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Wie alljährlich, so verlangte ber Landgraf auch mit Beginn des Jahres 1658 einen Rechenschaftsbericht über den Gefammtzustand des Landes vom Commissarius Caspari. Die Schule in Echzell fing an aufzublühen. Der erste Rector Freylich war 1649, der erste Conrector Röhrich 1652 an- gestellt worden- Die Geistlichen waren sämmtlich diensteifrig und tüchtig und walteten ihrer Aemter mit Freuden. Land- wirthschaft und Gartenbau kamen mehr und mehr in Blüthe. In den Gemarkungen von Echzell und Berstadt ließ ber Fürst zwei Teiche ausgraben unb mit Fischen besetzen. Die Verbesserung ber Straßen würbe stets im Auge behalten.
„Wir können auf das Jahr 1657 mit Befriebigung zurücksehen," sprach ber Lanbgraf, nachdem er den Rechenschaftsbericht vernommen. „Wenn wir Frieden behalten, was Gott gnädiglich bescheeren möchte, werden die Wunden des langen Krieges immer mehr verharschen, unsere Untertanen werben sich in ber fruchtbaren Gegend bald eines größeren Wohlstandes erfreuen und unsere Einkünfte werben wachsen. Daß Ihr bas Verfolgen unb Brennen ber Hexen eingestellt, ist mir sehr erfreulich, benn mir gehet es hart gegen bas Gemüth, baß meine Untertanen an Leben unb Eigentum geschädigt werben sollen. Habt Ihr Hoffnung, Commissarius, baß Ihr bis schlimmsten und gefährlichsten Zauberer beseitiget habet?"
Al« die erste Kanne getrunken war, ließ Quaffel eine zweite kommen. Da öffnete fich die Thüre unb Äammerbiener Langsdorf trat ein. Alsbald sprang Quaffel auf, machte tiefe Bücklinge, holte einen Stuhl unb nötigte Langsdorf, ber sich nach einem anberen Platze umsah, zum Riedersttzen.
„Ra, Dörrbusch," sprach ber Postschreiber zum Wildhüter, „trink'Deine Kanne aus unb laß Dich nicht länger aufhalten, ich weiß, Du hast noch im Walbe zu tun."
Dörrbusch empfahl sich brummenb. Draußen murmelte er: „Dieser Quaffel ist boch ein trauriger Geselle; vor einer halben Stnnbe schimpfte unb maulirte er über ben Kammer- biener unb kaum tritt ber Gescholtene herein, macht ber 58er# leumber Bücklinge unb Kratzfüße, wie vor bem Landgrafen selbst. Ich bin nur froh, daß ich ihm zwei Kannen Freibier abgehenkt habe. Der Schlucker hat Schulden wie ein Pfalzgraf unb mein Vermögen ist zehnmal größer, als bas feine. Aber bafiir, daß ich ihn Postcommiflarius betitulirt unb ihm den Rebel mit ber Berufung nach Frankfurt aufgebunben habe, blechte er bie zwei Kannen. Warte nur, Alter I Nicht ungestraft sollst Du mich so gemein abgeschoben unb Humpen- zähler ober Riekenverschneider vermmamt haben."
„Herr Äammerbiener," begann inzwischen Quaffel, inbem er seine liebenswürbigste Miene aufsetzte, „Ihr habt boch ben beneibenswerthesten Dienst."
„Mein Dienst ist ein recht schwerer," antwortete Langs- borf, „unb ob er so beneidenswert ist, wie Ihr wähnet, ist eine noch nicht gelöste Frage."
„Ich beneide Euch um diesen Dienst, Herr Kammerdiener. Nichts kann herrlicher sein, als Tag unb Nacht mit hohen, feinen Herrschaften zu verkehren, nur Feines unb Vornehmes zu sehen unb zu hören, seinen eigenen Geist immer mehr aus- zubilben. Welch' erhabenes Gefühl muß es fein, bei hohen Festlichkeiten in goldstrotzender Livree aufzutreten, wobei ein Abglanz von all' ber Herrlichkeit auch auf bie Bediensteten fällt."
Der Kammerdiener wich den weiteren Expektorationen be« Postschreibers ans, dessen Schwätzereien er kannte, trank seinen Krug leer und schritt von bannen. In Gettenau stieß er auf ben Wildhüter Dörrbusch.
„Verzeiht, Herr Kammerdiener," sprach Letzterer, „ich möchte Euch nur mittheilen, daß Quaffel vorhin sagte: ein Kammerdiener wäre eigentlich gar nichts, er müsse ben ganzen Tag ben Rücken krümmen, ewig lächeln, um bafür Fußtritte zu ernten unb zuletzt bet Seite geschoben zu werden."
„Das sieht bem Quaffel ähnlich," versetzte Langsbors belustigt, „kümmere Dich nicht weiter um ben Blechschwätzer, ber beinahe zum Hofspengler ernannt worben wäre."
