„Roch nicht," erwiderte Laspari mit großem Ernste; „leider mußte ich in Erfahrung bringen, daß wir den eigentlichen Herd de» Zaubereilasters noch nicht entdeckt und also auch noch nicht gereinigt haben. Es fehlen dazu genaue Anhaltspunkte, die ich zu erhalten hoffe. Diejenigen Personen, um welche es sich handelt, sind schwer zu fassen, es sollen Juden darunter stecken."
„Das scheint mir sehr unwahrscheinlich, Commissarius. Juden sind keine Zauberer, nirgends oder äußerst selten hört man, daß einige verurtheilt wurden. Mich dünkt, sie haben zu wenig Muth, sich mit dem Teufel einzulaflen."
„Sie saugen uns das Land aus, Durchlaucht, e» wäre erfreulich, wenn wir sie mit guter Manier los würden."
„Das ist noch Niemanden gelungen. Unserer Frau Gemahlin Herr Urgroßvater Georg I. verjagte die Juden, sie sind aber wieder gekommen."
„Man müßte scharfe Maßregeln anwenden, Durchlaucht."
„Nützen Euch gar nicht». Pharao, der König von Egypten, ließ die Judenknaben in's Wasser werfen, es half aber nichts. Salmanassar und Nebukadnezar tödteten tausende von Juden, ließen sie wegsühren und quälten sie in schrecklicher Weise, es nützte aber nichts. Der jüdische König Herodes ließ viele Judenknaben ermorden in der Hoffnung, den Messias darunter zu treffen, es half aber gar nichts. Wie greulich die Römer mit Feuer und Schwert gegen die Juden wütheten, ist Euch bekannt. Sie brachten es nur dahin, daß sich die Hebräer über die ganze Erde verbreiteten. Auch die Verfolgungen in den rheinischen Städten vor nunmehr dreihundert Jahren haben nichts zu Wege gebracht. Daraus folgt für mich, daß mit Gewalt, mit Feuer und Schwert gegen religiöse und Glaubensansichten nichts ausgerichtet werden kann."
„Aber wo die Juden die Oberhand bekamen, haben sie Übel gegen Gott und das Christenthum gewirthschaftet."
„Steht richtig, Commissarius; ich bin ein christlicher Fürst, will mein Land christlich regieren und möchte keinen jüdischen Beamten im Lande haben. Mir scheint, mit der Judenfurcht ergehet es wie mit der Hexenfurcht: Beides ist ein Wahn, der verschwindet, wenn wir für guten Unterricht und aufgeklärte Köpfe, für wirklich gute Christen und brave Bürger sorgen."
„Das Hfl eine Arbeit, Durchlaucht, die Jahrhunderte dauern kann. Wir werden schwerlich das Ende erleben und an eine solche Sysiphus-Arbeit Kräfte verschwenden, wird sich kaum empfehlen."
„Wollet Ihr lieber einen Juden- und Hexenbrand gleichzeitig entfachen? Wer solche Bewegungen entfesselt hat, wurde fast immer davon verschlungen. Ich mag nicht daran denken. Da» beste Mittel wäre: alle Kaiser, Könige, Fürsten und Herren erließen ein Gebot: die Christenjünglinge sollten und müßten alle Judenmädchen wegheirathen, dann hätten wir in einem Menschenalter Ruhe und der Kampf wäre in Güte, nicht in Haß geschlichtet."
Caspari riß die Augen weit auf vor Schrecken, als er solche Worte vernahm, und wußte nicht, was er antworten sollte. Der Landgraf aber lachte herzlich, als er die Verlegenheit des Beamten sah, fügte aber alsbald ernst hinzu: „Könnte so nicht bald da» Bibelwort: Es soll ein Hirte und eine Heerde werden, um einen Schritt vorwärts gebracht werden? Ueber- legt Euch das, ein ander Mal sprechen wir weiter darüber."
