Ausgabe 
24.2.1894
 
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KL

vereinigen ließen, wie dieses bei Ihnen der Fall ist, Herr von Bach!"

Hauptmann von Bach erwiderte lächelnd:Sie hatten dabet, werther Herr Professor, gewiß von Ihrer eigenen Person abgesehen?"

Wieso?" frag der Professor scheinbar erstaunt.

Sie sind Chemiker; ich entdeckte aber neulich, daß «sie nicht nur Poesie genießen, sondern auch bisweilen selbst den Pegasus besteigen!"

Professor Pfeil lachte laut auf und sagte dann:Ein Trugschluß, Hauptmann; die Chemie ist die zersetzende Scheide» kunst I In deren Fahrwasser bleibe ich auch, wenn ich bisweilen auch ein beißendes Epigramm dichte!"

Hübsch gesagt! Und wie heißt Ihr neuestes Opus dieser Gattung?"

Ich weiß nicht, ob Sie meine Ausfasiung theilen! - be­merkte der Professor.

Gleichviel, ich werde mich an die Form und den Geist de» Epigramm» halten! '

Nun denn, es lautet folgendermaßen:

Cupido heißt ein Schalk mit Recht!

Nach seinem Pfeilschuß lustig schauet Er auf das männliche Geschlecht, Das noch auf Weibertreue bauet!"

Der Hauptmann meinte hierauf:Gewandt und echt epigrammatisch, aber boshaft!"

Poetische Scheidekunst, Herr Hauptmann!" gab der Professor zurück.

Edgar von Bach stand auf, griff zu Mütze und Hand­schuhen und sagte:Was den Inhalt ihres Epigramms an­belangt, so erlaube ich mir nicht, mein Urtheil in die Wage zu werfen, denn ich besitze keins! Merkwürdig, dis Weiber sind mir bet meinen vierunddreißig Jahren ein Buch mit sieben Siegeln geblieben!"

Sie Hagestolz!" scherzte der Professor.

Spotten Sie nicht I Ich glaube fast sind Sie in meiner Lage, Sie sind auch unverheirathet," erwiderte der Hauptmann.

Ich bin aber unvermählt geblieben, weil ich die Weiber zu gut kannte! Doch es gibt Ausnahmen, Herr Hauptmann, Frauen, die wir bewundern und verehren müssen und Sie werden mich, wie ich hoffe, weder als verbissenen Verächter des schönen Geschlechts noch als leichtfertigen Lebemann an­sehen, auch deshalb nicht, weil ich, wie Sie neulich im Paradies- Club sehen konnten, zuweilen mit jungen Lebemännern verkehre."

O, ich denke nicht daran, Sie schief zu beurtheilen, lieber Professor," entgegnete treuherzig der biedere Haupt­mann.Sie sind eben zuweilen ein Schalk, schreiben beißende Epigramme und verkehren gern in lustiger Gesellschaft, um sich die Langeweile des Junggesellenlebens zu vertreiben."

Ich danke Ihnen für Ihr liebenswürdiges Urtheil, Herr von Bach," sagte Professor Pfeil verbindlich,es liegt mir wirklich daran, daß gerade Sie, ein vollendeter Gentleman, mich nicht falsch beurtheilen, denn es werden dadurch auch beiderseitige Bekannte von uns abgehalten, mich in einem schwarzen Lichte zu betrachten, wenn ich einmal in lustiger Gesellschaft gesehen werde."

Gewiß werde ich, wenn es nöthig erscheint, stets be­müht sein, Sie in das rechte Licht zu stellen, lieber Professor," entgegnete der Hauptmann.Doch es ist spät geworden und ich muß mich entfernen. Gute Nacht und nochmals besten Dank für Ihre freundliche Begutachtung meines mathematischen Problems."

Herr von Bach, ich stehe Ihnen gern zu Diensten," antwortete verbindlich der Professor und verabschiedete sich herzlich von dem Hauptmann.

Er ist mir nicht gefährlich, er ist ein ebenso guter als langweiliger Mensch," dachte Professor Pfeil, als er in sein Arbeitszimmer zurücktrat, um noch einige Zeitungen zu lesen.

II.

