602®-
Liebe Sie würden dadurch einen unglücklichen Künstler vom können Sie den Herrn Commerzienra h einige Mmmen veiucyen- schmachvollen Untergange retten und auf lichte Höhen zurück- In tiefer Niedergeschlagenheit, fast wie zerschmettert, führen " schritt Matthey wieder aus dem Hause und die schwärzesten
M , Der Maler war bei den letzten Worten vor der Baronin | Befürchtungen in Bezug auf das Schicksal seines Onkels er- niedergesunken und hielt ihr flehentlich seine Hände entgegen, füllten feine Seele.
Maler nicht aushielt.
„Nein," entgegnete er darauf kleinlaut, „ich bin derartig auf Irrwege gerathen, daß ich aus eigener Kraft den rechtm Weg nicht wieder zu finden und vor allen Dingen chn nicht zu gehen vermag. Hören Sie Alles, gnädige Frau! Leichtsinn, schlechte Gesellschaft, Spiel und Schulden haben meine guten Eigenschaften, mein Künstlertalent, meine Schaffenslust derartig verdrängt, daß ich mich allein nicht dazu erheben kann, gute Vorsätze auszuführen. Die Freundschaft eines guten, edlen Herzen« könnte mich allein noch retten, könnte die volle, ganze Liebe zu den Idealen, zu einem reinen Leben, zu einer schönen Pflichterfüllung im Dienste meines künstlerischen Berufes in mir erwecken."
„Sollten Sie ein solches Herz unter Ihren Freunden nicht finden können?" frug die Baronin sanft.
„Nein, leider nein," erwiderte Matthey mit schmerzlichem Lächeln, „denn eines Mannes Herz vermag den Einfluß, den ich meine, auf mich überhaupt nicht auszuüben. Selbst mein hochherziger Onkel wäre dazu nicht im Stande. Ich könnte nur durch eine edle und barmherzige Dame gerettet werden, durch eine Dame, deren bloßer Anblick, deren Seelenadel und Hsrzensgüte die bösen Geister verscheuchen, die mein befferes Ich in Fesseln schmieden. O, habe« Sie Erbarmen, gnädige Frau, und schenken Sie mir Ihre Freundschaft und Ihre
aufdringlich^sttMch Befehl," bemerkte der Maler und geleitete die Dame aus seinem Atelier.
Baronin, während sich ihre blaffen Wangen leicht röthete«. „Einen alten, lieben Freund von mir hat ein furchtbares Unglück betroffen, welches mich heute wiederholt so aufgeregt hat, daß ich zuweilen darüber ganz schwach werde."
es gibt viel Unglück in der Welt und viele Un- glückliche," erwiderte Matthey. „Was für ein Unfall hat denn Östren Freund betroffen?" _ , ,
JD, haben Sie noch nicht von der entsetzlichen Unthat gehört, die in der verfloffenen Nacht an dem Commerzienrath Homberg und dessen Diener verübt wurde, Herr Matthey?
„Commerzienrath Homberg?" stieß der junge Mann leidenschaftlich und mit entsetzlicher Geberde hervor. „Ist er vielleicht schon — tobt, er ist — ja mein — leibhaftiger Onkel, mein Wohlthäter." ,
^„Fassen Sie sich, Herr Matthey, denn ich hörte soeben, daß Herr Homberg zwar schwer getroffen darniederliege, aber daß die Aerzte von seiner kräftigen Constitution hoffen, daß er die Folgen der schweren Verwundung übersteht. Ich horte heute bereits, daß Sie der Neffe von Herrn Homberg sind und hoffte von Ihnen Näheres über die Unthat und das Be- finden Ihres Onkels zu erfahren, aber wie es scheint, wiffen Sie noch gar nichts von dem Verbrechen."
„O ja, ich weiß Alles," jammerte Matthey, „mir ist die schreckliche Unthat nur zu gut bekannt und ich bin durch dieselbe elend geworden." „ t L n„ ,
„Sie sind durch den Raubmord elend geworden? frug die Baronin erstaunt. „Das verstehe ich nicht ganz."
„O, Sie werden es bald verstehen, wenn Sie mich anhören wollen. Homberg ist nicht nur mein Onkel, er war auch mein väterlicher Freund, mein Wohlthäter. Ich bin aber durch Leichtsinn und Verführung auf Abwege gerathen und muß elend zu Grunde gehen, weil mir mein Onkel jetzt nicht helfen kann."
„Sie haben also Schulden, Herr Matthey?" frug bte Baronin kühl. „ , c r m ,
K- '„Ich muß zu meiner Schanbe gestehen, baß ich Wechsel- schulden habe, bie ich nicht becken kann, wenn mir keine hochherzige Seele hilft."