Caspari packte die Acten zusammen und empfahl sich. Auf dem Nachhausewege begegnete ihm Sibille, das Mädchen, welches ihm vor acht Jahren beim Einzuge der landgräfltchen Herrschaften vergeblich einen Blumenstrauß dargereicht, den er aber in unerklärlichem Widerwillen zur Erde hatte fallen lassen. Sehr selten kam ihm eine solche Begegnung vor, denn das Kind, das inzwischen zu einer ungewöhnlich schönen Jungfrau emporgeblüht war, wich dem gestrengen, allseitig gefürchteten Hexenrichter aus, wo es konnte. Sobald das Mädchen den Commissarius von weitem sah, floh es in eine Seitengasse, in ein Hosthor, in einen Winkel oder kehrte ganz um. Das war Caspari selber angenehm, denn es bohrte und nagte etwas in seinem Inneren, welche« ihm sagte: er habe der Kleinen Un
recht gethan und er müsse ihr etwä» abbitten. Heute konnte Sibille nicht aurweichen, weil sie mit Carpari an einer Straßenecke fast zusammenprallte.
„Verzeiht, gestrenger Herr I" sprach sie, machte eine kleine Verbeugung und eilte nach der anderen Straßenseite.
(Fortsetzung folgt.)
Werthers Schatten.
Novelle von Carl Cassau.
(Schluß.)
Der Sturmwind riß ihm den Hut vom Kopfe, er achtete es nicht. Laut schreiend kämpfte er gegen Sturm und das Rauschen der Brandung an, bis er erschöpft, voll Schmutz und Wogenschaum Clas Kastens Hütte erreichte.
Frau Kastens war allein. Laut schrie sie auf, als sie ihren Gast so verwandelt, so verstört sah. Sie hatte den jungen schönen Menschen lieb gewonnen, der immer so nett war.
Langsam kam er zu sich und beruhigte dann auch die Alte. „Nun erzählen Sie mir das Ende ihres unglücklichen Gert!" bat er sie.
Die Frau hielt mit ihrer Beschäftigung inne, und sie sagte mit bebenden Lippen: „Wie es mit ihm wurde?" In den Watten haben wir ihn tobt aufgefunden!"
Dabei wischte sie sich die Thränen au» den Augen.
„Todt!" flüsterte Werther. „Ja, der Tod ist die Vergessenheit alles Unglücks!"
Er ging auf sein Zimmer und suchte im Koffer herum.
Da lag eine Rose, jetzt verwelkt, die Laura ihm einst blühend gereicht, und dort das Pistol, durch welches einst Hector gefallen. Werther lud die Waffe mit einer Kugel und flüsterte: „In dem Watt, ja! Das Wasser ist mir zu grausig! 39m!"
Darauf ordnete er seine Kleider und sein Haar, steckte die Pistole ein und schrieb mit zitternder Hand einen Brief:
„Liebe Eltern!
Zürnt mir nicht, ich konnte nicht mehr leben, nachdem ich sie verloren. Unser Schicksal ist unabwendbar, darum unhemmbar der Schritt des meinigen! Bedauert mich, dessen Leben durch nichts als das Bewußtsein ausgefüllt ist, nie mehr glücklich sein zu können. Flucht mir nicht, nicht ihr! Vielleicht ist's in jener Welt durch die Gnade Gottes, die ja unendlich sein soll, die er auch mir daher nicht vorenthalten wird, besser mit uns neben einander bestellt! Noch einmal bitte ich, zürnt mir nicht! Leben ist mir Tod, Tod ist mir Leben! Betet für meine Seele!
Euer unglücklicher Sohn Werther."
Verwundert blickte Frau Käthe, Werthers Wirthin, auf, als in der Mittagshitze der Kurgast noch einmal an den Strand ging. Er nickte nur kurz und verschwand auf dem Wege in das Watt.
Auf einem Sandberge, zu Füßen das weite majestätische Meer, warf er sich nieder. Am Horizont tauchte ein Segel auf. Er verfolgte es mit den Augen, bi» es in der Ferne unsichtbar ward und murmelte: „So verschwand die letzte Spur meines Glückes!"
Er nahm das Taschenbuch heraus und schrieb hinein: „Wer mich entseelt findet, benachrichtige meinen Vater, Rentner Adrian Helbig in Schwalbheim I"
Darunter standen noch die Worte: „O Seligkeit jener Tage, Laura, wo Du mir lächeltest! Wer ahnte damals, als Du mir das Buch von meinem Namensvetter in die Hand drücktest, daß ich sterben sollte wie er?" Du stießest mir den Dolch ins Herz, Grausame, mein Schatten wird Dich ewig verfolgen! Mein Geist ist wirr, das Meer erhebt sich gegen mich, ich ringe mit den Wogen ------- — 1"


