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Der Detectiv wechselte mit Doctor Mark einen bedeutungsvollen Blick.
»Ihr habt den Herrn nicht gesehen?" fragte er ruhig weiter.
„Nein — ich hatte ja meinen Tag. Er ist um halb zwei Uhr bei der Nacht hier gewesen und da schläft schon jeder an» ständige Mensch," schloß sie mit einem höhnischen Aufleuchten ihrer grünen Augen.
„Halb zwei! Die Zeit stimmt," flüsterte Mark dem Detectiv zu.
„Ist das auch wahr?" forschte dieser mißtrauisch.
Die Alte lachte in eigenthümlicher Weise.
„Ihr kennt mich nicht," sagte sie, „Ihr kennt die Pfeiferin nicht. Die lügt nicht — haha — die lügt nicht, nie — auch wenn sie ihren Tag hat. Und — zum Kuckuck, wenn Ihr der Pfeiferin nicht glaubt, so fragt doch die Sali, meine Enkelin," schloß sie heftig.
„Wo ist die?"
„Durchgegangen ist sie — ihrer alten Großmutter durchgegangen, die Undankbare — hat mich allein gelaffen."
Während sie schluchzte, raunte Kilian dem Advocaten zu: „Die Sali müssen wir ausfindig machen. Das ist die Einzige, welche bezeugen kann, daß Jvanyi um die kritische Zeit hier war."
„Wenn wir sie nur finden," seufzte Doctor Mark.
Als sie sich zum Gehen anschickten, reichte Doctor Mark der Pfeiferin einige Silbermünzen, welche sie hastig in ein Tuch band und in ihrem Kleide versteckte. Sie befand sich offenbar infolge des unerwarteten Geschenks in guter Laune und geleitete die Herren mit ihrer Lampe bis zur Hausthür-
Auf der Straße angekommen, athmete der Advocat tief auf.
„Unsere Zeit war nicht verloren," bemerkte der Detectiv. „Wir wissen nun bestimmt, daß Herr von Jvanyi hier gewesen ist und dies wird ihn retten —"
„Vorausgesetzt, daß wir diese Sali finden," antwortete Doctor Mark unmuthig, — „aber gehen wir rasch bis zum nächsten Standplatz. Ich muß nach Hause fahren, um die Kleider zu wechseln. Sie sind voll von den Gerüchen, welche wir einathmen mußten — und dann nehmen wir eine kleine Stärkung, Herr Kilian, mir ist ganz übel geworden von diefer Entdeckungsreise."
XV.
Peter Kilian begann seine schwierige Arbeit. Im Laufe des folgenden Tages suchte er noch einmal die alte Pfeiferin auf, dann veranlaßte er Alles, was in seiner Macht stand, um die Auffindung der Sali Pfeifer zu ermöglichen. Aber als er am Abend im Bureau Doctor Marks erschien, zeigte sein Gesicht nichts weniger als eine zufriedene Miene. Er war mürrisch und ärgerlich.
„Haben Sie's heraus?" fragte der Advocat, noch ehe der Detectiv Zeit gefunden, mit seinen Mittheilungen zu beginnen- „Wo befindet sich diese Sali?"
„Das möchte ich selbst gern wissen," brummte Kiltän verdrießlich. „In Wien ist sie nicht, das ist sicher. Eine Spur hat nach Pest gelenkt, wo sie einen Dienst für sich suchen wollte. Ich habe depeschirt, dann telephonirt — aber ich be- kam zur Antwort, daß eine Rosalia Pfeifer polizeilich dort nicht gemeldet sei. Ich versuchte er dann mit der Angabe des Spitznamens dieses Mädchens — sie heißt „rothe Sali", — aber auch unter dieser Bezeichnung ist sie weder der Behörde noch irgend wem aus dem dortigen Detectiv-Corps bekannt."
„Hm," meinte der Advocat nachdenkend, „vielleicht hat sie einen anderen Namen angenommen."
„Dasselbe denke ich auch," fiel Kilian ein. „Sie wird wohl fürchten, zu ihrer verrückten Großmutter zurückgeschickt zu werden, wenn man sie aufgreist. Und die hat ihr gerade keine zärtliche Behandlung zu Theil werden lassen."
„Was können wir also thun? Dieses Mädchen darf uns nicht das Spiel verderben."
„Weitersuchen," sagte der Detectiv trocken.
„Hm — za," brummte Mark gedehnt. „Wann hat sie Wien verlassen, wissen Me das, Herr Kilian?"
