti sind."
„Aber Sie wären freier mit einem Gatten zur Seite, als jetzt —"
„Oder ganz gebunden. Ich danke sehr. Nein — wenn ich jemals wieder heirathe, so muß es eine ganz besondere Partie sein, etwa» ganz Ungewöhnliches. Ich bin des ein- fachen englischen Adels müde. Die Londoner Häuser, die eng. lischen Landgüter langweilen mich. Ich verlange nach etwas Neuem."
„Das nenne ich einen energischen Vorsatz!"
Und Frau von Lovel hatte in Lolas heiteres Lachen eingestimmt, wenn auch mit einem kleinen Anflug von Neid.
Damit war das Gespräch abgebrochen und nicht wieder berührt worden. —
Niemand wurde freudiger, enthusiastischer zu Beginn der neuen Saison bewillkommnet, als Lola. Einige kleinere Fest, lichkeiten hatten bereits stattgefunden, bei denen sie, wie immer, als Königin glänzte.
Heute sitzt sie in einem bequemen Morgenrock aus mattgrünem Plüsch beim Frühstück und durchfliegt die soeben ein« gelaufenen Briefe — fast lauter Einladungen für die künftige Woche.
„Das fängt wieder gerade so an, wie es voriges Jahr aufhörte," sagt sie halb spöttisch, halb gelangweilt zu ihrer Mutter, die gerade ein Birquit in ihren Thee tunkt. Die würdige Dame hatte sich nie mit der weichlichen Chocolade befreunden können. „ „ , L
Frau March schweigt. Sie denkt zwar: „Hoffentlich wird es dieses Jahr anders!" Aber sie behält ihre Gedanken ruhig für sich-
Plötzlich ein kleiner Freudenschrei Lolas-
Die Pastorswittwe hebt den Kopf.
''Das hätte ich der Herzogin von Edenfield gar nicht zu« getraut," ruft Jene lebhaft. „Ich hielt sie stets für meine Feindin, glaubte manchmal gar, Haß in ihren Augen zu lesen. Und nun dieser Brief!"
„Was schreibt sie denn?"
Lola ergreift ein goldumrändertes, duftendes Billet, in dem eine Einladung zum heutigen Diner enthalten ist mit folgenden liebenswürdigen Schlußworten:
„--Und nun machen Sie sich so unwrderstehlich wie
möglich! Es kann Ihnen ja nicht schwer fallen. Im Vertrauen gesagt: Ich gebe das Diner zu Ehren eines illustren Gastes, den ich heute zum ersten Mal bei mir sehe. Sie haben jeden« falls schon von dem Fürsten Orlowsky gehört, von seinen grandiösen Weltreisen, seinen unermeßlichen Reichthümern, viel« leicht auch von seiner großen Blastrtheit- Wie ich höre, soll dieser Herr sich wiederholt gerühmt haben, daß kein Weib er jemals fertig bringen würde, ihn zu bezaubern, da er ruhigen Blutes die schönsten Frauen der Erde gesehen. Offen gestan« den — ein solcher Hochmuth ärgert mich. Ich habe deshalb für heute unsere reizendsten Damen eingeladen, unter denen Sie natürlich die Erste sind. Er soll sehen, daß es in Eng- land schöne Frauen gibt. Ich rechne bestimmt auf Ihr Kom« men. Lord Rawdons Anwesenheit wird Sie hoffentlich nicht geniren — —" , ,
Der liebenswürdige, vertrauliche Ton der Einladung schmeichelt Lola unendlich. Selbstverständlich wird sie gehen- Was kümmert sie Lord Rawdons Anwesenheit I . . - Da Ml ihr Blick auf eine kleine Nachschrift in der Ecke de» Bille».
„Kommen Sie, wenn möglich, etwas früher! Ich möchte vorher mit Ihnen sprechen."
„Ueber den Fürsten," lacht Lola. Im Geheimen freut sie sich, daß sie orientirt werden soll; denn da sie fast n ematr Zeitungen liest, wenn dieselben nicht gerade Lobeserhebungen ihrer Person bringen, so hatte sie auch über besagten Fürsten noch nichts weiter gehört, als daß er vor etwa acht Tagen in London angekommen sei. Das hatte sie wenig interesstri. Sie wußte nicht, ist er jung oder alt, schön oder häßlich, retcy oder arm.


