Ausgabe 
26.6.1894
 
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AnLevhaltnirgsblatt jum Gietzener Anzeigen (Geneval-Anzeig-v)

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Dienstag, dm 26. Juni.

Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

In der Nacht vom 8. zum 9. October 1659 starb das am 20. Juni desselbigen Jahres geborene Prinzlein Philipp. Die landgräflichen Eltern klagten sehr um das Kind. Von acht Kindern lebten jetzt noch das Prinzeßchen Christine Wil­helmine, welches am 30. Juni 1653 geboren wurde; im Jahre 1671 vermählte es sich mit dem Herzoge von Mecklenburg- Grabow und starb den 16. Mai 1722 im 69. Jahre seines Alters. Außer dieser Tochter lebte im Jahre 1659 noch der mehrerwähnte Prinz Leopold Georg, am 15. October 1654 geboren, also zur Zeit der geschilderten Ereignisse fünf Jahre alt.

Nachdem das verblichene fürstliche Kind beigesetzt und ein halber Monat verstrichen war, erschienen die drei Gerichtsschöffen Klas Pfeyll, Emanuel Stall und Merten Frickell vor dem Schultheißen Schöffer und brachten vor:Das Geschrei wegen Hexerei und zauberischer Miffethaten an gnädigster Herrschaft, Menschen und Thieren wird immer ärger, maßen wir uns nicht länger davor sträuben dürfen, Anzeige zu machen."

Habe auch darum erfahren," antwortete der Schultheiß; da aber Seine Hochsürstliche landgräfliche Durchlaucht nicht mehr an Hexen, Zauberer und Unholde glauben, kann und will ich mich mit diesen Dingen nicht mehr befassen und vermengen."

Wir möchten gleichwohl unsere Gewissen salviren," ant­worteten die Gerichtsschöffen,indem wir höheren Ortes Vor- und Antrag thun. Mögen die Herren alsdann sehen und schaffen, was sie für gut befinden. Wir haben eine so mäch­tige Ueberzeugung empfangen, daß allhier in Bingenheim ver­derbliche, Heimlichs Kräss walten, die zu bekämpfen ernste Pflicht ist, daß wir nicht säumen wollen, darauf hinzuweisen."

Bleibt dann nichts weiter übrig, als daß wir zusammen gehen und unsere Ansichten submissest vorbringen, da auch mir derartige Gerüchte zu Ohren gekommen."

Der Schultheiß zog den. Amtsrock an und ging mit den Schöffen in's Schloß. Im Hinteren Schloßhofe begegnete ihnen der Landgraf.

Wo wollt Ihr hin, Schultheiß und Schöffen?" fragte der Fürstund was ist Euer Anliegen und Begehren?"

Schöffer referirte kurz, was die Absicht der Deputation sei.

Kommt mit in mein Cabinet, ich lasse den Commissarius citiren und will selbst hören, was für ein Geschrei und Gerede im Schwange ist," befahl der Landgraf.

Caspari erschien, der Vortrag begann. Die Gerichts­

schöffen brachten ihre Nachrichten vor; der Schultheiß half nach, wenn Stockung eintrat. Mit keinem Worte mischte sich der Commissarius in die Unterhaltung. Der Landgraf forschte mit dem größten Eifer die Einzelheiten aus. Als die Schöffen das hohe Interesse des Fürsten merkten, brachte Jeder eine Unmasse von Thatsachen vor, welche seit der rätselhaften Flucht Bardensteins vorgekommen waren. Jeder der Schöffen war bereit, das durch einen heiligen Eid zu bekräftigen, was er vorbrachte. Uebernatürliche Ereignisse, Witterungs-Erscheinun­gen, Viehsterben, Feuerkugeln und Irrwische, Mondregenbogen, ein Schweifstrrn, Plagen und Krankheiten unter den Kindern wurden alle der alten Beilstein in die Schuhe geschoben.

Das ganze Dorf ist aufgeregt, gnädigster Herr Land­graf," sprachen die Schöffen.Nicht urplötzlich, sondern nach und nach kamen die Gerüchte zum Vorschein. Alle fürchten sich vor der gefährlichen Hexe. Seit sieben Jahren verbrennt man Zauberer und Miffethäter, aber das teufelische Haupt hebt sich stolz empor und wandelt ungestraft umher- Jeder Tag bringt Neues zum Vorschein."

Ich glaube nicht, daß unser Herrgott einen Theil seiner Allmacht an einzelne Menschen überträgt und diesen die Er- laubniß gibt, mit seiner Liebe und Güte Schlechtes und Böses auszurichten," sprach der Fürst.Habt Ihr schon gehört, daß Hexen Guter thun? Gott ist die Liebe! Das steht bei mir fest."

Wollet verzeihen, gnädigster Herr Landgraf," antwortete der Schultheiß.Wir sind hierher gekommen, um zu sagen, was wir erfuhren. Das Weiter steht bei unserem gnädigsten Herrn Landesvater."

Ist recht, Schultheiß, ich freue mich, daß Ihr gekommen seid, will auch darum die Gelegenheit benutzen, Euch zu sagen, wie ich denke. Aus einer Kleinigkeit wird, bis sie durch vieler Leute Mund kommt, ein schrecklich Gerede. So ist es hier und überall. Das Schimpfen und Verhetzen gefällt besser, als Gutes reden. Der Teufel ist das Böse im Menschen selbst; daß der Gottseibeiuns mit einem Federbusch unter uns herum­läuft, glaube ich nicht. Wenn merkwürdige Zufälle und Er­eignisse eintreten, stammen diese nicht von der Zaubergewalt alter Weiber, sondern von unserem Herrgott."

So wäre es das Beste, Durchläuchtiger Herr Land­graf!" antwortete der Schultheiß.Wollen darum nicht weiter lästig fallen und die Sache der Zukunft überlassen."

Ganz gut, Schultheiß! Nun sagt mir vorerst, von wo aus ist das Dorf binnen wenigen Tagen so aufgeregt und durcheinander gebracht worden? Mir scheint, etliche Klatsch­weiber haben das geschafft. Die Abende sind jetzt lange, die Weiber können sich behaglich zusammensetzen und Zauberstückchen