Ausgabe 
24.4.1894
 
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überlaut, so daß die heute sehr stille Lueie mitunter unwillkür­lich zusammenzuckte.

Unser Gast ist heute bereits abgereist," erzählte Thekla wie beiläufig.Albrecht schien sich nicht mehr recht mit ihm zu stehen; sie waren eben doch grundverschieden in ihrem Wesen."

Wohin ist Herr Bellarino denn gereist?" frug Lucie scheu und halblaut.

Ich weiß es nicht," sagte Thekla und lächelte eigenthüm- lich,vielleicht kommt er noch einmal wieder."

Wie meinst Du das? Hat er es Dir versprochen?" frug die kleine Comteß.

Ja!" rief Thekla, ergriff mit einem Male leidenschaft' lich Lucien« Arm und zog sie hinab in den Garten.Kannst Du schweigen, Lucie," sagte sie dort leise,dann will ich Dir etwas beichten. Mein Herz ist übervoll, ich muß Jemand haben, um es auszuschütten. Auch muß ich Dir im Hinblick auf kommende Ereigniffe ein Geheimniß anvertrauen, damit mein guter Ruf gewahrt bleibt."

Gewiß kann ich schweigen. Weshalb bist Du aber so erregt, Thekla? Komm' hier in die Laube mit mir," entgeg­nete Lucie.

O, Kind, Du sollst Alles erfahren, denn ich liebe ihn und bin glückselig, daß er mich wieder liebt, wenn er auch nur ein bürgerlicher Künstler ist."

Unwillkürlich blieb Lucie jetzt stehen, ihre Kniee wankten, es sauste vor ihren Ohren, aber sie fühlte auch wieder, wie eine wunderbare Kraft über sie kam, welche sie aufrecht hielt, und sie sagte dann ruhig:Von wem sprichst Du, Thekla?"

Nun, von wem anders, als von Leo Bellarino, dem göttlichen Künstler, Lucie, ich habe ihn sogleich geliebt, als er am ersten Abend vor mir stand und mit seinem Feuerblicke mich bewundernd ansah; und wir haben uns Liebe gelobt für's ganze Leben trotz Albrechts Zorn. Denn wenn Albrecht er» fährt, daß ich mit ihm geflohen bin, da muß ich befürchten, daß"

Thekla, um des Himmels willen, was meinst Du mit Deiner Flucht? Du kannst doch unmöglich heimlich jenem Manne folgen?"

Doch, ich kann es und ich will es," rief das schöne Mäd­chen, trotzig den Kopf aufwerfend.Sieh', Kind, Du kannst es noch nicht verstehen, was es heißt, einen solchen Mann von ganzem Herzen zu lieben, sonst würdest Du mich verstehen, daß ich ihn nicht verlaffen kann."

Ob ich Dich verstehe? Ob ich die Liebe nicht auch kenne," murmelte die Comteß leise, und eine heiße Thräne rann über das blaffe Antlitz, während die Freundin erregt weiter sprach. Sie erzählte der kleinen Comteß den ganzen Fluchtplan, schil­derte Bellarinos Liebe an dem Gesellschaftsabend und dann als er vom Walde heimkehrte, wo er mit ihrem Bruder an­einander gerathen fein mußte, und währenddem ward die Comteß immer bleicher und stiller.

Ein furchtbares Weh zog in ihre Brust und unsägliche Verachtung an Stelle der Liebe erwachte darin, zugleich mit tiefstem Mitleid für Thekla, welche so unrettbar Bellarino und seinem dämonischen Zauber verfiel.

Endlich hatte diese hochathmend geendet, ihr Blick leuchtete lächelnd, sehnsüchtig blickte sie in die Ferne, als sehe sie bereits dort Bellarinos elegante Gestalt auftauchen.

Thekla, um des Himmels willen, das darf nicht fein, ich lasse Dich nicht fliehen mit jenem fremden Manne. Es wäre Dein ganzes Verderben."

»Fängst Du auch an, Kind?" frug Fräulein von Laffow letzt mitleidig.Spare Deine Worte, denn sie sind völlig überflüssig; ich lasse nicht von ihm und wäre es mein Tod. Albrecht hat auch mich beleidigt, al» er Leo das Haus verbot; ich gehe um ein glückliches Weib zu werden. Möchtest Du er einst in eben dem Maße sein, Lucie!"

Gott schütze Dich, Thekla! Wer Dich doch zurückhalten könnte von Deinem Unheil."

