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demselben Platze, auf den ihn der Alte geworfen. Als Justine bemerkte, daß der Vater verschwunden war, besann sie sich keinen Augenblick, ergriff die Schlüffel und eilte nach dem Rath» Hause. Hier war Alles ruhig. Das Verhaften und Einsperren der alten Frau war mit der größten Vorsicht und nach Eintritt der Dunkelheit vorgenommen worden. Keine Menschen- seele war im Rathhause. Man hielt es für überflüssig, eine besondere Wache wegen der alten Beilstein aufzustellen.
Justine kannte das Rathhaus, seine Treppen und Gänge auf das Genaueste; den Schlüffel zum Gefängnisse hatte sie aus dem Schlüffelbunde herausgenommen und den Bart em- gefettet, daß er glatt schließe. Der Herbstabend war dunkel und nebelig. Ohne Anstand kam Justine an das Gefängniß und Mß Justine!" sprach die Kleine leise und schritt in das stockfinstere Loch. - In der Ecke, auf einem Stroh- bündel, kauerte die alte Frau. Sie kroch heran und faßte
hornig warf der Kerkermeister den schweren Schlüffelbund I auf den alten eichenen Tisch; mit einem starken Ruck riß er den ledergepolsterten Sessel herbei und ließ sich so unsanft I hineinfallen, daß das alte Möbel krachte. Justine, mit der I Zubereitung des Abendessens beschäftigt, hörte die ächzenden I Töne des Sessels und Tisches und wußte alsbald, daß dein Vater etwas scharf gegen den Strich gegangen sein mußte. Sie lief herbei und sah den Alten fragend an.
„Ich wollt', daß ein Donnerwetter diesen Dienst und die ganze Mißwirthschaft tausend Klafter tief in den Erdboden schlüge!" schrie der Alte und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die Schlüffel in die Höhe sprangen.
„Langsam, Vater!" sprach Justine ruhig. „®as Essen | ist gleich fertig, Euer Zorn wird dann vergehen.
„Nichts wird er, ich mag gar nicht effen. Da wird Zeug gemacht, daß einem alten, verhärteten Musketier, der fünfzig Schlachten mitgemacht, noch am Ende das Herz blutet. Ich hab' eben die alte Beilstein etnspinnen müffen."
Justine stieß einen Schrei aus. „Wie kann man denn eine alte, brave, gottesfürchtige Frau, die keiner Fliege etwas zu leid gethan, in's Gefängniß werfen? Es ist gegen Gott, Gerechtigkeit und Christenthum."
Das ist es. Die Hexenproceffe sind die Nägel an meinem Sarge — und daß man dieses Weib jetzt einthürmt, ist ein Greuel. Seit Wochen hört man tuscheln und zischeln. Weibsleute schleichen herum und Hetzen. Alte Jungfern, weil sie keine Männer kriegen können, untergraben das Glück der Famllien. Wenn ich nur an den Sadrach könnte, ich wurde ihn zu Häcksel verhauen, denn ich weiß, wer dies Alles geschafft hat."
Der Kerkermeister versuchte etwas zu effen, aber er brachte nur wenige Biffen hinab.
„Will sehen, ob ich eine Maß Bier trinken kann, um zehn Uhr bin ich wieder zu Hause," sprach der Alte, nahm die Mütze und schritt davon. Der Schlüffelbund lag noch auf
Justinens Hände. ~
„Richtig, Du bist es!" sprach die Alte. „Denke Dir, ich war fest überzeugt, daß Du mich befreien würdest und habe mir gar keine Sorgen gemacht. Du bist sogar eher da, als ich Dich erwartete. Was muß ich thun?"
„Ihr geht durch das Gäßchen nach dem Friedhöfe und von da über den Kronenhügel nach Lsidhecken, Staden und Stammheim. Ein Stück hinter Stammhsim theilt sich die Straße. Haltet Euch links nach Altenstadt, die Straße re HU führt nach Hanau oder Frankfurt. Macht, daß Ihr ins Jsenburgische kommt, dann seid Ihr gerettet. Grüßt mir die Lieben auf der Ronneburg. Nächstes Jahr komme ich wieder zum Besuche. Lebt wohl!" ,
Die alte Frau küßte die Befreierin und huschte davon. Justine schloß das Gefängniß und ging weg, Niemand merkte
Am "anderm Morgen sollte das Verhör mit der Beilsteins Wittwe veginnen. Als es bekannt wurde, daß das Weib am vorhergegangenen Abend eingesperrt, in der Nacht aber flohen war, entstand eine große Bewegung im Dorfe.