„Ich mache mir gar nicht« au« diesem dahergelaufenen Rentmeister," sprach die Pfarrerin, welche sieben Söhne unb eine vierjährige Tochter hatte. „Man weiß nicht, woher er stammt, e« wirb sogar behauptet, er sei von Adel, ich glaube es aber nicht. Mit seiner Singerei wäre er auch besser weg- geblieben."
„Freilich," fiel Malwine ein, „nur ging e« nicht, weil Seine Durchlaucht doch befohlen hatten, also mußte gehorcht werben."
„Run ja l Aber der Mann dünkt sich viel mehr äl« An# bere, er geht seine eigenen Wege, verkehrt wenig, kümmert sich nicht um bie besseren Familien, ist hochmüthig —"
„Hochmüthig ist er eigentlich doch nicht," opponirte Hel# mincheu sanft, „es heißt allgemein, er wäre recht freundlich unb gefällig unb auch gut gegen Arme."
„So! Dann habe ich bas noch nicht vernommen," fuhr die Pfarrerin fort. „Allgemein nimmt man es ihm übel, daß er sich in unsere Landgrafschaft hereingebrängt hat."
„Am Enbe ist ba« auch nicht seine Schuld," erwlberte Alwine, „er wurde ja von dem Landgrafen Wilhelm dem Weisen hierher gesandt. Wenn ber Mann nun bei biefen schlechten Zeiten eine paffende Stelle findet —"
„Dann kann er sie anstandslos annehmen," vervollständigte Malwine den Satz.
„Das halte ich für kein Unrecht," fügte Helmine hinzu.
Die Damen empfahlen fich. Als ste weg waren, sprach die Pfarrerin laut vor sich hin: „Mein Fraueninstinkt müßte mich sehr täuschen, wenn diese drei alten Jungfrauen nicht sämmtlich für den Rentmeister schwärmten. Wäre es nicht der Fall, dann würden sie im Verein mit mir über den Eindringling hergefallen sein und kein gutes Haar an ihm gelassen haben. Statt dessen nahmen sie ihn alle Drei in Schutz. Auch Caspari, der oberste Beamte, unser Herr Gevatter, macht sich nichts aus bem jungen Menschen, ber leichtlich ein Nebenbuhler bes hochmögenden Commissarius werben könnte. Q, Ihr guten Dinger, wie wirb sich bas Blatt wenben, wenn Ihr einmal sehen müsset, daß Eure kindischen Träume im Nebel zerrinnen. Dann wird ber Haß thurmhoch wachsen!"
Al« bie brei Freundinnen vor das Brauhaus in Echzell kamen, begegnete ihnen Kammerdiener Langsdorf; er grüßte sehr höflich unb bie Damen dankten sehr freundlich, denn ber Kammerbiener eines hohen Herrn ist eine äußerst wichtige Persönlichkeit. In ber Trinkstube des Brauhauses saßen Post- schreiber Quassel unb Wildhüter Dörrbusch; beide schauten durch'« Fenster unb beobachteten bie gegenseitige Begrüßung des Kammerdieners unb ber Damen.
„So ein Kammerbiener ist doch eigentlich gar nichts," begann Quaffel. „Muß ber Mann ben ganzen Tag herum» scharwenzeln, Bücklinge machen, ben Rücken krümmen, ewig lächeln unb freundlich fein, um hintendrein Fußtritte einzuernten unb bei Seite geschoben zu werben. Solch ein Dienst wäre nichts für mich."
„Es gibt auch nicht viele Männer, wie Ihr feib, Herr Postcommiflarius," erwiderte Dörrbusch. „Vor Eurer Gelehrsamkeit unb ben großen Sprachkenntniffen hat ba« ganze Amt Bingenheim Respect. Neulich hieß e«, Ihr solltet nach Frankfurt berufen werben."
„Ei ber Tausend, wer hat ba« nun schon wieber verplauscht!" rief Quaffel, inbem er sich hoch emporreckte. „Gasthalter, bringt dem Hofjäger Dörrbusch eine Kanne für meine Rechnung."
„So, unb Gesunbheit, Dörrbusch, Du bist ein gewichster Bursch'!" rief Quaffel, inbem er mit Dörrbusch anstieß. „Mach' mir aber kein Geschwätz unter ben Leuten unb bei meiner Frau, wenn wir heute einige Maaß zusammen trinken. Man heißt Dich nämlich ben Humpenzähler unb ben Riekenverschnei# ber, weißt auch warum, inbeflen: ein Jeder hat sein Steckenpferd unb Jebem gefällt seine Kappe, beshalb gibt’« so viele Narren."
Dörrbusch verzog bei diesen Worten da« Gesicht, al« hätte er einen Schluck scharfen Essigs im Munde, er schwieg aber M, weil er die freien Schoppen nicht verlieren wollte.