Was sprichst Du für thörichtes Zeug, Lueie? Und was fehlt Dir? Du bist todtenbleich und zitterst am ganzen Körper."

Laß mich einen Moment niedersetzen," sagte die junge Gräfin, sich auf eine Bank niederlassend,mir ist nicht ganz wohl. Doch es wird gleich vorbei sein."

Gegen sechs Uhr verabschiedete sich Thekla von Laffow von der Gräfin Bergen und Comteß Lucie. Letztere begleitete sie noch bi« zum Park und ging nach einer flüchtigen Um­armung von Seiten der scheidenden Freundin sehr nachdenklich wieder zurück. Immer stärker wurde der Kampf in ihrem Innern und ihre Verachtung gegen den treulosen Mann, der mit zwei Herzen gespielt und das eine achtlos bei Seite ge­worfen hatte, wuchs. Dann blieb Comteß Lucie erregt mit gefalteten Händen stehen und flüsterte:Ich kann nicht anders, ich will es Albrecht sagen, damit die arme Thekla selbst gegen ihren Willen gerettet wird. Ich habe ja kein Versprechen ge­geben, zu schweigen. Gott helfe mir, daß ich recht handle und Thekla aus den Händen dieses erbärmlichen Abenteurers be­freit wird!"

Die Liebe zu ihm war in Luciens Herzen gestorben im selben Moment, da die Achtung erlosch; festen Schrittes eilte die Comteß hinüber nach Schwarzendorf; über die Wiesen war der Weg gar nicht so weit und in einer halben Stunde war die Comteß dort.

Erstaunt blickte der alte Diener sie an, als sie im Schloß erschien und athemlos einen Moment stehen blieb.

Das gnädige Fräulein sind aber in Bergenhöhe, gnädige Gräfin," meinte der Diener, eine Frage nach Thekla erwartend.

Comteß Lucie stieß erregt die Worte hervor:Nein, nein! Ich muß Herrn von Laffow selbst sprechen aber rasch es droht ein Unglück!"

Ich eile zum gnädigen Herrn!" war die Antwort und dahin flog der treue Diener, dem das bleiche Gestcht der jungen Dame tiefes Mitleid einflößte.

Gleich darauf kam Albrecht von Laffow erstaunt und be­unruhigt in die Halle, wo Lucie noch immer erregt lehnte.

Gnädige Comteß, Sie hier?" rief er-Was ist ge­schehen? Darf ich Sie in den Salon führen?"

Sie stützte sich stumm auf seinen Arm und als er die Thür hinter sich zugezogen hatte und allein vor ihr im Salon stand, fand sie Worte.

Helfen Sie, Herr von Laffow," und sie brach in einen heißen Thränenstrom aus,ehe es zu spät ist- Theklaaber sie kam nicht weiter, die Stimme versagte ihr und erst nach einer Pause vermochte sie hervorzustoßen: Sie ist geflohen mit mit dem Italiener!"

Lucie, was sagen Sie! Herr des Himmels, ist das mög­lich! Meine Schwester geflohen"

Sie hat es mir selbst gesagt!" stammelte das arme Mäd­chen,und ich komme zu Ihnen, um Sie anzuflehen, retten Sie Thekla vor ihrem Unglücke!"

O, Lucie, wie soll ich Ihnen danken! Mitten im eigenen Weh, in der herbsten Enttäuschung Ihres Lebens, haben Sie noch Gedanken für Thekla, das ist Freundschaft, das zeugt von Ihrem edlen Herzen."

Herr von Laffow, sprechen Sie nicht so, loben Sie mich nicht, denn ich verdiene er nicht. Ich habe Ihnen ja noch viel weher gethan

Lassen wir jetzt das, Comteß! Reißen Sie die Wunde nicht auf, sie schmerzt noch. Und nun muß ich rasch fort, meine arme Schwester aus den Händen eines Erbärmlichen zu befreien."

Er trat an'» Fenster, riß es auf und rief hinab:Johann, sattle mein Pferd und führe es vor. Stecke auch die Pistolen in die Halftern."

Lucie schauderte bei den Worten, sie hob das verweinte Gesicht und frug leise:Herr von Laffow, es wird doch kein Unglück geben? Sie werden doch nicht in Gefahr kommen?"

Mitten int Ernst der Situation durchglitt ein Strahl des Glücks des ernsten Mannes Züge, die Comteß zeigte ja so rege Theilnahme für ihn.

Aengstigen Sie sich nicht, gnädige Comteß, ich glaube