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begraben. Nur Teufel, Bestien, Cannibaken und reißende Thiers können so wüthen, wie es die Menschen unter sich thun. Seit ich jenes Traurige schuldlos erdulden mußte, hat sich eine tiefe Bitterkeit meiner bemächtigt; ich halte es für meine Pflicht, die Teufel, Hexen, Zauberer, Dämonen und Unholde, die allein die Menschen zu solch scheußlichen Thaten treiben und verführen, die sich in das menschliche Gemüth einnisten und es beherrschen, mit Feuer und Schwert zu bekämpft» und auszutilgen." „ ...
„Ein edles Bestreben, Herr Connmssarius," antwortete der Hofprediger; „jetzt, nachdem ich einen Einblick in Das, was Ihr erduldet, empfangen habe, wird mir Manches klarer Dennoch möchte ich auszusprechen Veranlaffung nehmen: es freut mich, daß wir im letzten Jahre keine Hexenbrände mehr hatten. Wir müsien ja Alle zugeben, daß es Hexen und Sauberer gibt und daß diefe großes Unheil anrichten; dennoch bin ich der Meinung, daß unter den sechsundvierzig Personen, welche seit 1652 hier justificirt und hingethan wurden, Hexen oder Zauberer im wirklichen Sinne nicht gewesen sein mögen."
„Damit stimme ich in keinem Wege überein, Hochwürden; ich habe die Untersuchungen geleitet und die Bekenntnisse ver- nommen und muß wisien, was Rechtens," erwiderte Caspari mit Festigkeit, woraus der Hofprediger merkte, daß es nicht dienlich sei, dem Gestrengen stärker entgegenzutreten.
„Wir sind unvermerkt von der Hauptsache abgekommen, fuhr Meles fort, als Caspari geendet. „Der Vater der kleinen Sibille König r ,, r n
„Sibille!" fiel der Commiffarius ein, „so hieß mem erstes, unglückliches Töchterlein und so ließ ich auch das erste taufen, welches mir meine zweite Gattin am hiesigen Orte schenkte. Doch das ist zufällig, man findet den Namen überall, bitte fortzufahren, Hochwürden."
„Der Vater der kleinen Sibille König ließ Weib und Kind im Stiche,' schloß sich dem tollen Rosen an, kam später zu dem schwedischen Feldmarschall Baner und wurde im Früh- jahre 1641 zu Halberstadt von einem schwedischen Kürassier, den er im Würfelspiel betrogen hatte, erstochen. Die Frau des König zog. hierher zu ihrer Mutter, der alten Beilstein. Diese hatte eine unbeschreibliche Freude über das schöne Würmlein, das seinem Vater, der ein hübscher Mensch gewesen, ähnlich sehen soll. Nach einigen Jahren starb des Kindes Mutter, daher nahm sich die Großmutter mit besonderem Eifer der Doppelwaisen an; sie zog die Enkelin auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn. Die alte Beilstein war von jeher ein tapfer, stark Weib, fest und gesund, also daß sie trotz ihrer sünsundsiebzig Jahre heute noch eine stattliche Last Holz aus dem Walde nach Hause zu tragen vermag. Die Enkelin muß alle Arbeiten verrichten, die in dem kleinen Haushalte Vorkommen: Waschen, putzen, kochen, Vieh füttern, den Garten umgraben und bestellen und noch vieles Ändere. Das hat den Körper des Mädchens gekräftigt und gestählt- Nebenbei sind feine kleinen, wohlgeformten Hände aber gar flink und geschickt mit der Nadel; mit Bewunderung sehen Alle die schönen Arbeiten des Mägdleins, das seine Lehrerin, die Schulpräceptorin Fischer, überflügelt hat. Besonders schön von dem Mägdlein ist sein tugend- und sittsam Betragen. Es bleibt zu Hause, hält sich von dem Treiben der anderen Jugend, weiblichen und männlichen, gar ferne, was maßen die alte Bsilstein mitunter zu mir saget: Da» Mägdlein hat vornehme Posten im Kopfe, wahrscheinlich weil sein Vater Förster gewesen. Wenn es über die Straßen gehet, was selten der Fall, schaut es nicht hoffärtig um sich nach den Fenstern und Giebeln, sondern blickt fein bescheiden vor sich hin, doch Jedem einen Gruß bietend oder für einen dankend. Sie besucht fleißig den Gottesdienst und das heilige Abendmahl, ist aber sehr ungern unterwegs, aus welchem Grunde die alte Beilstein die Gänge besorgt. In dem Häuschen ist Alles absonderlich rein, fein und lieblich. Sibille liest fleißig in der Bibel und in solchen Büchern, welche ich dem Mägdlein leihe; es schreibt eine zierliche, seine Schrift, vermag sich die Muster zu ihren Arbeiten zu zeichnen und singt dazu, daß die Vöglein auf den Bäumen im Garten stille sind und lauschen, denn das Mägdlein vermag es noch lieblicher,
als die Thierlein. Daß die jungen Burschen alle nach diesem seltenen Wesen ausschauen, ihm auch schon Herz und Hand von reichen Bauern- und Müllersöhnen angetragen wurden, obgleich es kaum achtzehn Jahre zählt, begreift sich wohl. Da» Mägd- lein will aber nichts davon wissen. So haben sie es in der ganzen Gegend wegen seiner Schönheit und Unnahbarkeit „die Hexe von Bingenheim" getauft."