9 8 „Sind es hohe Beträge, bis Sie schulben?'/
„Es sinb zehntausend Mark nöthig, um mir vollstänbig
*U H^Si'nb biese Schulben Ihr ganzes Unglück?" frug bis Baronin mit einem forschenben Blicke, benn ber sonst so kecke
„Meine Freunbschast sollen Sie besitzen," erwiberte die Dame und reichte dem Maler ihre zarte Hand, welche dieser inbrünstig an die Lippen zog, „denn Ihr trauriges Loo» rührt mich und ich würde mich freuen, Ihnen als dem Neffen de» unglücklichen Homberg, der mir einst nahe stand, helfen zu können, aber Liebe, die zu einer Ehe führen soll, kann ich Ihnen niemals gewähren, denn dagegen spricht mein Herz und meine Vernunft."
„Niemals?" rief Matthey im Tone tiefsten Schmerzes und blickte die Baronin mit traurigen Augen an.
„Niemals," gab sie sanft zurück, „denn meinem Herzen kann ich doch nicht gebieten, für Sie zu schlagen, und meine Vernunft sagt mir, daß ich nicht zum zweiten Male einen Mann heirathen kann, wenn ich überhaupt an eine Wieder- verheirathung dächte, der seine Leidenschaften nicht beherrschen kann, wie es bei meinem verstorbenen Gatten leider der Fall war, was ich nicht mehr zu verheimlichen brauche, nachdem meines Gatten unselige Duellgeschichte mit dem Ungar in allen Zeitungen haarklein erzählt worden ist. Stehen Sie aber auf, Herr Matthey, und faffen Sie Muth, wenn Ihnen meine Freundschaft lieb ist. Als Mann müffen Sie gegen ein böse» Schicksal ankämpfen bis zum letzten Athemzuge."
„Auch wenn der böse Feind in meinem eigenen wamel- müthigen Herzen wohnt?"
„Auch dann!" erklärte die Baronin fest. „Was ich'-aus Freundschaft für Sie thun kann, das soll geschehen. Morgen komme ich mit meiner Tochter und Sie haben dann die Gute, in meiner Gegenwart an deren Bilde zu malen. Wollen Sie mir dies versprechen, Herr Matthey?"
„Mit größtem Vergnügen, gnädige Frau."
„Ich komme Vormittags elf Uhr und kann dann vielleicht auch von Ihnen erfahren, wie es Herrn Commerzienrath Homberg geht, denn nach deffen Befinden werden Sie sich doch noch heute und morgen erkundigen."
„Gewiß wird dies geschehen, gnädige Frau," entgegne e der Maler mit einer Verbeugung, „denn die Theilnahme, die Sie an dem Geschick meines unglücklichen Onkels nehmen, ist eine Ehre für ihn und mich. Darf ich meinem Onkel einen Gruß von Ihnen bringen?"
„Nein, das fchickt sich nicht von mir," erwiderte die Baronin mit großer Entschiedenheit, „denn ich habe Ihren Onkel einst schwer gekränkt und so lange ich nicht weiß, daß er mir verzeihen will, darf ich selbst mit meinem Gruße nicht
Am selbigen Tage, Abend» gegen acht Uhr, näherte sich mit klopfendem Herzen der Maler Matthey dem Hause feine» Onkels. Vor der Thüre des Hauses stand noch immer ein Polizist und in der weiteren Umgebung mochten noch einige Geheimpolizisten postirt sein, um die Stätte des Verbrechens, an welche die Verbrecher zuweilen selbst zurückkehren, zu beobachten, und dieses Bewußtsein erfüllte den Maler mit Grauen und Entsetzen. Fast jeden Augenblick kam es ihm vor, als ob man ihn mit den Worten ergreifen werde: „Halt, das ist der Mörder!" und als wenn er schreien müßte: „Nein, nein, ich bin es nicht, es ist ein Anderer!"
Seufzend ging Matthey dann die breite Treppe de» schönen Hauses hinauf und trat leise in die Wohnung. Mit einer brennenden Qual näherte er sich dann einem der Aerzte und frug nach dem Befinden seines Onkels und ob er ihn einige Augenblicke sprechen könne.
„Ihr Herr Onkel hat starkes Wundfieber," berichtete der Arzt, „und Sie dürfen ihn deshalb heute noch nicht sprechen, denn jede Aufregung kann für ihn sehr gefährlich werden. Aber wenn morgen, so Gott will, das Fieber überwunden ist, können Sie den Herrn Commerzienrath einige Minuten besuchen."


