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Me ihm keine Ruhe kaffen, die ihn verfolgen bis hinein in den Schlaf?
„Räche Dich!" gellt es ihm beständig in den Ohren.
Er weiß nicht, wann der Gedanke ihm zuerst gekommen. Jetzt hört er die Worte im Rauschen des Windes, in dem Knarren der Wagenräder, in den tausend verschiedenen Stimmen der Riesenstadt. \
„Räche Dich! Räche Dich!"
Lord Rawdon schaudert. . . . O, Ruhe, Ruhe!
Während der ganzen acht Tage hat er seine Wohnung nicht verlassen. Nur der eine Gedanke verfolgt ihn: „Räche Dich! Räche Dich!»
Auch heute sitzt er, ,ben Kopf in die hohle Hand gestützt, vor seinem Schreibtisch und starrt wie geistesabwesend vor sich hin.
„Die gute Herzogin," murmelt er leise. „Gewiß, sie ahnt etwas."
Seine Finger ergreifen mechanisch das vor ihm liegende Billet. Nochmals überfliegt er die festen, vornehmen Schriftzüge:
„Lieber Lord Rawdon!
Wollen Sie uns heute Abend in's Theater begleiten? Es wird eine prächtige Vorstellung fein. Wir erwarten Sie schon zum Mittagessen. Ich habe Sie mehrere Tage nicht gesehen. Hoffentlich sind Sie nicht krank.
Mit Gruß Diana von Edenfield."
Unschlüssig drehen seine Finger dar Papier hin und her. Soll er der Einladung folgen? Sich den neugierigen, vielleicht schadenfrohen Blicken der Menge aussetzen? Soll er zu Hause bleiben? Sich ganz und gar von der Gesellschaft zurückziehen und so den bösen Zungen erst recht Nahrung geben?
Da erwacht sür einen ^Augenblick wieder der frühere, Stolz in ihm. Hastig springt er empor. Ja, er will gehen, er will all' den Leuten, vor Allem ihr, der Erbärmlichen, zeigen, daß er noch der Alte ist, daß ein Weib ihn nicht zum Schwächling machen konnte.
Schnell macht er Toilette und verläßt^ hocherhobenen Hauptes das Haus.
Die Dienerschaft blickt ihm erstaunt nach. Man hatte stillschweigend angenommen, Lord Rawdon sei leidend und hüte deshalb das Zimmer. Nur sein Kammerdiener war während der letzten acht Tage in seine Nähe gekommen.MDoch diese Veränderung. . .
Als Arno den kleinen Empfangssalon der Herzogin betritt, eilt diese ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.
„Wie lieb, daß Sie kommen. Ich habe Sie die Zeit her recht vermißt. Ich —"
Ein Blick auf seine veränderten Züge — und sie bricht plötzlich ab. Einen Augenblick zögert sie; dann ergreift sie seine Hand mit festem Druck.
„Sind Sie krank, lieber Lord Rawdon? Wa» ist geschehen ?"
Er versucht zu lächeln.
„Nichts," entgegnet er in gemacht sorglosem Tone, der aber schlecht gelingt. „Die Junihitze bekommt mir niemals besonders."
Traurig schüttelt die Herzogin das Haupt. Ihre großen dunklen Augen blicken ihn ängstlich forschend an.
„Keine Gemeinplätze, Lord Rawdon! Sie sehen aus wie ein Mann, dessen Leben ruinirt ist. O, warum versuchen Sie, mir gegenüber sich zu v rstellen," fährt sie vorwurfsvoll fort, als er sich unmuthi abwendet. „Ich ahne Alles, was Sie verschweigen wollen. Sie sind acht Tage lang unsichtbar und die Baronin Medfort lacht, wenn man Ihren Namen nennt."
Lord Rawdon fährt auf. Eine tiefe Röthe überzieht seine soeben noch krankhaft blassen Züge.
„Was thut sie?" fragt er stirnrunzelnd.
„S e lacht," wiederholt die Herzogin. „Und unsere stets liebreiche und nachsichtige Welt schließt daraus, daß die Baronin Ihren Antrag zurückgewiesen hat."
„Die Welt hat Recht," sagt er achselzuckend. „Ich waL so unglücklich, von der Baronin einen Korb zu erhalten. Aber — was mich anbelangt — so kann ich das Unglück schon ertragen. Hahahaha!"
