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Me Aamikientageöücher.
—— (Nachdruck verboten.)
Vor Kurzem wurde in einer egyptischen Pyramide eine Papyrurrolle aufgesunden, die ein wundersames Recept enthielt, nämlich: ein HaarerzeugungSrecept. Die Mutter des Königs — so besagt die PapyruSrolle — war kahlköpfig geworden und hätte gerne wieder neues Haar gehabt. Die damaligen Aerzte verordneten nun Folgendes: Hundepfoten... 1; Datteln ... 1; Eselrkoth ... 1, in Oel gekocht, mit dem Extract die Kopfhaut eingerieben. — Das geschah 4000 Jahre vor Christi Geburt. Daß wir 1700 Jahre nach Christi Geburt, also 5700 Jahre später, in der inneren Medicin noch um keines Millimeters Brette vorwärts gekommen waren, beweisen einige Recepte aus den uns vorliegenden alten Familien- tagebückern. Die Recepte sind zu hübsch, als daß man nicht einige Proben mittheilen sollte, daher mögen etliche hier folgen: So ein Mensch den Husten hat, der brate Zwiebeln und schmiere die Fußsohlen damit, es hilft. — Ein bewährtes Stück, so ein Mensch Hühneraugen an den Füßen hat: zerstoße Knoblauch, lege ihn darauf, das Hühnerauge gehet heraus; schmiere sie auch mit schwarzer Schnecken Waffer, es hilft auch. — Ein Mittel gegen die Schwindsucht lautet folgendermaßen: So bey einem Menschen die Schwindsucht will ansetzen, der nehme Fuchslunge und Leber und reibs, in einer warmen Suppen eingenommen und den Trank mit Menschenoder Hundsschmalz gemischt. „Prosit die Mahlzeit!’' darf man hier getrost wünschen. Das Recept gibt demjenigen der e.yptischen kahlköpfigen Königin gewiß nicht viel heraus. — Em anderes Recept heißt: So ein Mensch die Coliea oder Reißen im Leibe hat, der zwinge drei Troppen aus Pferde- dr . . ., dieselben mit Branvenwein eingenommen und warm gehalten. — Daß die Flöhe in ein Zimmer zusammen kommen, nimm Bocksblut in ein Geschirr, setze es ins Zimmer, so springen die Flöhe allein darein; er ist probat.
Zu damaliger Zett (im siebzehnten Jahrhundert) war man sehr abergläubisch und sürchtete sich sehr vor Hexen und Zauberer. Der Hexenaberglaube ist bis aus den heutigen Tag bei unseren Landbewohnern noch nicht verschwunden. Unter Ord.-Rr. 18 der Receptensammlung in dem uns vorliegenden Tagebuch heißt es wörtlich folgendermaßen: Ein Pulver zu machen, so ein Mensch oder Vieh bezaubert ist: Nimm Fünffingerkraut, schwarzen Kümmel, Todenbein, Holz, dos fließend Wasier auswirft, das zu Pulver gemacht; so ein K nd be- schrieen eine Messerspitze voll; so ein Großes bezaubert ein Quintel; ein Pferd zwei Loth in Essig; ein Rindvieh ein Loth auch in scharfen Essig.
Richt weniger als 70 derartige Recepte sind in dem Buche notirt; sie betreffen: Schwerhörigkeit, Kröpfe, Viehsterben; daß keine Hexe in Haus oder Stall kommt, oder wenn sie drinnen ist, daß sie nicht heraus kann; Schutz gegen giftige Thiere; nützliche Kunst gegen Pest und böse Luft; Mittel gegen Zahnschmerzen; Mittel gegen Schlaflosigkeit und noch vieles Andere. Wir haben oben einige Recepte wörtlich aufgesührt. Die anderen sind ähnlich; alle gleichen mehr oder weniger den Recep- ten der alten Egypter vor 5000—6000 Jahren. Liest man sie durch, dann kommt einem unwillkürlich der Gedanke: Was müssen doch unsere Altvordern kräftige Köpfe, Glieder und Mägen gehabt haben, daß sie derartige saftige Dinge einreiben, einnehmen, vertragen und vielleicht auch manchmal dadurch geheilt werden konnten. Unter Ord-Rr. 63 wird ein ganz besonders gutes Recept notirt, vielleicht probirt es ein freundlicher Leser. Es heißt: Wenn der Mensch einen blöden Kopf hat und ist fast zerstreut, saß einen Omeisenhaufen in einen Sack, koch ihn sechs Stund in einem Kessel voll Wasser, das Waffer faß darnach in Flaschen und disdllir es in der Sonnen, mit dem Waffer den zerstreuten Kopf gewaschen, ists weg, oder gar darinnen baden, auch Eselsblut eingeben. — Wsr's nicht glaubt, versucht! —
Bis auf den heutigen Tag herrscht unter dem Volke noch
der Glaube an glückliche und unglückliche Tage. In früheren Jahrhunderten, besonders im siebzehnten, als der Hexenglaube in höchster Blüthe stand, hielt man ängstlich barmt, an unglücklichen Tagen nichts vorzunehmen. Ein glück- licher Tag ist der Sonntag Lätare, auch Rosensonntag genannt, weil der Pabst an diesem Tage die goldene Rose weiht. Dagegen wird der Sonntag Judica der schwarze genannt, weil an diesem Tage leicht Unglücksfälle, Uebel« und Mord- thaten vorkommen sollen Zur Feier von Hochzeiten, Ki- d- taufen und sonstigen Familienfesten sind die sogen, güldnen Sonntage sehr beliebt, das sind diejenigen Sonntage, welche nach den vier Quatembern folgen. Wer auf einen solchen Sonntag geboren ist, sieht die Geister, Unholde und Gespenster, sie können ihm aber nichts anhaben. Schreiber dieser Zeilen ist auf einen solchen Sonntag geboren, er hat aber noch nichts von diesen Dingen gemerkt.
