Ausgabe 
25.8.1894
 
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Samstag, den 25. August.

Geläuterte Herzen.

Novelle von Johanna Berger.

(Fortsetzung.)

Annie wollte zur Kirche gehen, obgleich sie sonst keine eifrige Kirchgängerin war. Aber heute unter dem Einfluß ihres gesteigerten Gemüthslebens konnte sie dem hoheitsvollen Zauber der Glockentöne nicht widerstehen, es zog sie mit Ge­walt in'S Gotteshaus.

Die Mutter, welche sich immer noch unwohl fühlte, hatte ihren Brunnen im Bette getrunken und legte sich eben wieder zum Schlafen zurecht, als Annie zu ihr in's Zimmer trat. Diese mußte heute ihren Kaffee allein trinken und dann eilte sie hinaus in den herrlichen FrühlingÄnorgen.

Ein Trunk frischer Morgenluft war für das junge Mäd­chen dasselbe, wie für andere Sterbliche ein Trunk sprudelnden Champagners. Er belebte ihre Nerven und regte Geist und Körper an.

Als sie in die Nähe der Stadtkirche kam, wo an Sonn- und Festtagen Meffe und Hochamt war, strömte schon eine Menge Leute im Sonntagsstaat aus den Häusern. Sie hielten die großen Gesangbücher vor der Brust und in den Händen den Rosenkranz. Auch viele Kurgäste eilten zum Gottesdienst und Landleute von Fern und Nah in heimischer Landestracht.

Vor dem Kirchenportal entstand ein großes Gedränge und Annie wurde vom Menschenstrom vorwärts geschoben und hinein in's Gotteshaus. Eine schwüle, weihrauchgetränkte Luft schlug ihr entgegen, blendender Kerzenglanz umfluthete sie. Vor dem reichgeschmückten Hauptaltar standen der Dechant und zwei Capläne aus dem ritterlichen Orden der Kceuzherren mit dem rothen Stern. Sie murmelten lateinische Gebete, die sie nicht verstand. Dann erscholl Orgelton und der fromme Gesang der Gemeinde mischte sich mit den feierlichen Klängen. Fast auf allen Gesichtern war gläubige Andacht und Befriedi­gung zu lesen. Zuweilen hörte man leises Seufzen und Wei­nen. Die ergreifende Gewalt der religiösen Uebung schwebte überwältigend durch das Gotteshaus.

Annie, obwohl Protestantin, wurde von dieser Feier in der katholischen Kirche doch auch mächtig ergriffen und sie betete andächtig für ihr Glück und ihren Seelenfrieden. Sie würde auch noch länger in der Kirche geblieben sein, doch es kam ihr vor, als hätte sie in der nahezu überfüllten Kirche eine Ohnmacht zu befürchten und sie trat deshalb wieder hinaus in's Freie.

Sie sah nach der Uhr, es war noch früh. Da Maina

jedenfalls noch schlief und sie nicht vermiffen würde, wollte sie noch ein wenig Herumstreifen.

Unterhalb der Kirche, am rechten Ufer der Tepl, befand sich die Sprudel-Colonade, ein Prachtbau mit imposanten Dimensionen. Sie war bis dahin noch nicht hier gewesen und nun freute sie sich, daß sich ihr jetzt Gelegenheit bot, die merk­würdige Heilquelle kennen zu lernen.

Ohne langes Säumen trat sie in die weite Trinkhalle ein, in deren Mitte sich das große Reservoir befand, aus dem das heiße Thermalwaffer in kurzen brausenden Stößen schäu­mend und dampfend hoch in die Lust steigt- Sie blieb stau­nend vor diesem großartigen Naturwunder stehen, das seines Gleichen nicht viel auf Erden hat.

Um sie herum wandelten Hunderte von Kurgästen, welche alle von dem heilkräftigen Born Linderung ihrer Leiden er­hoffen. Die Brunnenmädchen hatten alle Hände voll zu thun, um die Becher mit dem perlenden Sprudel zu füllen und die andrängende Menge zu befriedigen.

Annie beobachtete mit immer mehr steigendem Interesse das malerische Wandelbild umher. Es war ihr Aller neu und von fesselndem Reiz. Dann mischte sie sich unter die fremden Leute, welche in der prachtvollen Sprudel-Colonade im lang­samen Kurschritt auf und nieder promenhten. Viele Kurgäste schritten an ihr vorüber und schauten sie mit unverhohlener , Bewunderung an. Die thaufrische Anmuth und die Lieblich­keit von Annies Erscheinung blieb nicht unbemerkt. Sie dachte. sich wenig dabei, denn gefallsüchtige, berechnende Gedanken be­herrschten sie nicht.

In der Nähe des Musikpavillons hatte sich um eins kleine Ruhebank eine Gruppe von Herren in Civil und Uniform ver­sammelt. Dort saß auch die schöne Mexikanerin, der Stern der Badegesellschaft. Strahlend und siegesgewiß wie eine Königin ließ' sie sich den Hof machen und schlürfte langsam den heißen Sprudel aus ihrem goldenen Becher.

Man konnte sich für das Auge gewiß nichts Reizenderes denken, als dieses schöne Weib mit dem rothblonden üppigen Haar und den schwarzen Gluthaugen, die nach allen Richtungen zündende Funken sprühten. Sie war heute ganz weiß gekleidet mit Marschall-Niel-Rosen auf der Brust. Sie plauderte leb­haft und erregt in ihrem fremdländisch klingenden Deutsch und lachte so, daß ihre weißen Perlenzähne sichtbar wurden. Da­bei flogen ihre Blicke ruhelos durch den weiten Raum und jeden Augenblick wandte sie den Kopf.

Annie hatte eben ihren Rundgang beendet und wollte die Colonade verlassen, da fiel ihr Blick auf die Mexikanerin. Sie stutzte und starrte so lange zu ihr hinüber, dir heiße Thränen ihr in die Augen traten. Ihr Herz krampfte sich