Sein Lachen klingt hart und hohl. Die Herzogin schaudert. O, hätte er ihre Warnung beherzigt! Doch sie ist nicht die Frau, ihn daran zu erinnern und ihn dadurch gewissermaßen noch zu demüthigen.
„Was hat die Frau Ihnen angethan?" fragt sie dringend. „Sprechen Sie sich aus!"
„Nichts," erwidert er, sich stolz aufrichtend, „ich versichere Sie — nichts."
Und er reicht ihr höflich den Arm, um sie in den Speisesaal zu geleiten.
Doch die Herzogin läßt sich nicht täuschen. Die Augen der Liebe sehen scharf. Während des Essens beobachtet sie ihn heimlich- Das Herz thut ihr weh, wenn sie steht, wie er stch bemüht, heiter zu erscheinen, lebhaft zu sprechen und sich sür Anderer Angelegenheiten zu interesstren.
Er spricht, er hört den Gesprächen Anderer zu, er ißt, er trinkt, er lacht — Alles wie im Traum. In seinen Ohren gellen die Worte: „Räche Dich! Räche Dich!" Sie nehmen an Stärke, an Krast zu; ste übertönen alle übrigen Geräusche; sie machen ihn unfähig, etwas Anderes zu denken.
„Räche Dich! Räche Dich!"
Er weiß nicht — hat er die Worte soeben selbst ausgesprochen? Hat ein Anderer ste gerufen? Scheu blickt er stch um. Steht das bleiche, hagere Gespenst des Wahnsinns bereits hinter ihm?
Die Herzogin benutzt eine lebhafte und allgemein geführte Unterhaltung, um an ihn heranzutreten und ihm zuzuflüstern: „Beherrschen Sie stch! Man wird auf Sie aufmerksam!"
Das Essen ist beendet. Die wenigen Gäste empfehlen sich. Der Herzog, welcher gewöhnt ist, nach Tisch ein wenig zu ruhen, zieht sich zurück. Lord Rawdon und die Herzogin sind allein.
„Ich fürchte, ich werde krank," ruft Arno erregt. „Ich sehe fremde Gegenstände und höre fremde Geräusche. Gewisse Worte scheinen sich förmlich in mein Gehirn eingebrannt zu haben-"
„Welche Worte?"
„Räche Dich! Räche Dich!" murmelt er düster. „Wenn ich nur wüßte, wie!"
Die Herzogin sieht sehr ernst aus.
„Lieber Lbrd Rawdon," sagt sie leise, „Sie sollten London für einige Zeit verlassen, sollten größere Reisen unternehmen. Andere Luft, andere Eindrücke würden vortheilhaft auf Sie wirken."
„Vielleicht," entgegnet er mit einem dankbaren Blick. Die Sympathie der liebenswürdigen, schönen Frau thut ihm wohl. Ihre besorgte Frage, ob er lieber das Theater nicht besuchen wolle, verneint er, und die feinfühlige Herzogin begreift, daß bei seinem fieberhaften Gemüthszustand der Aufenthalt in einem engen Raum für ihn eine Qual sein muß.
Der Herzog von Edenfield hatte gebeten, ihn vom Theaterbesuch zu dispenstren, da er an dem Abende eine Parlamentsrede durcharbeiten wollte. So geht Arno mit der Herzogin allein.
Das Stück nimmt gerade seinen Anfang, als die Beiden die Loge betreten. Der Zuschauerraum ist dunkel, so daß man wenig in demselben erkennen kann. Doch als nach dem ersten Act der Vorhang fällt, findet man Muse genug, sich umzu- sehen. So ziemlich Alles, was Anspruch auf Geld, Rang, Geist und Schönheit besitzt, ist anwesend, da ein gefeierter Gast in seiner Glanzrolle aufritt.
In der Loge, gerade gegenüber derjenigen der Herzogin, sitzt Lola neben ihrer Freundin, der Frau von Lovel. Sie sieht strahlend heiter aus, wie immer. Aus dem zartaprikosenfarbenen Sammetkleid heben sich die blendenden Schultern wie gemeißelt. Um den schlanken Hals schlingen sich einige Schnüre weißer Perlen. Auf der Brust, an den Handgelenken, im hochfrisirten Haar strahlen unzählige Diamanten.


