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Donnerslag, dm 24, Mai.

Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

Eine feine Röthe zog über das blaffe Gesicht Helminens. Sie schwieg.

Laß uns doch Deine Ansicht hören, Malwine," begann Alwine nach einer Pause.Du bist ja sonst die Praktische, mit Verlaub die Prosaische unter uns Dreien. Wie urtheilst Du über den Herrn?"

O, ich stimme Dir vollkommen bei," erwiderte Malwine; mir gefällt der Herr sehr gut. Schade, daß ich nicht acht» zehn Jahre jünger bin, ich würde meine ganze Liebenswürdig« feit, Schönheit und Gescheidigkeit entwickeln, um seine Neig­ung zu gewinnen."

Du bist schrecklich in Deiner Ungenirtheit, Malwine," seufzte Helmine mit einem sanften Augenaufschlag.Kaum wage ich, nur einen solchen Gedanken zu denken und Du sprichst ihn schlankweg aus!"

Aus Deinem Herzchen heraus, mein Täubchen!" spottete Malwine weiter.Ich kenne Dich so genau, obgleich Du erst seit acht Jahren hier bist, daß ich jeder Fiber Deines poeti­schen Anttttzes zu folgen und aus ihren Regungen zu lesen vermag, wodurch sie in Bewegung versetzt wird. Ich sah gestern Abend Deine verklärten Züge und weiß, von was Du diese Nacht geschwärmt und geträumt hast."

Aber Malwinchen!" fiel Alwine der kleinen, dicken Mal­wine in's Wort,ist denn Dein Herz so vollständig aus­gebrannt, daß Du in Deinen jungen Jahren nichts mehr für einen schönen, jungen, begabten Herrn fühlen solltest?"

Stehe da! Unsere stattliche Juno hat auch Feuer ge­fangen," entgegnete Malwine mit Humor.Ich merkte es schon lange, mein Großeschen. So oft der Rentmeister an Eurem Hause vorüberzieht, schaust Du ihm nach, bis er hinter der Straßenecke verschwindet."

Und Du, mein Kleineschen," antwortete Alwine gereizt, richtest Dir es schon seit Wochen so ein, daß Du dem Rent­meister stets begegnest, wenn er von der Kanzlei weg oder nach derselben hingeht. Nur um Deine liebe, runde Gestalt zu sehen, nicht des Rentmeisters wegen schaue ich hinter den Scheiben hervor."

Du bist ein braves, liebes Kind, meine Große!" erwi­derte die dicke Malwine.Ich glaube Dir gerne, nur das Eine erkläre: Warum wirst Du denn über und über roth,

wenn der Rentmeister zufällig nach Dir aufschaut und Dir einen Gruß spendet?"

Alwine wendete den Kopf nach der anderen Seite und that, als hätte sie die Frage nicht gehört.

Wie denkst Du, mein Schlankeschen, über solche An­zeichen?" fragte Malwine nach einigen Secunden ihre Nach­barin zur Rechten.Sprich Dich aus, Helminchen, Du bist doch eine Herzenskündigerin und weißt, daß heimliche Liebe viel heißer brennt, als öffentliche."

Du bist heute schrecklicher als je," versetzte Helmine überaus sanft;so hab' ich Dich noch nie gehört oder ge­sehen. Darum scheint mir, Du glühst noch viel heißer für den Herrn, als Diejenigen, von denen Du vorhin sprachst, also von uns. Du willst Deine Gefühle und Empfindungen nur hinter Spaß und Humor verstecken. Habe ich es getroffen?"

Weil Du denn so aufrichtig bist und Alwine auch nicht länger leugnen kann, will ich meine Meinung rund heraus sagen," erwiderte die kleine Dicke.Ja, es ist so, wie Ihr vermuthet- Mir ergeht es wie Euch, der schrecklich lange Krieg und die unseligen Verhältniffe haben es stets unmöglich gemacht, einen unverheiratheten, gebildeten Mann kennen und lieben zu lernen. Alle Männer, denen ich begegnete, waren entweder verheirathet, oder es waren rohe Krieger, Säufer, Spieler und Schlemmer. Jetzt sieht man einen anderen, der gefällt mir sehr gut, aber--"

Aber! Malwinchen, so fahre doch fort, Du sprichst ja ganz unsere Gedanken und Gefühle aus," bemerkten die beiden Anderen.

Aberversetzte Malwine,wenn man vierzig Jahre alt ist, wie wir Drei"

Ich bin noch keine vierzig!" rief Alwine.

Ich auch nicht!" lispelte Helmine.

Und ich bin die Jüngste von uns Dreien," fügte Mal­wine hinzu,trotzdem glaube ich, daß es Widersinn wäre, an Weiteres zu denken."

Mein Herz ist noch jung!" rief Alwine-Ich könnte wohl noch einen Mann glücklich machen," flüsterte Helmine.

Ganz wohl, vielleicht einen von zweiundfünszig Jahren, aber keinen von sechsundzwanzig, mein Täubchen," meinte Mal­wine.

Run hatten sich die drei Freundinnen ausgesprochen, die Unterhaltung stockte. Erst als die Damen bei Frau Pfarrer Soldan eintraten, fand sich wieder Wortreichthum bei jeder. Als hier die Tagesneuigkeiten, das Wetter, das Kochen und Waschen abgehandelt waren, traf es sich ganz von selbst, daß die Geburtstagsfeier des Landgrafen und die Vorträge der Herren besprochen wurden.