Ausgabe 
25.8.1894
 
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allerdings für Selbstentwürdigung, ohne Lieke und nur aus egoistischen Beweggründen zu einer Ehe zu schreiten, aber meine schlimme materielle Lage machte mich unfrei, unselbständig. Ich wollte vor meinen drängenden Gläubigern Ruhe haben und da trieb mich die Verzweiflung zu den Füßen jenes schönen Weibes, das schon lange an meiner bescheidenen Person Wohl­gefallen fand!"

Er schwieg und senkte finster den Blick zu Boden.

Annie saß starr wie von einem schweren Schlage betroffen. Sie dachte, fühlte und fürchtete nur eines, daß er sich von ihr trennen und vie fremde Frau heirathen würde. Ihr ganzes Innere empörte fich dagegen, sie gönnte Jener den Mann nicht, deffen Liebe ihr gehörte.

Und Sie wollen Lady Campello zur Frau nehmen?" rief sie im tiefsten Schmerz.

Ich würde sie geheirathet haben, wenn nicht Du, meine liebste Annie, mein Herz gewonnen hättest," versetzte er im ernsten Ton.Aber ein Mann, der Dich liebt, kann sein Da« sein nicht mehr an eine Andere ketten."

Dann fügte er leidenschaftlicher hinzu:Was aber in Zukunft aus mir und aus unserer Liebe werden wird, weiß ich augenblicklich noch nicht, aber ich schwöre Dir, lieber will ich meine Stellung als Osfizier aufgeben und mir eine Existenz als Beamter oder Landwirth suchen, ehe ich mich an diese stolze, herrschsüchtige Mexikanerin binde. Und nun wollen wir Abschied von einander nehmen, denn auch Dir kann ich nicht angehören, mein herziges Lieb. Das Schicksal trennt uns es ist hart! Aber es muß, es muß ja geschieden sein denn es ist nicht zu hoffen, daß Deine gute Mutter meine vielen Schulden bezahlen und Dir dann noch die für eine Osfiziersfrau nöthige Mitgift geben kann."

Er beugte sich seufzend über sie, faßte ihre Hand und küßte sie mit frommer Inbrunst. Dann wandte er sich zum Gehen. Was sollte er die Qual noch verlängern? Aber Annie sprang empor und warf beide Arme um seinen Hals- Schmerz und Verzweiflung machten sie plötzlich tollkühn. Sie schaute ihn an mit einem langen Blick, in dem ihre ganze Seele lag.

Nein, Geliebter, geh' nicht fort!" rief sie mit zitternder Stimme.Verlaß mich nicht! Noch eine Minute bleibe hier und laß mich auch ein Wort ganz offen mit Dir reden. Noch ist nicht Alles aus, noch nicht Alles entschieden I Ich weiß, Du kannst nur um ein reiches Mädchen werben. Aber ich bin nicht so arm, wie Du vielleicht glaubst. Mama hat Vermögen, wie viel weiß ich allerdings nicht. Ich habe mich niemals um Geld bekümmert, so viel ich wollte, bekam ich auch. Mama ist gut, herzensgut, sie wird jedes Opfer bringen, um mich glücklich zu machen. Und ich bin sehr unglücklich. Ich möchte aufschreien vor Leid, daß Du Dich von mir trennen willst! Ich habe Dich doch so lieb, so unendlich lieb. Und Du mußt nun mit meiner Mama reden, ihr nichts verschweigen und ihr die ganze Wahrheit sagen. Mama wird Dir bestimmt helfen, zweifle nicht daran. Sie thut Alles für mich und wird auch Alles für Dich thun, weil ich Dich lieb habe. Das Geld soll uns nicht scheiden. Nein, nein, mein armer Lieutenant, wir haben uns heute noch nicht zum letzten Male gesehen! Oder willst Du mich dennoch nicht zur Frau?"

So plauderte sie in kindlicher Unschuld fort und zerstreute fast seine Sorgen. Alles, was sein Herz bisher qualvoll be­schwert hatte, wich beinahe ganz vor der Eröffnung des lieben Mädchen«. Dem ungeachtet gab er sich nicht sofort dem Rausche des Glückes hin, er zauderte noch, denn er wußte nicht, ob Annies Mutter in der Lage und willens war, seine Schulden zu bezahlen. Auch daß er von ihr das Geld nehmen sollte, war er brauchte, verletzte seinen Stolz. Aber er dachte auch daran, daß Annie ihn liebte, ihm angehörte mit Herz und Seele, und ihr Geld dann kein fremdes Geld war- Er konnte es ihr reich verzinsen durch seine Stellung und durch seine volle Liebe. Bei echter Liebe gab es ja kein Mein und Dein und ob reich oder arm, das machte nicht das Mindeste aus.

