sächsische Hof nicht viel Ehre dabei einlegt". Bisher, ver­sichert er, sei er mit den Aenderungen des Zensors zufrieden, gegen jede Aendernng aber, welche diese Grenze überschreite, müsse er protcftiren, dennwird mir eine Hauptsache alterirt oder kommt etwas Fremdes hinein, so muß ich öffentlich meine Sache vertheidigen, denn über mich urtheilt das Publikum, weil mein Name vor dem Buche steht." Auch über die Quellen, die Schiller benützte, erfährt man gar manches. So werdenTheatrum Europäum", Pufendorf, Murrs Beiträge zur Geschichte des dreißigjährigen Kriegs" genannt als die Werke, aus denen Schiller schöpfte.

Nachdem Schiller zwei Jahre den dreißigjährigen Krieg bearbeitet hatte, "lehnte er eine weitere Kalenderarbeit ab. Göschen wollte von Pestalozzi die Reformation darstellen lassen, Schiller warnte vor dem Mann und vor dem Stoff. Bor dem Manne, weit er ihm nicht genügenden philosophischen und politischen Scharfsinn zuschrieb- vor dem Stoff, weil er meinte, dieser müsse von einem sehr freien Geiste geschrieben und so dargestellt werden, daß er eine wichtige Revolution in Glau­benssachen vorbereiten könnte. Gelegentlich nannte er dabei Schröckh in Wittenberg,jetzt gewiß unfern besten Historiker".

Auf die historische folgte bei Schiller die philosophische Periode. Für seine Studien ließ er sich von Göschen Winkel­manns Geschichte, Lessings Laokoon, Hehdenreichs Aesthetik kommen. Während jene beiden Koryphäen der antiquarisch­kunstgeschichtlichen Literatur in ihrem Einfluß auf Schiller längst gewürdigt sind, würde es sich vielleicht lohnen, den Wirkungen, welche das letztgenannte, jetzt ziemlich vergessene Buch auf Schiller geübt hat, etwas nachzugehen.

Zunächst dachte Schiller an ein Buch:Kallias", das er bereits am 4. Juni 1793 als ein im Juli zu verlegendes Werk ankündigte,das uns beiden keine Schande machen soll." Bekanntlich wurde daraus nichts, statt dessen erschien zuerstAnmuth und Würde", dessen beiden Ausgaben später dieBriefe über die ästhetische Erziehung" folgten.

Neben dem Schiller, den Autor, tritt Schiller, der Redakteur. Mit derThalia" hatte er viel Mühe, häufig drängten ihn die Schriftsteller mit ihren Abhandlungen, die er abweisen oder mühsam durchkorrigiren mußte, bald beläs­tigen sie ihn mit Honorarforderungen, die er ungerecht fand. Dem einen sollte Göschen einen Louisdor Honorar zahlen, dabei bedeuten Sie ihm", schrieb Schiller,daß er sehr unverdient zu der Ehre komme, denn Anfängeraufsätze pflege ich nicht zu bezahlen". Er war sich ferner bewußt, nicht immer standhaft genug den zudringlichen Bitteneines armen Musensohnes" entgegengetreten zu sein, und klagte sehr da­rüber, daß er manches drucken ließ, was ungedruckt hätte bleiben sollen. Schiller erhielt nicht bloß Manuskripte, die für die Thalia bestimmt waren, sondern durch Göschens Ver­mittlung auch Dramen und Beiträge anderer Art, bei denen er sich die Mühe des Zusammenstreichens und anderes nicht verdrießen ließ. Selbst Göschen, der Verleger, wandte sich einmal als Autor einer Reisebeschreibung an ihn und Schiller, der das ihm anvertraute Manuskript etwas lange behalten hatte, rief dem Ungeduldigen, dem er bekannte, über einige Ein­fälle sehr gelacht zu haben, die Worte zu:Sie haben mit dem Ruhm der Autorschaft auch schon die ganze Ungeduld der Autoren angenommen und es ist mir im Namen aller jetzigen und zukünftigen Schriftsteller lieb, daß Sie nun selbst erfahren, wie das Herz darnach schmachtet, sich gedruckt zu sehen.

Die mit Göschen erwogenen Pläne sind nicht die einzigen schriftstellerischen, die Schiller damals beschäftigten. Er war einer der rastlosesten Planmacher. In einem gleichfalls un­gedruckten Briefe an den Jenenser Mauke, den Verleger histo­rischer Memoiren, schrieb er einmal:Sie sehen daraus, daß es mir mit den Memoiren Ernst ist, zuletzt müssen wir durchdringen", während kaum ein Jahr später für Schiller die

ganze Memoirenarbeit eine untrügliche Last war, die bald genug von ihm ganz aufgegeben wurde.

