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„Ich habe gar nichts gegen diesen biederen Gamaschen« fnopf, Astaro, denn er ist als Freund treu wie Gold. Aber ^merktest Du nicht, wie wenig es ihm in unserer Gesellschaft behagte, er trinkt nicht, er singt nicht, er spielt nicht und scheint auch ein Weiberfeind zu sein. Was soll ein solcher Philister in unserem Club? — Diese Sonderbarkeiten des Hauptmanns wären aber noch nicht das Schlimmste, wenn er nur nicht oben bei dem Oberst als Hausfreund fast täglich aus und ein ginge und in der Einfalt feines Herzens meinen ganzen Plan verderben könnte."
„Deinen ganzen Plan verderben?" frug der Schauspieler gedehnt. „Wie soll der biedere Hauptmann dazu lommen?"
„Ach so, Du kennst diesen meinen — Herzensplan nicht," erwiderte der junge Profeffor leise und ein leichtes Roth färbte auf einige Augenblicke seine blaffen Wangen. „Astaro, junger Freund, ich bin ernstlich verliebt und zwar in des Obersten einzige Tochter, die vor Kurzem in das elterliche Haus aus dem Pensionat zurückkehrte. Astaro, ich sage Dir, dieses Mädchen ist eine Juno an Schönheit, eine Minerva an Geist und eine Vestalin an Keuschheit und Unnahbarkeit. Wenn ich sie besitzen könnte, würde ich einer der glücklichsten Sterblichen auf diesem Erdball, denn der alte kränkliche Oberst hinterläßt allem Anscheine nach seiner einzigen Tochter auch ein namhaftes Vermögen."
„Alle Wetter!" rief halblaut der Schauspieler mit halbkomischem Erstaunen in seinen Blicken. „Das ist viel auf einmal, was Du da eben entdeckt hast, Professor, Schönheit, Geist, Tugend und Reichthum, und diese Herrlichkeiten alle in einem jungen Mädchen vereint! Täuschst Du Dich auch nicht, alter Weiberverspötter?"
„Ich täusche mich nicht," antwortete der Professor und mit einem Seufzer fuhr er fort: „Astaro, glaube mir, an diesem Mädchen, an Ruth von Linden, ist meine ganze Spottsucht über die Frauen zu Schanden geworden. Sie erscheint mir wie ein Gebild aus Himmelshöhen und ich werde unglücklich, wenn ich Ruth nicht besitzen sollte. Ich genieße das vollständige Vertrauen des Obersten und seiner Gemahlin und könnte auf dieser Grundlage viel erreichen, aber durch Hauptmann von Bach, der fast täglich mit dem Oberst verkehrt, könnte dieses Vertrauen, welches man mir in der Familie von Linden schenkt, erschüttert werden, Herr von Bach braucht nur einmal ganz zufällig anzudeuten, daß ich in dem Club verkehre. Der Oberst urtheilt nämlich über Spiel und Trunk und andere Passionen junger Lebemänner sehr streng, fast pedantisch Ich verlöre alles Vertrauen bei ihm und seiner Frau, wenn der Hauptmann einmal über unseren Club plaudern sollte."
„O, das wird Herr von Bach nicht thun," bemerkte der Schauspieler beschwichtigend, „denn er ist kein Intrigant, sondern eine offene, ehrliche Natur!"
„Ja, gerade diese übertriebene Offenherzigkeit fürchte ich am meisten an ihm," tief der Profeffor fast laut aus, „er kann mich verrathen, ohne es zu ahnen "
„Aber fei doch nicht zu ängstlich, Professor," entgegnete der Schauspieler, „Du bist bis über die Ohren verliebt und wie alle Verliebten mißtrauisch und aufgeregt. Ueberlege die Angelegenheit mit Ruhe und ziehe nöthigenfalls den Hauptmann von Bach in Dein Geheimniß, Herr von Bach ist ein echter Edelmann."
„Run, ich will mir diesen Vorschlag überlegen," sagte Professor Pfeil beruhigt, „Du kennst ja jetzt hinlänglich meine Lage, Astaro, und wirst einsehen, daß bis auf Weiteres hier in meiner Wohnung auch unter dem Siegel des Geheimnisses keine vergnügten Abende mehr stattfinden können, denn der Oberst soll nicht wissen, daß ich das lustige Leben liebe- Theile das den Freunden so geschickt wie möglich mit."
„Werde das bestens besorgen, Ernst!" entgegnete Astaro und schenkte sich ein neues Glas Wein ein.
„Gleichzeitig möchte ich Dich auch bitten, so geschickt wie möglich die schöne Sängerin Camilla von der Hofoper darauf vorzubereiten, daß ich gar nicht daran denke, sie zu heirathen, denn . . , ."