„Die Flucht beweist, daß das Weib eine Haupthexe und im vorigen Jahre ihrer Sippschaft davon W Malwine, als sie die Nachricht erhielt.
Eine große Anzahl von Männern wurde aufgeboten und
I nach allen Richtungen gesandt, um eine Spur der Entflohenen ausfindig zu machen. Nachmittags kam ein Fuhrmann ans Stammheim; er sagte aus: es sei ihm auf der Straßezwischen Stammheim und Bönstädt in der Morgenfrühe einl altes !Werb begegnet, habe wie eine Flüchtige ausgesehen, die Beschreibung paffe auf die alte Beilstein. , ,
Sie war es wirklich. Der Nebel hatte sie verhindert, den Weg am Stammheimer Kreuz nach Altenstadt zu sehen. In einem dichten Gehölze verbarg sie sich während de-»Tages, in der folgenden Nacht wanderte sie, von Hunger und Durst g
I quält, weiter und kam am Abend des zweiten Tages in die Nähe von Frankfurt. Mitleidige Bauersleute gaben ihr u
1 effen und wiesen sie auf ihre Fragen nach der Ronneburg m | die Gegend von Hanau. Von hier ist es nicht mehr wert nach I der Ronneburg, doch zum zweiten Male ging die Arme fehl
ste nahm die Richtung wieder nach Norden und kam in dar I Dörflein Eichen, wo sie aus Entkräftung mehrere Tage liegen | blieb. Unterdessen hatte sich das Gerücht verbreitet: in Singen
heim sei eine Hexe ausgebrochen und werde gesucht,
| Auf die Mittheilung des Fuhrmanns aus Stammheim ließ Schultheiß Schösser alsbald für sich und den Zollbereiter
| Martin Gambel die Pferde satteln und ritt der Flüchtigen bi I Frankfurt und Rödelheim nach. Die Verfolgung dauerte d
Tage, es wurden drei Reichsthaler verzehrt, ohne daß man ein? Spur fand. Inzwischen kam die Nachricht von Eichen. I die Gesuchte fände sich dort. Sogleich machte sich Schösse
wieder auf die Suche in Gesellschaft von Matthias Wenzel, doch auch in Eichen war nichts mehr zu finden. Nach Mi I Tagen kam Schösser mit seinem Begleiter zurück, sie hatten I zwe? Reichsthaler verbraucht, aber nichts gefunden,denn die I alte Frau hatte sich, rechtzeitig gewarnt, von Neuem auf w
üushecken, und wenn dis Abends sticht ganz reichen, nehmen I sie den Tag dazu."
Ein tiefer Schatten flog über das steinerne Gesicht Cas- I pari», der seither lautlos zuhörte, als der Landgraf die Klatschweiber erwähnte. I
„Das Gerede und die Aufregung des Volkes entstund an I dem Tage, da das Prinzlein Philipp das Zeitliche segnete/ antwortete einer der Schöffen.
„Was ist Eure Meinung, Commiffarius?" fragte der Landgraf plötzlich Caspari.
„Ohnmaßgeblich und ehrerbietigst halte ich für das Richtige, wenn wir der Sache keinen Werth beilegen und nach Eurer Durchlaucht Idee die Gerüchte nicht weiter verfolgen, sondern auf sich beruhen laffen."
Der Hexenrichter kannte feinen Herrn, er wußte, daß er durch Widerspruch den Landgrafen reizen würde. Dadurch, daß er auf den Gedanken des Fürsten einging und dafür stimmte: die Gerüchte sollten unbeachtet bleiben, wurde der Landgraf für die entgegengesetzte Ansicht dispomrt: die Sache sollte untersucht werden.
Nach einer kurzen Ueberlegung sprach der Landgraf zu den Schöffen und dem Schultheiß: „Wir wollen Eure Mit- theilungen nicht mißachten, Ihr habt Eure Schuldigkeit gethan, daß Ihr gekommen feid. Die Sache wird untersucht, ich selbst will bei der Untersuchung sein und Red' und Antwort haben.
Caspari und die Schöffen mit dem Schultheißen entfernten sich. „Wenn ich nur den Drachen einmal zwischen den Fingern habe, werde ich ihn schon zum Reden bringen," dachte der
Mehrere Tage vergingen. Der Landgraf sprach mit seiner Gemahlin über das Gerede und die Anzeige. Sophie Eleonore kannte bereits Alles und glaubte, wie die meisten Damen jener Zeit, an Hexen und Zauberer. Am folgenden Tage erhielt Caspari die Erlaubniß, gegen die alte Beilstein einzu- schreiten.
Sechszehntes Kapitel.
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