Ausgabe 
26.6.1894
 
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hin und her im sausenden Galopp ging's fort wie ein Schneckengang erschien's ihr.Zu ihm! zu ihm!" Sie hätte beten mögen und konnte nicht, die starren Augen in die Ferne gerichtet, das schäumende Pferd zu immer rasenderem Laufe antreibend, stürmte sie dem Sturmwind gleich hoch- aufgerichtet im Wagen stehend dahin alles Denken, alles Fühlen zerschmolz in dem einen verzweifelnden Gedanken: Zu ihm, ehe es zu spät ist!"

Ihr schien's eine Ewigkeit, und doch waren's kaum zweimal zehn Minuten, die die rasende Fahrt gedauert. Da stiegen die Wirthschastsgebäude von Horstfelden vor ihr empor, der schäumende Gaul verdoppelte seinen Lauf, der Wagen rollte in den Hof ein und prallte an einen Prellstein, daß der Wallach in die Knie brach. Die Zügel über ihn schleudernd und keinen Blick mehr auf Wagen und Pferd werfend, sprang Marie herab, die Gefahr nicht achtend, in welche sie der tollkühne Sprung brachte. Die Hände gegen die wogende Brust gepreßt, strebte sie dem Hause zu. Alles still, tobten- still ein Aechzen entrang sich ihrer Brust Sie eilte ins Haus niemand in den Zimmern die Hinterthür, der Garten dort, das Gartenhäuschen wieder kein Laut, so war doch schon alles vorüber, das Entsetzliche geschehen die Kraft fehlte ihr, weiter zu gehen, sie fühlte ihre Knie brechen und mit dem Weherufe:Hinrik, ach, Hinrik! sank sie wenige Schritte vor dem Gartenhause zusammen.

Die Nacht hatte Hinriks finsteren Entschluß zur Reife gebracht. Er fühlte sich unfähig, die Last seines Lebens länger zu ertragen. Wozu auch. Die ihn liebten, deckte schon längst das küble Grab. Niemandem zur Freude lebte er. So sollte denn der letzte Morgen der Ordnung seiner Angelegen­heiten gelten-

Niemand sollte in seiner Nähe sein, wenn er die Bilanz seines verfehlten L-bens zog. Die Knechte beorderte er aufs Feld, mit dem letzten derselben sandte er die alte Trude mit einem erheuchelten Auftrage in die Stadt- Ihr würde sein jäher Tod am wehesten thun, sie sollte also am entferntesten fein. Eine wohlige Ruhe kam über ihn, als alles um ihn her menschenleer und still geworden war. Seine alten Duell­pistolen hatte er von ihrem Platze auf seinem Secretär herab­geholt und in dos Gartenhaus getragen. Dort, wo er dis Qual seines Lebens in so vielen einsamen Stunden ausgekostet, dort sollte man ihn finden. , mtn

Und nun saß er dort und schrieb seinen letzten Willen. Die Ordnung seiner Angelegenheiten bereitete ihm keine sonderliche Mühe. Es" war alles in Ordnung. Seinen Leuten bestimmte er Legate, reich und ansehnlich, der alten Trude das größte- Horstfelden verschrieb er Marien aus Dankbarkeit für jenen Brief, den er nun mit hinabnehme ins Grab.

Nun war er fertig. Die Feder hatte ihre Dienste ge- than- Der Rest blieb der Waffe übrig.

Er lud die eine mit der Sorgfalt des Jägers, setzte das Zündhütchen auf den Piston und zog den Hahn auf. Nur an den Stecher brauchte er mit leisem Finger zu rühren, und es war geschehen.

Es gibt eine Wonne des Leids. In diesem Augenblicke kostete er sie aus. Jetzt, nun er im nächsten Augenblicke mit seinem Tode alles sühnte, durfte er sein ganzes Empfinden noch einmal der Geliebten Verlorenen weihen.

Dann fiel sein Blick auf die Uhr. Es war halb zwölf. Warum noch zögern? Festen Griffs faßte die Rechte die Waffe und hob die todtbringsnde Mündung empor da waren es nicht rasche Schritte, die sich näherten? Rascher hob er die Waffe, jetzt gab's keine Zögerung mehr.--

Hinrik, ach, Hinrik!"