Rach den Aufzeichnungen unseres Familientagebuchs gibt es 42 unglückliche Tage im Jahr. Die meisten, nämlich sechs, gibt es im Monat Januar; die wenigsten, nur zwei, gibt er in den Monaten Juni und October. Unter diesen 42 Tagen sind wieder fünf, nämlich: der 3. März, 17. August, 1., 2. und 30. September, an denen man nicht reisen soll. Dann aber gibt es noch drei Tage im Jahr, welche die allerunglücklichsten sind, nämlich: der 1. April, an welchem Judas Jscharioth der Verräther geboren wurde; der 1. August, an welchem Erzengel Michael den Teufel vom Himmel stürzte; der 1. December, an welchem Sodom und Gomorrah versanken. Wer an eine n dieser Tage zu Ader läßt — so berichtet das Büchlein — der stirbt gewiß in sieben bis acht Tagen. — Das Aderlässen spielt in der neueren Medicin keine Rolle mehr, die drei unglücklichen Tage richten also keinen Schaden an.
Bei den Waidgesellen, Jägern und Jagdfreunden pflegt bis auf den heutigen Tag der Aberglaube noch zu spuken. Wenn manche Jünger Nimrods in der Morgenfrühe zur Jagd aufbrechen und es begegnet ihnen ein altes Weib, dann speien sie aus, denn eine solche Begegnung bedeutet Jagdunglück. Wünscht man Glück zur Jagd, so danken sie mit einem nicht wieder zu gebenden Worte, denn „Glück" darf man zur Jagd nicht wünschen, sondern ..Waidmanns Heil!", worauf der Nimrod mit „Watdmanns Dank!" erwidert.
Unser Tagebüchlein enthält aber auch Nachrichten über Krieg, theuere Zeiten und ähnliche Dinge. Zum Beispiel: Am 23. April 1797 sind die Franzosen bei uns eingerückt und hat ein Lager bei Heuchelheim gestanden. Dann bekamen wir ,150 Mann Infanterie sechs Tage, darauf von den blauen Husaren bis 19. Mai und rothe Husaren bis in den Herbst; haben gar Vieles aurgestanden, bin damals Bürgermeister gewesen, habe meine Kleider nicht vom Leibe gebracht und Tag und Nacht keine Ruh gehabt. — Welche Summe von Angst, Sorge, Arbeit und Last liegt in diesen schlichten Worten. Was würden die Franzosen heute mit uns anfangen, wenn sie bei uns einbrechen könnten! Wir wollen doch lieber Steuer zahlen, als die Franzosen bei uns sehen.
Zum Schluffe möchten wir noch einen Eintrag aus dem 19. Jahrhundert bringen, welcher zeigt, daß auch schon Jahre wie das schlechte 1893er da waren. Nämlich 1822: In diesem Jahre ist ein dürrer Sommer gewesen und haben sich die Mäus' vermehrt und das Korn und den Winterweizen fast ganz, die Gerste und den Haber ganz gefreffen. Hernach haben wir einen großen Kieselschlag darein gekriegt, daß vollends Alles zerschlagen wurde, was die Mäus' noch übrig gelaffen. Das Gewächs im Brachfeld, die Kartoffeln, Flachs und Kraut liegen ganz verheert u. s. w. — Wir sehen daraus, daß der 1822er Sommer dem 1893er nichts herauszugeben braucht. Es wuchs auch Anno 1822 ein guter Wein, aber bei weitem nicht so viel- wie Anno 1893. — Wir nehmen hiermit Abschied von dem interessanten Büchlein, das uns von Merkwürdigkeiten aus dritthalbhundert Jahren in unserer Gegend berichtet und hoffen dem freundlichen Leser durch diese Auszüge eine Freude gemacht zu haben.
Redaction: A. Scheydg. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