Die schöne Erfüllung seiner literarischen Pläne gehört erst der Zeit von 1794 an. Unmittelbar auf den letzten Brief an Göschen (24. Oktober 1793) folgt ein Brief an Haug (30 Oktober), der als eine Art Vermittler Cottas bei Schiller erschien und eine für beide Männer und die deutsche Literatur gleich erfolgreiche geschäftliche Verbindung einleitete.

Wie später mit Cotta, so wurden auch mit Göschen nicht bloß geschäftliche Verhältnisse besprochen. Schillers Verleger waren auch feine Freunde. Sie waren eingeweiht in seine Geldnöthe und hatten gelegentlich seine Schulden zu reguliren. Göschen fiat einmal einem Gläubiger noch aus der alten Dresden - Leipziger Zeit eine größere Summe zu entrichten, dem Sie schon mehr ausgezahlt haben," heißt es refignirt.

In ähnlich rcsignirter Weise schrieb Schiller über seine Gesnndheit.Es scheint," so äußert er sich einmal,meine Natur wird noch eine Zeit lang gegen ihren innerlichen Feind zu kämpfen haben, ehe sie ihn völlig besiegt oder unterliegt, und ich mache mich in den nächsten Jahren noch auf mehrere Störungen gefaßt," und ein andereSmal schreibt er:Der Frühlingsanfang ist zwar ein Freund der Poeten, aber nicht der kranken Poeten.

Gelegentlich finden sich auch politische Andeutungen. Wie Goethe in seinen neuerdings bekannt gewordenen Briefen vom Jahr 1792 und noch aus den ersten Monaten des Jahres 1793 sich großen S'egeshoffunngen hingab, so schrieb auch Schiller am 15. März 1793:Die Franzosen sind aus Aachen und Lüttich herausgeschlagen und in wenigen Wochen über 100 Kanonen erbeutet worden, worin der Franzosen größte und einzige Ueberlegenheit besteht. Wir wollen hoffen, daß ihnen das dentsche Brot bald verleidet werden soll."

Die Lektüre von Schillers Briefen in ihrer Gesammtheit gewährt ein wahres Labsal. Man vermißt freilich in dieser Sammlung die Antwort der anderen, die erst mit Schillers Briefen zusammen ein Ganzes bilden würden, aber empfängt doch durch dies Schriftstücke ein Bild von seinen Schicksalen und seiner geistigen Entwicklung. Der erste Band der Sammlung trägt noch keinen bestimmten Charakter. Es ist die Stuttgarter, Mannheimer, der Anfang der Leipziger und Dresdener Zeit. Im zweiten Bande sind Lotte und Karoline einerseits, Huber und Körner anderseits die Hauptkvrrespon- denten. Der Geliebten und den Freunden gegenüber hat Schiller kein Geheimnis, sondern spricht mit der größten Offenheit über die kleinen Vorfälle seines Lebens und die großen Pläne, die seinen Geist beschäftigten. Die gewaltige innere Arbeit, der Uebergang von der Geschichte zur Philo­sophie, die große Mühe, die er sich mit Bewältigung Kantischer Ideen gab, tritt in den ausführlichen philosophischen Ansein- andersetzungeu an Körner im dritten Bande hervor. Schon beginnt man die Bedeutung zu erkennen, die Schiller als einer der ersten Geister der Nation sich erwarb. Am Ende dieses dritten Bandes stehen die ersten an Goethe gerichteten Briefe, und so werden uns die nächsten Bände jenen seltenen Verein der zwei Führer des geistigen Lebens Deutschlands deutlich zeigen.

Man müßte diesen Briefen Schillers einen Ehrenplatz in der Bibliothek wünschen. Sie bieten eine herzerquickende Lektüre. Schiller als Sohu und Bruder, als Liebender und Freund, als Berather der Jüngeren, als ebenbürtiger Ge­nosse der Großen, ist überall gleich Verehrungswerth. Er weiß zu scherzen und zu spotten, behaglich zu plaudern und ge- müthvoll zu ergehen, Personen zu schildern und Sachen gründlich und tief zu behandeln. Ein ganzer Mann tritt vor uns in wunderbaren Briefen, ein Mann, den wir voll Interesse und Wißbegier anhören, den wir als hochstehenden Geist verehren und doch menschlich begreifen, den wir bewundern, bemitleiden und lieben.

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Redaktion: A. Sch eh da. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei $r. Ehr. Pietsch) in Gießen.