Der Ruf schlug an sein Ohr, wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Die Waffe flog auf den Schreibtisch zurück, taumelnd erhob er sich.Das war das war Mariens Stimme"! Der starke Mann schwankte, als er auf- stand, zur Thür stürzte und sie aufriß. Sein Blick traf Mariens ohnmächtig zurückgefunkene Gestalt und mit einem

Schrei, in dem sich Bestürzung und Jubel seltsam mischte«, riß er sie empor und au seine Brust.

Sie schlug die Augen auf ein seliges Lächeln trat auf ihre Züge ihre Arme schlangen sich fest um den ge­liebten Mann, als solle nichts mehr ihn von ihr trennen und ihre Lippen flüsterten:Nun stößt Du mich nicht wieder von Dir, Hinrik!" MM

Als der alte Oberamtmann von seinem Jnspectionsgange durch die Felder heimkehrte, traf er alles im Herrenhause in der größten Verwirrung. Die alte Trude redete verworrenes Zeug durcheinander, von ihrem jungen Herrn, der sich er­schießen wolle und von Marie, die wie eine Rasende davon- gefahren sei. Erst ein kräftiges Donnerwetter des Alten er- zwang eine leidlich geordnete Darstellung. Was eigentlich pafsirt fei, blieb auf Muthmaßungen basirt. Immerhin jedoch ließ er sofort anschirren, um selbst hinauszufahren. Daß ba etwas sonderliches pafsirt war, stand fest.

Just in diesem sehr ungeeigneten Momente kam auch seine Frau zurück. Die alte Dame mochte den Zusammen­hang ahnen, aber sie brachte nichts weiter hervor, als ein stotterndes:Wie konnte das nur geschehen?" Aber auch sie war einig mit ihrem Gatten, daß er sofort hinausfahren müffe.

Aber das erwies sich als unnöthig- Noch einmal erschien der Horstfeldener Wagen in der Kastanienallee. Der brave Wallach warf Schaumflocken nach rechts und links. Eine solche Doppelfahrt hatte er noch nicht erlebt.

Marie hing am Arme Hinriks und der führte sie den Eltern zu. Das junge Mädchen sank weinend in die Arme ihrer Mutter.

Wir haben uns verlobt, sie und ich, Onkel!" rief Hinrik. Für uns gibts kein Trennen mehr. Gieb uns Deinen Segen."

Junge," rief der Alte.So hab' ich's immer gehofft. Tausend Segen über Euch!" Das herzbrechende Schluchzen der alten Trude jetzt geschah's aus Freude machte Alle erst darauf aufmerksam, daß fast das ganze Hofgesinde Zeuge dieser Scene war.

Als im behaglichen Wohnzimmer flüchtige Erklärungen gegeben waren, seufzte die Frau Oberamtmann plötzlich recht laut und deutete auf das Fenster. Im feierlichen schwarzen Anzuge kam Fritz Gerding daher, ein kostbares Bouquet in der Rechten.

Ich will ihm entgegengehen und ihn vorbereiten!

Als der ehrliche Junge eine Viertelstunde später das Zimmer betrat, konnte er nur mit Mühe feine tiefe Bewegung verbergen. , ,,,

Ich hatt's anders gemeint, Marie, nun nimm diefe Blumen als Glücksboten für Dich entgegen."

Ich konnte nicht anders, Fritz," sagte das schöne Mädchen leise.Ich wußte es nur nicht, daß ich ihm längst schon an- gehörte!" ,

Dem Bienen-Vetter!" rief lustig der Alte.Kopf hoch, Fritz. Auch für Dich blüht noch ein junges Menschenkind! Aber nun Rheinwein her wir feiern Verlobung!"

Vevnrischtes.

Höchste Harmonie. Vater:Nicht wahr, die beiden Jungens ergänzen sich famos?" Musiker:Gewiß. Was der Eine nicht kann, greift der Andere falsch."

* *

Steigerung. Offizier:Ist der Rappe denn auch militärfromm?" Händler:O, ich sage Ihnen, der reine Militärpietist!"

Feinfühliger Instinkt. Sie:Was nur die ab­scheulichen Bienen gerade uns so umschwärmen!" Er :Sie ahnen, daß wir uns noch im Honigmond befinden!"

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.