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„Wahrhaftig, Mama, Du hast mich gut erschreckt," sagt sie, die Stirn mit ihren rosigen Fingern reibend. „Daran sind wieder diese schrecklichen Männer schuld. Ich mag an gar keinen mehr denken. Noch eine Woche wie der gestrige Tag mit Lord Rawdons Albernheiten — und mein Gesicht ziert ein ganzes Spinnennetz von Falten- Pah!"
Noch einmal versucht die brave Pastorswittwe, ihrer Tochter mit guten Lehren beizukommen. Sie predigt aber tauben Ohren.
Der Taz ist schwül Heiß brennt die Sonne hernieder. Kein Lüftchen regt sich. Lola, die stets sehr besorgt um ihren Teint ist, entschließt sich, nicht auszufahren. Dort unten, im kleinen Salon, ist Schatten und Kühle. Dort will sie bleiben und ihren französischen Roman beenden.
Behaglich streckt sie sich auf eine weiche Ottomane. Das leichte, weiße Morgengewand fluthet in duftigen Falten um die schlanken Glieder. Die rosa Seidenvorhänge, durch welche ein Sonnenstrahl verstohlen lugt, werfen zarte Reflexe auf das liebliche Antlitz, auf das offene, goldig schimmernde Haar. Der Duft der Hyacinthe» durchweht berauschend die Lust-
Lola schließt die Augen. Das Buch entfällt ihrer Hand.
„Lord Rawdon!" meldet der Diener und zieht sich wieder zurück. Ec ist für sein Tactgefühl um ein Goldstück reicher.
Lola öffnet schlaftrunken die Augen. ... Da kniet auch schon Arno neben ihr.
„Endlich, endlich I" ruft er, ihre Hand stürmisch ergreifend. „Wie konnte ich nur so lange leben ohne Dich?"
Sie versucht, sich zu erheben, ihre Hand zu befreien. Unmöglich.
„Lord Rawdon," beginnt sie etwas furchtsam, „ich begreife nicht "
„Du brauchst nichts zu begreifen, nichts zu verstehen, meine Liebe! Ich sage Dir nur laut, was ich Dir schon hundert Mal verstohlen sagte: Ich liebe Dich! Ich liebe Dich von ganzem Herzen! Zch habe keine anderen Worte, als diese: Ich liebe Dich!"
Dieser ungeahnte Leidenschaftsausbruch macht sie einen Augenblick sprachlos.
„Wie viele Männer lieben oft — ich liebe nur Dich!" ruft er in höchster Extafe. „Wie viele Männer haben ihr Herz zersplittert — ich gebe Dir mein ganzes, volles Herz!"
Wieder versucht sie, ihre Hand zu befreien. Er hält sie nur um so fester. Sie öffnet zagend die Lippen. Ihre leise gestammelten Worte verhallen an seiner grenzenlosen Aufregung.
„Sieh', mein Lieb," fährt er zärtlich dringend fort, „manch' holdes Antlitz hat mir zugelächelt, manch' schönes Auge mir gewinkt — ich blieb kalt. Darum liebe ich Dich so grenzenlos. Was ich besitze, biete ich Dir: Einen alten, stolzen Namen, einen Namen, der noch stolzer klingen wird, wenn Du ihn trägst. Ich biete Dir mein Vermögen und Alles, war ich auf der Welt besitze. Und mehr — ich biete Dir meine Seele, mein Leben. Ich will nur noch für Dich und in Dir leben. Du bist so gut, so edel, Deine Empfindungen sind so rein und keusch. O, lege Deine Hand auf meine Stirn und sei mein Schutzengel, der mich zum Himmel führt!"
Wie ein Lavastrom fließt es von den Lippen des Mannes, unmöglich, ihn zu hemmen. Lola erzittert. Eine dunkle Ahnung von der starken Leidenschaft einer großen Seele dämmert in ihr auf. . . . Was thun?
Er läßt ihr nicht Zeit zum Nachdenken.
„O, wärest Du niedrig geboren und ich ein Herrscher!" fährt er leidenschaftlich fort, ihre Hände mit Küssen bedeckend. »Ich wollte Dich zu mir emporheben, Dir Alles geben, was ich habe, meine Lola, mein Engel, meine Königin . . ."
Seine Stimme erstirbt in einem Flüstern. Die mächtige Erregung hat den starken Mann erschöpft. Mit einem tiefen Seufzer beugt er sich nieder und drückt seinen dunklen Kopf auf ihre Hände, die er noch immer in den feinen hält.