Allmählig schwanden seine Bedenken dahin wie der Thau vor der Sonne und wieder sank er vor Annie aus die Kniee, ein von Hoffnung, Glück und Freude überwältigter Mann.

Annie," jubelte er,Annie! Mir war mein Herz so schwer, so schwer, aber jetzt ist es ganz erfüllt vom Sonnen« glanz der Liebe, und Hoffnung. Es muß ein Glück für uns geben und sollte es erst schwer erkämpft werden müffen."

Und nun küßte er wieder ihre Hände und den rothen Mund.

Du führst mich jetzt nach Hause und stellst Dich Mama als meinen Verlobten vor, nicht wahr?" sagte sie eifrig. Mama wird sehr überrascht sein, und Fräulein Sanny Brunner erst recht, aber wir können jetzt offenbar nichts Besseres thun."

Das versteht sich von selbst! Wir gehen sofort zu Dei­ner Mutter und ich halte in aller Form bei ihr um Dich an. Hoffentlich bekomme ich keinen Korb!"

Nun hob er Annie übermüthig auf seinen Arm und trug sie über die kleine Lichtung und noch eine Strecke weiter-

Als er sie wieder auf den Boden gleiten ließ, sagte er in tiefer Bewegung:So will ich Dich durch'-Leben tragen, Du einzig Geliebte mein!"

Arm in Arm legten sie ihren Weg zurück und Arm in Arm gingen sie durch die Stadt, unbekümmert um andere Leute, um neugierige Blicke und heimliches Tuscheln. Sie hatte nur Augen und Ohren für sich, und nur heitere, hoff­nungsreiche Zukunftsbilder stiegen vor ihnen auf.

Frau Rath Göhren hatte inzwischen tüchtig ausgeschlafen, war wieder wohlauf und saß in der an der Vorderseite der Villa gelegenen Veranda auf einem weichen Lehnsessel. Sie ließ sich von der warmen Sonne bescheinen und blickte öfters die Straße entlang, um Annies Rückkehr zu erspähen.

Da sah die Frau Rath plötzlich das junge Paar die Straße herabkommen. Sie öffnete ihre Augen weiter und weiter vor Erstaunen. So groß hatte sie dieselben noch niemals auf- gerissen. Sie wurde ganz nervös und ließ die Zeitung, welche sie in der Hand hielt, aus den Fingern auf den Tisch fallen- Aber ehe sie sich noch von ihrem Staunen erholen und ein Wort über ihre Lippen bringen konnte, war ihr Annie an den Hals geflogen und hatte sie stürmisch geküßt.

Herr Oberlieutenant Bernthal will mich zur Frau, liebstes Mamachen," sprudelte sie hervor,und wir haben uns vorhin verlobt! Er ist der edelste, liebenswürdigste Mann für mich, und der rechte Schwiegersohn für Dich, ich bin überglücklich! Wir sind nun ein paar Brautleute, nichts kann mehr daran geändert werden, nun fehlt uns noch Dein Glückwunsch und Dein Segen, liebste Mama! Wir bitten inständigst darum!"

Der alten Dame wirbelte der Kopf vor Ueberraschung, sie war völlig fassungslos und rang mühsam nach Worten.

Der Oberlieutenant war unterdessen näher gekommen, aber taktvoll auf der Schwelle der Veranda stehen geblieben, doch mit ehrerbietigem Gruß. Die alte Dame forderte ihn nicht zum Eintreten auf, sie war ganz verwirrt und mit un­ruhiger Frage flog ihr Blick bald zu ihm, bald zu Annie hinüber.

Willst Du meinem Bräutigam denn gar nichtGuten Tag" sagen und als Sohn willkommen heißen, Mamachen? Sieh' nur, er macht schon ein ganz trauriges Gesicht!" flüsterte ungeduldig das Mädchen in ihr Ohr.

Die Räthin ernannte sich und sprach ein paar herzliche Worte zu Bernthal, der stumm an seiner Stelle weilte. Dann wies sie mit der Hand auf einen Sessel, der jenseits des Tisches stand. Er folgte der Aufforderung und nahm Platz. Annie stellte sich sofort an seine Seite und legte ihre Hand auf seine Schulter.

Bernthal fühlte, daß jetzt der Augenblick zur endgiltigen Erklärung für ihn gekommen war und daß er auch die Ver« urtheilung hinnehmen mußte, wenn er unrecht gehandelt hatte.

Er bat die Räthin ernst und bewegt um eine Unterredung unter vier Augen.

(Fortsetzung folgt.)