Ausgabe 
27.9.1894
 
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Donnerstag; den 27. September.

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Anr«kh«ltungsblatt jum Gietzenev Anzrigev (G«n«val-Anz«ig«v)

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In den Fesseln der Schuld.

Criminal-Novelle von C. Sturm.

(Schluß.)

Dieses Empfinden des Sohnes und Bruders wurde bald voll und ganz auch von Frau Pohlmann und Carola getheilt, und deshalb reifte bei den drei Personen der Entschluß, in der Hauptstadt gar nicht erst eine kleine Wohnung zu miethen, sondern nur für Unterkunft der Möbel und Kunstsachen Sorge zu tragen, und gleich eine andere Stadt als künftigen Aufenthaltsort zu wählen.

.. die Entschließungen dazu waren nun aber offenbar die Absichten des Referendars maßgebend. Mancherlei Pläne durchschwirrten in dieser Hinsicht auch seinen Kopf, aber er kam dabei zu keinem rechten Entschlüsse, denn da er bisher vorzugsweise nur seinen Studien und Vorbereitungsarbeiten auf das zweite Examen gelebt, hatte er sich wenig um die Dinge bekümmert, die nun für sein Vorhaben, in einer anderen Stadt und in einem anderen Berufe sich eine Existenz zu suchen, von Wichtigkeit waren.

, Um seine Zweifel und Bedenken zu bannen, beschloß da- her Ernst Pohlmann, seinen treuen Freund, den Professor Galen, den er seit dem traurigen Begräbnißtage nicht wieder gesehen hatte, um Rath zu fragen.

Galen nahm den Besuch des Referendars sehr freundlich auf und hörte mit großer Theilnahme dessen Pläne, über Eche er sich als älterer und erfahrener Mann bald ein Ur- theil bildete.

n ..Deine Absicht, infolge des großen Unglücks der Haupt» stadt und Deinem bisherigen Berufe den Rücken zu wenden, bedauere ich zwar von Herzen," sagte Galen zu dem Freunde,

aJPu 68 ats notwendig für Dein ferneres freies und tüchtiges Vorwärtsstreben hältst, so muß ich diesen Entschluß auch billigen. Dringend möchte ich Dir aber rathen, daß Du hier noch das zweite juristische Examen, zu welchem Du Dich schon recht fleißig vorbereitet hast, machst, denn wenn Du dieses Examen abgelegt hast, werden Dir noch viel mehr Lauf­bahnen offen stehen, als jetzt. Du kannst Dich dann in einer anderen Stadt als Rechtsanwalt niederlassen, kannst auch bei einer Lebensversicherungsgesellschaft eine hohe Stellung erwerben H c aO dem höheren Eisenbahndienst Dich widmen. Also lieber Ernst, Dein zweites Examen mußt Du machen und wenn es Dir an Geld dazu fehlen sollte, so bin ich Dein Freund, der Dir helfen wird."

Aber ich will doch fort aus dieser Stadt, wo mir der

Aufenthalt verleidet wurde," entgegnete Ernst Pohlmann,und Meine Mutter und Schwester denken ebenso."

Dies mögt Ihr thun, aber nach drei oder vier Mona­ten kommst Du in die Hauptstadt zurück und machst Dein zweites Examen."

Und zu welchem Berufe würdest Du mir dann besonders rächen," frug der Referendar,denn es wäre doch gut, wenn ich in dieser Hinsicht schon jetzt einen festen Plan hätte."

Da Du die richterliche Laufbahn aufgeben willst, Ernst," entgegnete Galen,so sind sür Dich solche Carriören gut, wo Du rasch vorwärts kommen kannst. Ich denke, daß Du als Rechtsanwalt oder auch bei einer großen feinen Versicherungs­gesellschaft Dein Glück am ersten machen kannst. Mein Onkel in Hamburg weiß übrigens leicht in solchen Dingen Dir zu rathen und zu helfen."

Dafür würde ich sehr dankbar sein," erwiderte der R^ ferendar,denn ich darf meiner Mutter nicht lange mehr Geld- kosten verursachen, da sie nur noch auf eine kleine Leibrente angewiesen ist."

Mache Dir nur in dieser Hinsicht keine Sorgen," er­klärte Galen,ich müßte Dein Freund nicht sein, wenn ich Dir nicht im Nothfalle helfen wollte. Auch möchte ich Dir und Deiner Mutter rathen, nach Hamburg überzusiedeln und zwar nicht direct nach Hamburg selbst, sondern nach einem der hübsch gelegenen Vororte der großen Seestadt. Hier nimm dieses Billet mit einem Gruße von mir an meinen Onkel mit, er wird Dir gefällig sein und Ihr werdet Euch in der frem- den Stadt nicht so ganz vereinsamt fühlen. Ich wünsche Euch glückliche Reise und bitte noch, Deine Mutter und Schwester von mir zu grüßen, denn ich denke doch, daß das, was wider unseren Willen uns trennte, durch den Tod Deines Vaters und durch die Flucht jenes schlimmen Mannes beseitigt ist."

Du edler Mann!" rief Ernst Pohlmann.Deine milde und großmüthige Auffassung der damaligen und jetzigen pein­lichen Lage unserer Familie sichert uns Deine Freundschaft. Wie können wir es Dir jemals danken!"

Die wahre Freundschaft macht keinen Anspruch auf Dank, sondern kennt nur liebe Pflichten, sprich mir also nicht von Dank, Ernst! Leb' wohl! Auf Wiedersehen hier in der Resi­denz in drei oder vier Monaten zu Deinem Examen!"

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Da man bei dem flüchtigen ehemaligen Bankdirector Hillessen die Mitnahme bedeutender, der Central-Commerzbank und deren Gläubigern gehörigen Geldsummen und Werthpapiere vermuthete, so wurde derselbe alsbald steckbrieflich verfolgt und