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alle Polizeiorgane der großen Handels« und Seestädte in Bewegung gesetzt, um den Flüchtling zu ergreifen-
Aber wie gewöhnlich in solchen Fällen erwiesen stch die polizeilichen Maßregeln als fruchtlos, denn der schlaue Htlleffen hatte bereits einen zu großen Vorsprung. In drei Tagen war er, stets mit den Schnellzügen fahrend, bis in die portugiesische Hafenstadt Oporto gelangt und von dort fuhr er mit einem Dampfschiffe schon am folgenden Tage nach Buenos- Ayres weiter. Auch hatte sich Hilleffen durch Abscheeren seines Bartes und Färben seiner Haare ganz unkenntlich gemacht.
Vor dem Betreten der Hafenstadt Buenos Ayres hatte Hilleffen allerdings eine große Angst, denn die dortige Polizei war sicher beauftragt, alle -Passagiere scharf in's Auge zu faffen und den flüchtigen Bankdirector zu ergreifen. Das Uebelste dabei war, daß Hilleffen keine Legitimationspapiere besaß, aber diese beschaffte er sich durch Bestechung von einem heruntergekommenen portugiesischen Kaufmanns, der ebenfalls nach Buenos-Ayres reiste und dort fein Glück machen wollte.
Auf diese Weise gelangte Hilleffen unbehelligt nach Buenos- Ayres.
Dort suchte alsbald Hilleffen seinen früheren Freund und Helfershelfer Werner Kühn auf, der sich mit seiner Familie nach Buenos-Ayres begeben hatte und nach den Briefen seiner Frau sich gebessert haben sollte. Dies war aber durchaus nicht der Fall, denn der viel zu tief gesunkene Werner Kühn war auch in Buenos-Ayres ein Lump geblieben, der nichts arbeitete und seiner Frau zur Last lag, und nur aus Furcht vor Mißhandlungen hatte die arme Frau dem Unholde den Willen gethan und an Hilleffen nach Deutschland geschrieben, daß er sich gebessert und ein kaufmännisches Geschäft erworben hätte.
Zu feinem großen Schrecken sah aber Hilleffen, daß er betrogen war und daß die Kühn'sche Familie nur in einer elenden Kellerwohnung hauste. Werner Kühn war wie gewöhnlich angetrunken, als Hillessen in die armselige Wohnung trat und mit den Worten von Kühn empfangen wurde: „Bist Du es selbst, Carl Hillessen, oder ist es Dein Geist, der vor uns steht? Bist Du es aber selbst, so bist Du noch ein größerer Spitzbube als ich, denn mit leeren Taschen bist Du nicht aus der Bank gegangen, die Dich alberner Weise zu ihrem Direc- tor erkor. Gib also die Hälfte Deines Raubes schleunigst heraus oder ich schaffe Dich zur Polizei, um wenigstens die auf Deinen Kopf ausgesetzte gute Belohnung zu verdienen!"
„Elender, unverbesserlicher Schurke!" schrie Hillessen leichenblaß werdend und vor Wuth zitternd. „Ist das der Dank für die großen Wohlthaten, die ich Dir und Deiner Familie gewährte?"
„Was sprichst Du von Dank?" entgegnete Werner Kühn in seiner frechen Weise. „Du steckst noch tief, tief in meiner Schuld, denn als ich die Angelegenheit der Wechselfälschung beim Commerzienrath Polenz vor nun zehn Jahren schließlich allein auf mich nahm, um durch Dich das Geld zu retten, da hattest Du allein den Vortheil davon und ich trug den Schaden. Und hier meine Frau und mein Sohn hungern und sind krank und elend. Also gib rasch die Hälfte Deiner Beute heraus oder Du zwingst mich, die auf Deine Verhaftung ausgesetzte Belohnung zu verdienen!"
„Nun, Ihr sollt keine Noth leiden," erklärte Hillessen nachgiebig. „Hier hast Du zehntausend Mark in guten Papieren."
„Das ist herzlich wenig," entgegnete der Gauner mit großer Frechheit. „Gib mehr her, sonst bringe ich Dich zur Polizei. Ich muß die Gelegenheit benutzen, denn später, wenn Du selber nichts mehr besitzest, bekomme ich doch nichts mehr."
Aber Hillessen wurde durch diese Frechheit in eine grenzenlose Wuth versetzt und wie schon einmal in?Deutschland packte er Werner Kühn mit eisernem Griffe an der Gurgel und würgte ihn todt.
