Ausgabe 
23.6.1894
 
Einzelbild herunterladen

schwister, an ihm hängen wir Alle. Wir fürchten, es ist von Zauberern und Unholden angegriffen. Von anderen Kindern geht dieselbe Sage. Fräulein Malwine besuchte uns gestern Abend und"

Was meinte Fräulein Malwine?"

Die Eltern hörten das Fräulein so gerne an, es weiß zu trösten; von Unholden und Zauberern gäbe es immer noch welche, es wäre ein großes Glück, wenn wir von ihnen befreit würden."

Ganz ähnlich sprach heute früh die Frau des Hofbäckers Franz, Kathrinchen. Hofbäckers haben noch ein kleineres Kind als Ihr."

Bei Trompeter Hans Botten ist plötzlich die Kuh krank geworden, als eine gewifle Jemand draußen vorbeiging."

Wer ist diese Jemand, Kathrinchen?"

Ich wage es nicht zu sagen, Fräulein."

Du mußt es thun, Kathrine. Weißt Du nicht, daß unsere gnädigste Frau Landgräfin Alles wtffen will, was sich bei den Kindern der Unterthanen als merkwürdig erweist? Unsere hohe Herrschaft hat schon acht Kinder gehabt bis jetzt; davon sind fünf gestorben, lauter Söhne. Das Prinzlein Leo­pold Georg, geboren am 15. October 1654, ist das schwäch­lichste von allen, blieb aber noch am Leben, und das Söhnlein Philipp, geboren in diesem Jahre 1659 am 20. Juni, schwebt in fortwährender Gefahr. Was weißt Du, Kathrinchen?"

Ich sage nichts, Fräulein, ich fürchte mich zu sehr; sprechet mit Jungfer Malwinen, sie nimmt sich der kranken Kinder seit einigen Tagen so liebreich an, geht in die Häuser, sieht selber zu, tröstet die Betrübten und hat einen solchen Eifer, wie man ihn niemals an ihr gesehen. Ist auch gar nicht mehr so stolz wie ehedem, also daß sie an den Leuten vorüberging und nicht auf einen Gruß dankte, sondern läffet sich niederträchtig herab zu den gemeinen Leuten gleich unser Einem."

Sobald Du Deine Morgenarbeit verrichtet, darfst Du eine Stunde nach Hause, Kathrinchen. Im Vorübergehen be­stellst Du ein feines Compliment bei Jungfer Malwinen mit der Bitte um deren Besuch auf den Nachmittag."

Bei der Vormittagstoilette brachte die Kammerjungfer die Rede auf die Krankheits-Erscheinungen unter den Kindern. Die Landgräfin ging sofort darauf ein.

Wiederholt habe ich davon sprechen hören," bemerkte die Fürstin,es sind aber nur Gerüchte ohne bestimmte Anhalts­punkte. Wer könnte uns nähere Mittheilungen machen?"

Jungfer Malwine, wenn Durchlaucht befehlen, denn sie besuchte viele Patienten und weiß gar fteundlich mit den Leuten zu reden."

Da muß sich die Jungfer in Etlichem geändert haben, denn früher war ihr das Volk recht zuwider."

Es ist so, wie Euer Durchlaucht zu meinen geruhten. Wann befehlen Durchlaucht, daß Jungfer Malwine erscheinen soll?"

Nicht extra, so unter der Hand. Man legt dem Empfange sonst gleich eine ungewöhnliche Wichtigkeit bei, die ich unbedingt vermieden haben will."

Die Kammerjungfer wurde entlaffen. Sophie Eleonore begab sich in den Salon.Ich mache mir aus dieser dicken, mannstollen Jungfrau gar nichts," dachte die Fürstin,aber ein genauer Bescheid über die neuauftretenden Krankheits- Erscheinungen wäre mir recht erwünscht."

Gegen Abend stapfte Malwine in's Schloß zur Kammer­jungfer. Diese machte sich jetzt, da sie die Abneigung der Herrin erkundet, auch nichts aus der Klatschbase. Zum Aus­horchen konnte sie sich aber keine Bessere wünschen. Beide Jungfern begrüßten sich trotzdem mit Wärme und Herzlichkeit, die im Laufe der Unterhaltung wuchs. Malwine öffnete die Schleußen ihrer Beredtsamkeit und die Lucke ihrer Neutgkeits- Vorrathskammer. Ein Hochgenuß war es für sie, sich voll­ständig und ohne Widerspruch, wie er stets von Helminen und Alwinen geübt wurde, ausreden zu können. Eine Stunde war bei dieser erquicklichen Unterhaltung wie im Fluge verstrichen, dis Kammerjungfer durfte nur Ja und Nein sagen. Es ent­

stand eine kleine Pause. Malwine wischte sich den edlen Schweiß der Redefertigkeit von der etwas niedrigen Stirne und holte tief Athem, um mit dem zweiten Acte zu beginnen. Da schnitt ihr die Kammerjungfer das Wort ab:Eure Mit­theilungen sind so wichtig, daß ich bei Durchlaucht anfragen muß, ob Hochdieselbe nicht Einiges vernehmen wollten."