„Gewiß, am 28. Mai; gleich nachdem die Königin gestorben war."
„Hat sie nichts Bemerkenswerthes an sich, außer ihren rothen Haaren? Ist sie hübsch?"
„Geschmacksache — sie ist sehr unwissend. Sie kann weder schreiben noch lesen."
Es entstand eine Pause, während welcher die Beiden nachdenklich den Rauch ihrer Cigarren vor sich hinbliesen.
„Meinen Sie nicht, daß es gut wäre, Sali Pfeifer durch die Zeitung zu suchen?" fragte der Advocat. „Denn finden müssen wir sie auf alle Fälle, da Jvanyis Leben davon abhängt. Vielleicht fetzen wir auch eine Belohnung aus —"
„Dar wird gut sein, Herr Doctor. Wir brauchen die Sali unbedingt, selbst wenn Sie Herrn von Jvanyi dazu bringen sollten, daß er selbst eingesteht, in jener Nacht bei der Pfeiferin gewesen zu sein. Salis Aussage ist unerläßlich, da sie die Einzige war, Die ihn dort gesehen hat."
„Sind Sie dessen sicher, Herr Kilian?"
„Ich denke. Er war spät- Bei der Pfeiferin schliefen Alle bis auf die Königin und Sali. Die eine ist aber nicht mehr am Leben, folglich kann nur die andere die entlastende Aussage machen."
„Und die Pfeiferin selbst?"
„Ah, die," — ein ironisches Lächeln überflog das hagere Gesicht Kilians, — „die hatte, wie Sie gestern gehört haben, ihren Tag. Jm Uebrigen," — und seine Stimme nahm einen geheimnißvollen Ton an, während er, die Augen fest auf den Advocaten richtend, dies sprach, — „im Nebligen glaubt sie fest, daß jener nächtliche Besucher der Andere war."
„Welcher Andere?" fragte Doctor Mark erstauut.
„Nun, Ottokar Wolski," sprach der Detectiv so ruhig, als erzählte er irgend etwas ganz Nebensächliches.
„Was Sie nicht sagen!" rief der Advocat aufspringend. „Ottokar Wolski! Es scheint unglaublich. Ist er denn überhaupt dort gewesen?"
„Jawohl. Er war ost dort. Er hat die Königin, als sie krank war, besucht. Die Beiden haben sich sehr gut gekannt.^
„Ah, das ist in der That merkwürdig! Diese Königin ist ja der Mittelpunkt der ganzen Sache. Jede Spur führt zu ihr. Wer war sie denn eigentlich?"
„Eine noch hübsche Frau von etwa vierzig Jahren. Mehr weiß ich nicht, da sie nicht lange hier war. Warum und woher sie gerade zur Pfeiferin gekommen ist, das weigert sich diese, mir zu sagen. Uebrigens muß die Alte mehr von der ganzen Sache wissen, als sie eingestehen will."
„Aber, um Gottes willen, was mag denn das Weib Jvanyi anvertraut haben über Fräulein Margarethe Weber, daß er bei seiner Weigerung in so eigensinniger Weise beharrt? Eine Fremde, die hierher kommt, um bei der alten Pfeiferin zu sterben — es ist geradezu räthselhast I"
„Vielleicht war Fräulein Weber am Ende doch mit Wolski verlobt und die Königin hat darum gewußt," meinte der Detectiv.
„Dummes Zeug I Sie konnte ihn niemals leiben; sie liebte diesen Jvanyi vom ersten Augenblick. Und dann ist er doch undenkbar, daß sie gerade die Königin zu ihrer Mitwisserin genommen haben. Freilich," fügte er sinnend hinzu, „wollte Weber sie mit Wolski verheirathen — aber sie widersetzte sich dem Antrag energisch und Weber gab dann feine Einwilligung zu ihrer Verlobung mit Desider Jvanyi."
„Und was that Wolski?"
„Der hatte eine stürmische Auseinandersetzung mit Weber und verließ in Heller Wuth das Haus. In der Nacht darauf wurde er im Fiaker tobt aufgefunden. Er soll beut Verbrechen zum Opfer gefallen sein um gewisser Papiere willen, bie er bei sich trug."
„Ah, bas ist Abameks fixe Idee —"
„Unb auch bie meine, Herr Kilian," unterbrach ihn der Abvocat scharf. „Wolski hatte unbebingt kostbare Papiere bei