„Die Hexe!" fuhr Caspari auf.
„Im edelsten Sinne des Wortes, Herr Commiflarius, denn rein und fromm ist das Mägdlein, wie fein Schutzzeist."
„Mit apodictifcher Gewißheit läßt sich so etwas niemals behaupten," antwortete Caspari streng. „Der Mensch sichet, was vor Augen ist, besagt ein Bibelspruch, das Inwendige vermögen wir nicht zu erkennen. Der böse Feind bedient sich oft solcher schönen, hochbegabten Menschen, um Andere desto sicherer in seine Netze zu locken."
»Ihr saget manches Wahre, doch trifft das hier nicht zu. Das Mägdlein hält gerade Andere von sich ab und vermeidet die Berührung mit Fremden, wie soll da Unheil von ihm angerichtet werden!"
„Wohl, Hochwürden, ich glaube Eurer Versicherung und danke Euch für die Auskunft. Möchte da» Mägdlein stets auf der Bahn der Ehre und Tugend wandeln, Gott zur Ehre, den ©einigen zu Freude und Trost."
„Amen! Amen! Herr Commiffarius! Und um jeden Zweifel zu beschwichtigen, will ich besondere Bürgschaft für das Mägdlein übernehmen."
Die beiden Männer trennten sich. Anstatt beruhigt zu werden, wie Caspari gehofft, war er tiefer aufgeregt, als vorher. Um das Mädchen sehen und beobachten zu können, machte er von Zeit zu Zeit einen Gang über den Kronenhügel durch die Beundegaffe. Da aber das Häuschen der alten Beil- stein frei lag, so daß man die herankommenden Leute von ferne kommen sah, verschwand Sibille, deren Augen scharf und hell um sich blickten, stets rechtzeitig und eher, als der gesürchtete Hexenrichter nahe herankam.
Sechstes Kapitel.
Einige Tage nach Fastnacht 1658 saßen die Bürger Bingenheims beim Abendtrunk im „Darmstädter Hof" und besprachen die Tagesneuigkeiten.
„Wer von den anwesenden Bürgern hat in diesem Winter den wohlgelahrten Postschretber Quassel zum Schlachtfeste und zur Metzelsuppe eingeladen?" fragte Hofbäckermeister Friedrich Frantz.
„Ich! ich! ich!" und so weiter tönte es in bet Runde. Man zählte und es waren neun Bürger, welche Quassel ein« luden und bei denen er die Einladung auch angenommen und weidlich ausgenutzt hatte.
„Bei mir hat er sich eigentlich selbst eingeladen," bemerkte Hofschnetdermeister Georg Ulrich; „er wußte es so geschickt anzubringen, daß ich nicht anders konnte, als ihn aufzufordern.
„Aehnlich versuchte er es bei mir," fügte Hofkutscher und Schirrmeister Hans Martin Wetz hinzu; „ich fing den Schmarutzer aber dadurch ab, daß ich ihm sagte: Gerne wollte ich Euch zu mir bitten, Herr Postschreiber, einen Bissen Wellfleisch und etwas Wurstsuppe, Sauerkraut, Schweinsknöchelchen und Pfeffer mit uns zu versuchen; Eure Frau sagte mir indessen, Ihr hättet Euch zwei Abende vorher bei Eurem Nachbar den Magen so verstaucht, daß Ihr unbeschadet Eurer Gesundheit keine schweren Speisen verzehren dürfet."
„Ist das wirklich so gewesen?" fragte Hans Bott, der erste Trompeter im landgräflichen Kriegsbataillon.
„Ei behüte!" versetzte Wetz; „ich wollte den Schmarutzer, dem das Wasser im Munde zusammenlief, als er von den Speisen hörte, nur auf eine gute Art los werden. Quassel besitzt einen Magen, der niemals zu besiegen ist, wie feines Herrn Unverschämtheit, seine Aufschneiderei und seine Leidenschaft, den Menschen freundlich in's Gesicht zu reden, um ste alsbald zu verunglimpfen, wenn sie den Rücken gewandt haben.
„Diesmal muß er einen kräftigen Denkzettel haben, bemerkte Hofschornsteinfegermeister Michel Konrad Eckert. „Quassel


