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1894

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Samstag, sen 26. Mai.

Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

Rothgedrungen mußte Caspari dem Mädchen in die Augen sehen, fast auf Armeslänge war er zu Sibillen heran- gekommen. Auch diesmal mußte er den Blick wegwenden, wie vor acht Jahren, als ihm das zehnjährige Kind das Sträuß« chen anbot. Heute hatte der Gefürchtete noch deutlicher das Gefühl, daß er der Jungfrau Unrecht gethan. Aber wie? Mußte er, der Hochmögende, sich bei der Bauerndirne ent­schuldigen, daß er zufällig mit ihr zusammenstieß? Nein; sie hatte um Verzeihung gebeten, das war das Richtige. Aber schön war das Mädchen geworden; schön von Gestalt, schön von Gesicht und ein bestrickender Blick lag in diesen dunklen Augen, wie ihn der Hexenrichter noch niemals sah. Das An­schauen des jungfräulichen Gesichtes hatte keine Secundenlänge gewährt; die kurze Zeit genügte für den Criminalisten, um sich jeden Zug tief und deutlich einzuprägen. Wie vor acht Jahren bäumte sich auch heute wieder sein innerer Mensch dagegen auf, daß dieses Geschöpf aus niedrigem Stande eine seelische Gewalt über ihn ausübte.Ich mag mich drehen und wen« den, wie ich will," murmelte der Gestrenge,stets komme ich zu dem Anfangspunkte zurück: ich kann die Person nicht an- sehen, ohne einen geistigen Druck zu empfinden, der mir auf kurze Zeit die Fähigkeit raubt, klar und folgerichtig zu denken. In den schwierigsten Lagen, im Krieg und im Frieden, bei Feuer- und Wassersgefahr empfand ich nicht Aehnliches. Je größer die Gefahr, je verzweifelter die Lage war, in der ich mich öfters befand, desto ruhiger, klarer und unbefangener war mein Blick, desto sicherer meine Ueberlegung und mein Ent­schluß. Trete ich diesem Mädchen gegenüber, sehe ich es von Weitem, so spüre ich etwas Unerklärbares; mir ist, als lege sich um meine geistige Existenz eine Hülle, die mich von jeder anderen geistigen Berührung abschließt und zwingt, diesem sonderbaren, ungemein schönen Geschöpfe unterthan zu sein. Auch wenn das Mädchen in größerer Entfernung auftaucht, fühle ich etwas Aehnliches, nur nicht so tiefwirkend, als bei größerer Annäherung. Daß ich das Gefühl der Furcht bei der Person erwecke, habe ich längst entdeckt. Ich sah schon vor Jahren, wie sie flieht, sich zu verbergen und auszuweichen sucht. Seither erklärte ich mir dies dadurch, daß sie, wie alle Unterthanen, Scheu und Ehrfurcht vor dem obersten Beamten und Richter habe. Ich muß wissen, woher das Mädchen rrrtttlwf **

Caspari trat bei Herrn Hofprediger Meles ein und wurde mit gebührender Aufmerksamkeit empfangen.

Mir ist soeben ein hiesiges Mädchen begegnet," begann der Hexenrichter, indem er sogleich auf das Ziel lossteuerte, welches meines Wissens die Enkelin einer alten Frau ist, deren Häuschen und Garten hinten in der Beundestraße liegt, wenn man den sogenannten Kronenhügel ersteigen will. Könnt Ihr mir, Hochwürden, Einiges über diese Person rnittheilen?"

Ihr seid der Sibille König begegnet, welche vor einigen Minuten hier vorüber ging. Es ist die Enkelin der alten Anna Beilstein, Wittwe des verlebten Johann Beilstein von hier."

Der Familienname König kommt hier nicht vor, Hoch­würden; das Mädchen scheint auswärts geboren zu sein."

Ganz richtig, Herr Commissarius; das Mädchen ist in Ober-Eschbach nahe bei Homburg Anno 1640 geboren und steht jetzt im achtzehnten Lebensjahre. Die älteste Tochter der Beilstein Eheleute heirathete einen herrschaftlichen Forstläufer in Ober-Eschbach, einen gewandten, hübschen Burschen, aber einen Lüderjahn, Spieler und Saufaus, der im Jahre 1640, als Sibille wenige Monate alt, mit den schwedischen Kriegs- Völkern unter demtollen Rosen" auf und davon ging. Dieser tolle Rosen lag dazumal mit seinem Regimente in Friedberg. Die große Straße führt von da nach Homburg durch Ober- Eschbach. Homburg war von dem Kaiserlichen General- Wachtmeister Graf Gallas mit 800 Mann besetzt worden. In der Nacht vom 21. zum 22. October 1640 ritt der tolle Rosen von Friedberg nach Homburg, erstürmte die Stadt und ließ niederhauen, was sich widersetzte. Die Kaiserlichen wurden völlig vernichtet. Offiziere, Frauen und Kinder flüchteten, so- ferne es ihnen noch gelang, in das Schloß. Viele wurden auf der Flucht ergriffen, die Frauen ermordet, entehrt, zarte Kind- lein in brennende Häuser geschleudert. Die Schweden hausten wie Panduren und Croaten in Magdeburg und nahmen für die Greuel, welche die Kaiserlichen in letzterer Stadt verübten, bittere Rache. Leider mußten viele Unschuldige für Schuldige büßen."

Es ist so, wie Ihr in großer Anschaulichkeit geschildert habt, Hochwürden," unterbrach Caspari tief ergriffen den Er­zähler.In jener Nacht verlor ich mein erstes, heißgeliebtes Weib und mein kaum sechs Monate altes Töchterlein. Ich war etliche Wochen vorher nach Nürnberg als Legations- secretär gesandt worden, denn der Kaiser hatte nach jener Stadt einen Kurfürstentag, den ersten seit 1613, berufen, um über die Wiederherstellung des Friedens berathen zu lassen. Im November kam ich nach Homburg zurück, fand mein Haus ausgeraubt und niedergebrannt, Weib und Kind ermordet und