„Ich will Sie wegen dieser That weder verdammen noch anzeigen, Herr Hillessen," wimmerte die kranke Frau Kühn von ihrem elenden Lager herab, „denn mein Mann war that«
sächlich ein unverbesserlicher, elender Schurke und eine Plage für mich und mein Kind."
„Ich weiß es, liebe Frau," sagte Hillessen in heftiger Erregung. „Hier nehmen Sie das Geld und erziehen Sie Ihren Sohn zu einem ehrlichen Menschen. Leben Sie wohl 1"
Mit diesen Worten verließ Hilleffen die Stätte des Grauens und begab sich in ein Hotel der Stadt Buenos- Ayres. Aber unter dem Drucke der Mordthat und der Angst, entdeckt zu werden, hatte er nirgends Ruhe und schon am andern Tage kaufte er zwei Pferde, sowie zwei Flinten und mtethete sich einen Diener und floh mit diesem landeinwärts, um sich allen Verfolgungen zu entziehen. Es war ein elendes und doch sehr kostspieliges Leben, welches Hilleffen dabei hatte, denn nirgends blieb er länger als höchstens einen Tag und Alles, was er für stch und seinen Diener brauchte, mußte er sehr theuer bezahlen.
Nach einer zwei Monäte dauernden unstäten Umherwanderung beschloß Hillessen, in das benachbarte Chili stch zu begeben. Auf der Reise dahin fiel er aber räuberischem Ge« finde! in die Hände, wurde seines Geldvorrathes beraubt und rettete nur noch einige deutsche Werthpapiere, welche er in seiner Weste eingenäht hatte.
Endlich gelangte er unter vielen Beschwerden nach Val- paraiso, der chilenischen Hafenstadt, und war dort genöthigt, in einem Bankhause die deutschen Werthpapiere zu verkaufen Aber bei diesem Vorhaben wurde er verhaftet, denn der Bankier war ein ehrlicher Mann und fand die Nummern der Obligationen auf der Liste der in Deutschland gestohlenen Werthpapiere, welche ihm der deutsche Consul vor einigen Wochen überreicht hatte.
Gefesselt und von einem Polizeibeamten begleitet, wurde Hilleffen bald darauf auf einem Schiffe nach Deutschland zurückgebracht.
Die Nachricht von Hillessens Verhaftung erweckte in der Hauptstadt große Sensation, und da man in demselben den schlimmsten Üebelthäter bei dem Zusammenbruche der Central- Commerzbank erblickte, so stand ein großer Scandalprozeß, der mit der Verurteilung Hillessens zu zehn Jahren Zuchthaus enden durfte, bevor.
Aber das Schicksal Hillessens gestaltete sich ganz anders. Infolge der Strapazen, Aufregungen, Entbehrungen und De- müthigungen, welche er in den letzten sechs Monaten erlitten, kam er schwer krank und geistig und körperlich gebrochen in Deutschland an und mußte anstatt in's Gefängniß in's Krankenhaus geschafft werden, wo er bereits zwei Tage später an Lungenentzündung starb.
„Ich danke Dir, allmächtiger und barmherziger Gott, für die Gnade, daß Du durch den Tod dieses unheilvollen Mannes einen, unsere Familie auf's Neue an den Pranger stellenden Scandalprozesses verhindert hast," flüsterte am Morgen des Tages, an welchem Hillessens Tod bekannt wurde, in einem Hotel der Hauptstadt der Assessor Ernst Pohlmann, welcher gestern sein zweites Examen bestanden hatte.
Bald darauf klopfte es auch an die Thüre des Hotel zimmers und Professor Galen trat leuchtenden Auges ein.
„Du wirst die Stellung in der Direction der Versicherungsgesellschaft erhalten, lieber Ernst," rief er freudig nach der ersten Begrüßung, „mein guter Onkel hat es mir gestern geschrieben."
„Herzlichen Dank für Deine Fürsprache, lieber Freund, entgegnete Ernst Pohlmann und reichte Galen die Hand. „Reisest Du nun auch einmal mit nach Hamburg?"
Galen schüttelte mit dem Kopfe und sagte: „Ich reise erst dann mit Dir dahin, wenn ich weiß, daß zwischen Deiner Schwester und mir die alte Liebe wieder bestehen kann."
„Die bestand ja immer und wird wohl auch ewig bestehen," erklärte mit Begeisterung Ernst Pohlmann, „und es könnte sich nur darum handeln, ob Du meine arme Schwester noch als Frau begehrst."