Einige Tage nach den geschilderten Vorgängen in der Wohnung de» Professor Pfeil entwickelte sich eine» Morgens

in der von Lindensschen Wohnung eine rege Thätigkeit. Eine Droschke fuhr vor und aus derselben entstieg eine junge, schlanke Dame mit langen, blonden Locken und blauen Augen. Ihr Profil war von einer wahrhaft klassischen Schönheit, ihre Züge regelmäßig und von vollendeter Grazie.

Professor Pfeil konnte diese Schönheit genau beobachten, denn eben in seinem Laboratorium beschäftigt, blickte er un­gesehen durch die Jalousien der Fenster und murmelte:Ah, da ist sie, meine angebetete Ruth! Sie kommt wie es scheint etwas unverhofft von der Reise zurück, die sie vorgestern zum Besuche einer Freundin angetreten. Man hat Ruth wahr­scheinlich erst mit dem Mittagszuge erwartet und sie ist nun schon mit dem Frühzuge gekommen- Alle Bilder, sagt man, sind geschmeichelt; dasjenige Ruths, welches bei ihrem Vater auf dem Schreibtische steht, bleibt aber hinter der Wirklichkeit weit zurück! Wahrhaftig, sie ist eine wirkliche Schönheit!"

Inzwischen kamen der Oberst von Linden nebst Gattin die Treppe herab, umarmten und küßten die heimkehrende Tochter, lohnten den Roffelenker ab und riefen nach Diener und Magd, welche die Reiseeffecten der Angekommenen nach oben schleppten. Nachdem Ruth noch mit einem flüchtigen Blick den Vorgarten gemustert hatte, ging sie mit den Eltern in den oberen Stock, wo ein Hin- und Hergehen andeutete, daß man das Zimmer für das Fräulein in Stand setzte, denn wie der Professor von dem Diener des Obersten erfuhr, war Ruth erst am folgenden Tage erwartet worden.

Der Professor hatte kein Auge von dem lieblichen Frauen­bilde gewandt, so lange er die reizende Erscheinung verfolgen konnte.

Nachdenklich schob er die Retorte, mit der er experimentirt, zur Seite und sagte:

Da» wäre so ein Mädchen, welches ich heirathen möchte, wenn ich eine gesicherte Stelle hätte! Ob ich dieses Experi- mentiren aufgebe und mich nach einer Anstellung umsehe? Doch jetzt nicht, wo ich dem Resultat einer Jmprägnir-Mafle nahe bin; diese Erfindung muß mir viele Tausende eintragen! Das lustige Junggesellenleben hat mich doch weidlich Geld ge­kostet, mir bleiben nur noch zwei Consols zu 5000 Mark übrig! Bin ich damit fertig und ich greife nicht nach einer Stellung, oder mache eine gute Heirath, so bin ich so ziemlich am Ende angelangt!"

Er lächelte wie einst, als er noch nicht den Glauben an die Menschheit verloren hatte, dann gedachte er eines früheren Liebesverhältnisses, welches ihn an die Tochter der Decans in der benachbarten Universität geknüpft hatte und murrte drohend und seltsam:Wer kann mir die Schuld zufchieben? That ich's? Wollte ich's Ah bah, der nur ist aufgegeben, wer sich selbst aufgibt! Wenn ich jetzt reinen Tisch mache, mit der Vergangenheit breche und ein solider Mensch werde, so schaffe ich mir auch eine neue Stellung oder beute meine Erfindung aus, so kann es mir nicht fehlen, emporzukommen. Und auch bei Rath kann es mir noch glücken. Wird sie ander» sein als alle übrigen Mädchen? Sollte ihre Gunst so schwer zu erlangen sein?"

Auf Pfeils Gesichte erschien wieder der maliliöse Zug, der es so unschön machen konnte, dann stieg er die Stufen hinauf, begab sich in sein Schlafzimmer und kleidete sich mit Sorgfalt an.

Ich werde heute sogleich Visite machen!" flüsterte er. Frisch gewagt, ist halb gewonnen! Ich bin der schönen Ruth von Linden noch gar nicht vorgestellt, sondern sah sie nur am Fenster und im Garten."

Bald stand er fertig da und stieg die Treppe hinauf nach der Wohnung des Obersten von Linden.

Der Diener meldete ihn an-

Der Professor fand Vater, Mutter und Tochter zusammen im Salon. Das Fräulein hatte sich bereits umgekleidet und Pfeil konnte auch in dem grauen Hauskleide die tadellose Schönheit Ruths bewundern.

(Fortsetzung folgt.)