In diesem Augenblicke ertönte die Klingel bet Eingangr- pfotte der Wohnung und der Profeffor fuhr erschrocken auf.
„Zum Kuckuck, ich habe wohl gar vergessen, die äußere Thür abzuschließen!" rief er halblaut, eilte hinaus auf den Corridor und fah eben einen hochgewachsenen Offizier in das Haus treten.
„Störe ich?" fragte der Offizier.
„Durchaus nicht I" erwiderte Professor Pfeil mit erzwungener Freundlichkeit. „Bitte, treten Sie einstweilen hier in dieses Zimmer ein, ich zünde gleich Licht aus dem Corridore an, mein Diener, der leichtsinnige Mensch, hat vergessen, die Lampe anzubrennen."
Er entzündete dann das Gas in seinem Arbeitszimmer, schob dem Besucher einen Stuhl hin, setzte ihm Cigarren, Feuer und Aschenbecher vor und meinte bann: „Entschulbigen Sie mich nur eine Minute, Herr Hauptmann, ich will sofort einmal nachsehen, ob mein Diener zurückgekehrt ist."
Professor Pfeil eilte aber zu Astaro zurück und flüsterte ihm zu: „Hauptmann von Bach ist eben angekommen, langweiliger und unverhoffter Besuch, aber ich konnte ihn nicht abweisen. Du mußt jetzt leise hinaus, denn es ist besser, wenn ich die Gelegenheit wahrnehme und dem Hauptmann gleich einmal auf den Zahn fühle, daß er mich nicht bei dem Obersten anschwärzt. — Bitte, nimm es mir nicht übel, Astaro, wir sehen uns morgen wieder."
„Ich weiß Deine Lage vollkommen zu würdigen, Freund, und werde in Deinem Interesse mein Bestes thun," erwiderte leise Astaro „Auf Wiedersehen morgen Abend im Club!"
„Gute Nacht!" flüsterte der Professor und geleitete den Freund leise hinaus, sodaß der im Arbeitszimmer des Professors wartende Hauptmann von Bach von dem Besuche gar nichts bemerkte.
„Blieb ich lange?" fragte Professor Pfeil den Haupt« mannn.
Der Offizier, dessen edles Gesicht dem Gelehrten voll zugewendet war, entgegnete freundlich: „O, bitte sehr, Sie waren ja kaum eine Sekunde abwesend, lieber Professor!'
„Dafür bin ich jetzt auch ganz zu Ihrer Verfügung, Herr von Bach!" lautete die verbindliche Antwort des Professors.
Er zündete sich ebenfalls eine Cigarre an, setzte sich dem Hauptmann gegenüber und fragte: „Was gibt es Neues, Hauptmann?"
„Neues? Neues bei uns? Ein neues Seitengewehr, eine neue Pickelhaube, einen neuen Tornister, lauter Sachen, die mich eigentlich wenig intereffiren 1'
„Aber mein Gott, was soll den Offizier wohl sonst in« teressiren?"
„Sagen Sie den Gamaschenknopf!"
„Da mögen Sie vielleicht nicht ganz Unrecht haben!"
„Ohne Zweifel; mich intereffirt nur die Strategie und die Mathematik, und das ewige Einerlei des Garnisondienstes langweilt mich," fuhr der Hauptmann fort. „Als ich bei dem Oberst von Linden Ihre werthe Bekanntschaft machte, Herr Professor, sagten Sie mir, glaube ich, daß Sie selbst vier Semester Mathematik studirt hätten!"
„Gewiß!" erwiderte der Professor.
„Da möchte ich Ihren Rath in einer trigonometrischen Aufgabe in Anspruch nehmen, die ich jetzt bearbeite!"
„Lassen Sie hören!"
Man vertiefte sich nun in die Materie der Trigonometrie, soweit diese das Parallelegramm der Kräfte berührt, und prüfte eine Aufgabe, die der Hauptmann von Bach selbst erfunden- Es handelte sich um ein sich sortbewegendes Schiff, aus welchem auf ein bestimmtes Ziel mit einer Büchse, deren Kugel eine gewisse Schnelligkeit besitzen sollte, geschossen werden sollte und zwar mit dem Erfolge der Treffsicherheit- Der Hauptmann von Bach entwickelte die Aufgabe in zwei Sätzen, die der Professor in der Thal als richtig anerkennen mußte-
Befriedigt lehnte sich der Hauptmann jetzt zurück, der Professor aber sagte lachend: „Ich hätte nie geglaubt, daß sich zwei so diametrale Neigungen wie die abstracte Mathematik und die sentimentale Dichtkunst in einer Menschenseele