Wäre eine unschätzbare Gnade, meine hochverehrte Freun­din," sprach Malwine mit Entzücken.

Die Kammerjungfer verschwand, kam jedoch nach wenigen Minuten zurück.

Sehr angenehm, meine Hochverehrte, sprachen Durchlaucht; dachte mir gleich, daß so wichtige Berichte höchsten Ortes recht erwünscht wären."

Malwine eilte nach dem Empfangszimmer, unterwegs stolperte sie einigemal über die eigenen Füße, so groß war der Eifer, vorwärts zu kommen-

Durchlaucht haben gnädigst befohlen I" hauchte Malwine halb athemlos.

Ich möchte Einiges über die hiesigen Verhältnisse hören, Jungfer Malwine," antwortete die Fürstin in gütiger, freund­licher Weise.Besonders werthvoll wäre mir, wenn ich nur Thatsache», ohne jede Voreingenommenheit, vernehmen könnte."

Durchlaucht können nicht leicht Jemanden finden, der so unparteiisch und liebevoll gegen die Menschen ist, wie meine geringe Persönlichkeit."

Die Jungfrau Malwine übt große Freundlichkeit gegen die Unterthanen aus," erwiderte die Fürstin, über deren feine Züge ein deutlicher Schatten huschte, als Malwine ihre Un­parteilichkeit und Menschenliebe herausstrich.Nun berichtet mir, was die Ursache dieser Kränkheits- und Unglückssälle sein soll, welche jetzt urplötzlich wieder auftauchen."

Solche Ursachen zu ergründen ist unmöglich, das wissen Durchlaucht mit Hochdero großer Gelehrsamkeit besser denn ich. Wie kann man auch erklären wollen, daß unserem Nach­bar ganz ohnvorhergesehen vorgestern eine Kuh krank wurde, als eine gewisse Jemand vorüberging. An demselbigen Tage war die Person in dem Hause de» Hofschneiders Ulrich. We­nige Minuten nach dem Weggange der Person wachte das Söhnlein des Bäckers auf, fing an zu weinen, dann zu er­brechen und seitdem ist es krank."

Könnten das nicht ganz zufällige Erscheinungen sein, Jungfrau Malwine?"

So nehme ich immer am liebsten auch an, werde indessen wieder davon abgebracht, denn bei einem anderen Nachbar ging ein Schwein nach dem Besuche der Person zu Grunde, bei einem dritten fiel ohnversehens ein Gefach au» der Wand und was das Allermerkwürdigste ist: der fürstliche Hühnerfänger Wenzeslaus Litenski sah dieser Tage, als es schon dunkel ge­worden, heimlich durch das Fenster der Person und konnte deutlich bemerken, daß sie Milch aus dem Handtuche zu melken vermochte."

Sollte das nicht vielleicht Seifenbrühe gewesen sein, die von Weitem wie Milch aussieht?"

Daran hat noch Niemand gedacht, gnädigste Fürstin, das wäre ja etwas unnatürlich Natürliches. Doch das Erkranken von Gethier und Menschenkindern und verschiedene andere Zu­fälle lassen sich gar nicht erklären."

Wer ist nun doch diese Person, die so Uebeles anrichtet?"

Die alte Beilstein, Durchlaucht. Mir thut es gar wehe, zu sehen, wie die alte Frau so ungünstig wirkt. Sie geht fleißig zur Kirche und zum heiligen Abendmahle, sie arbeitet trotz ihrer vorgerückten Jahre wie eine Junge, sie hat Vieles durchgemacht, ohne daß sie sich beugen ließ: dessentwegen nennen sie die Leute seit ein paar Tagen eine Haupt- und Wetter- Hexe."

Darum sollte man sie viel eher eine gute Christin und gottesfürchtige Wittib nennen."

O gewiß, Durchlaucht, das ist ganz meine Meinung - erst vorhin sprach ich dies der Schulpräceptorin Fischer gegen; über aus."

Das hat die Jungfer Malwine gut gemacht," bemerkte die Fürstin ernst;nur der Gedanke beunruhigt mich: die alte