„Lord Rawdon," beginnt Lola zaghaft, „Sie lassen mir gar^keine Zeit zum Sprechen. Sie überraschen mich —"
„Ueberrafchen?" Verwundert blickte er auf und wiederholt langsam: „Ueberrafchen, Lola?"
„Jawohl. Noch Niemand hat bisher solche Worte zu mir gesprochen."
„Vielleicht nicht — nein, gewiß nicht- Niemand kann Dich so geliebt haben, wie ich."
Lola schöpft tief Athem. Sie füjlt sich unbehaglich.
„Aber — aber — Lord Rawdon —"
Sie zögert.
„Warum nicht, Lola?" unterbricht er sie vorwurfsvoll Leise schüttelt sie das Hrupt.
„Nein, Lord Rawdon. Sie scheinen Ihrer Sache zu gewiß zu sein."
Bittend hebt er die Hände.
„So verzeih' meine stürmische Eile. Ich will ja in aller Demuth zu Dir sprechen, Dich fragen —"
Er stockt — ihr Auge blickt so kalt, so abweisend.
„W^s fragen — Lord Rawdon?"
„Ob Du mein Weib werden willst."
Langsam erhebt sie sich von der Ottomane.
„Ich habe nie an eine Heirath gedacht," sagt sie in kühlem Tone. „Ich fühle herzliche Freundschaft für Sie, aber —"
Er unterbricht sie abermals stürmisch.
„Ich weiß, Du hast mich lieb. So wie der Gärtner ein kleines Bäumchen pflanzt und es pflegt und es begießt, bis es ein kräftiger, stattlicher Baum geworden ist, so will ich Deine Neigung für mich hegen und pflegen, damit sie zu einer großen, starken, ewigen Liebe heranwächst."
„In der That, Lord Rawdon, Sie irren sich —"
„Nicht doch, Lola. Warum bist Du so grausam und willst mich prüfen —"
„Ich will Sie nicht prüfen. Sie müssen mir schon glauben. Ich liebe Sie nicht."
Sein Gesicht wird todtenbleich. Starr blicken die um« schleierten Augen auf dar schöne Weib vor ihm.
„Wenn ich Ihnen glauben soll," sagt er nach einer Pause langsam, jedes Wort betonend, „so war jeder Ihrer Blicke, jedes Ihrer Worte falsch"
Lola schweigt. Lord Rawdon beginnt wieder zu hoffen.
„Ich mußt' es ja, Sie scherzen nur. Sie müssen gesehen haben, wie ich Sie liebe, Sie anbete. Sie haben mich er« muthigt —"
Ohne auf Lolas abwehrende Handbewsgung zu achten, fährt er fort: „Und nun wollen Sie mir sagen, Sie liebten mich nicht, Sie hätten nie an eine Heirath gedacht?"
Jetzt beginnt sich in Lola der Zorn zu regen. — Wie kommt dieser Mann dazu, ihr Vorwürfe zu machen!
„Nein," sagt sie kurz.
Er athmet einige Augenblicke lang tief und schwer. Dann murmelt er finster: „Sie haben mich mit Augen angeblickt, die mein Herz stürmisch klopfen ließen. Wenn es nicht Liebe war, was war es denn?"
Sie preßt die Lippen aufeinander und schweigt-
„Sie haben mir liebevolle Worte zugeflüstert — Worte, die mir das Blut wie Feuer durch die Adern jagten. Wenn es nicht Liebe war, was war es denn?'
Keine Antwort.
„Sie haben mir Blumen gegeben, die an Ihrer Brust geruht, die Sie mit Ihren Lippen berührt hatten. Sie haben meine Hand leise gedrückt. Wenn es nicht Liebe war, was ar es denn?"
Wieder keine Antwort.
„Wenn ich das Zimmer betrat, winkten mir Ihre Augen. Ihr süßestes Lächeln, Ihre zärtlichsten Blicke galten mir. — Antworten Sie jetzt, Baronin Medfort — wenn es nicht Liebe war, was war es?"
Hochaufgerichtet, mit zornglühenden Augen steht er vor ihr- Lola beginnt sich zu fürchten.
»Ich — ich weiß nicht," stammelt sie.
„Sie wissen es nicht?" ruft er zornig. „So will ich es Ihnen sagen!"


