Atiterchaltungsblatt aum Gistzen^v Anzeigen (Geneval-Anzergev^
A,$*>a6SEfi^wBes^.
Samstag, der» 23 Juni.
Die Hexe von Bingenheim.
Von Gg. Schäfer.
(Fortsetzung.)
Zu Anfang October 1659 kam Malwinchen zu Caspari und redete diesen in großer Aufregung und fast athemlos an: „Wisset Ihr auch. Herr Commissarius, daß dieser Rentmeister, der ausgerissene Schelm und Weiberbelhörer, mit seiner Buhle verheirathet ist und gar nicht fern von unseren Grenzen lebt?"
„Es wird heutzutage gar viel gesprochen, wertheste Jungfrau," antwortete Caspari, dem die Nachricht unerwartet kam- „Der Mann hat wohl nicht den Muth, sich so nahe an unsere Grenzen zu setzen, von wo wir ihn leicht abholen könnten."
„Er sitzt sicher wie in Abrahams Schooß, Herr Richter!" ries Malwine. „Es soll eine gewaltige Burg sein, wo er sich eingenistet, ein großes Heer vermöchte sie nicht zu erobern. Herr Commissarius, schafft die Brut hinweg, sonst könnten uns die Menschen leichtiich noch sehr gefährlich werden."
„Ihr habt einen klaren, wettschauenden Geist, vielwerthe Jungfrau," antwortete Caspari, welcher die rachsüchtige Bundesgenossin mit wachsendem Interesse betrachtete, ohne daß er selbst sein Inneres verrieth. „Vergesset aber nicht, daß Alles nach Recht und Gerechtigkeit geführt werden muß."
„Das soll nimmer vergessen werden," versetzte Malwine, „Ihr sprecht ja Recht und übet Gerechtigkeit. Wollet Ihr nun aus lauter Recht und Gerechtigkeit diese alte Beilstein weiter hexen und zaubern und uns Alle verderben lassen?"
„Keineswegs, hochverehrte Jungsrau," erwiderte Caspari, indem seine Stimme eine ganz andere wurde. „Indessen habt Ihr doch schon gehört, daß Seine Durchlaucht nicht mehr an Hexen und Zauberer glauben. Wir müssen ganz positive Beweise bringen, wenn wir die Beilstein fassen wollen. Kluge Frauen vermögen in solchen Dingen stets mehr, als die scharfsinnigsten Männer. Letztere sind meistens zu ungeschickt und täppisch. Bringt uns Beweise, Material, Jndicien, auf daß wir vorgehen können, dann gibt sich Alles von selbst. Daß Ihr viel mehr erfahret, als ich, zeigt Eure Mittheilung über den Rentmeister. Vielleicht wären noch Wochen vergangen, bis ich etwas erfahren hätte, wenn Ihr mir nicht in so dankens- weither Weise zu Hülfe gekommen wäret."
„Das sollt Ihr mir nicht umsonst gesagt haben!" rief Malwine. „Rur deutet mir den Weg an, wie ich wirken soll, damit ich nicht planlos umhertaste."
„Der Weg ist sehr einfach. Ihr sammelt bestimmte Nachrichten, theilt sie den Schöffen Klaus Pfeil, Merten Frickell
und Emanuel Stall mit und sorgt dafür, daß ich Alles erfahre. In dieser Weise wird dargethan, daß die alte Beilstein ein gemeingefährliches Individuum ist; der Fürst muß selbst wünschen, daß ein solches unschädlich gemacht wird, wie man reißende und gefährliche Thiere beseitigt, Ueberschwemm- ungen verhütet, Feuersbrünste löscht, ansonsten ein großes Gemeinwesen Roth leiden müßte."
„Aber der Weg ist ja sehr einfach, Herr Commissarius I" rief Malwine erfreut.
„Wie ich Euch soeben sagte."
„Nur muß man ihn kennen und die nothwendigen Merkzeichen wissen, das Weiterfinden ist dann kein Kunststück mehr I"
„Durchaus nicht, liebwerthsste Jungfrau."
„Ihr sollt bald Weiteres hören, Herr Commissarius, und ich Hoffs, mir Eure ganze Zufriedenheit zu erwerben."
„Daran zweifele ich bet Eurer geistigen Begabung keinen Augenblick," versetzte Caspari mit Ueberzeugung.
Malwine eilte von dannen; sie glühte, ihr Inneres brannte von Begier, diese verhaßten Menschen austilgen zu helfen.
„Unverhofft kommt ost!" brummte der Hexenrichter, als die rachsüchtige alte Jungfer verschwunden war. „Seit Monaten suche ich nach einem Anhaltspunkte und heute ergibt er sich ungesucht und ganz von selbst. Unbezahlbar ist die Thal- fache, daß ich zum Einschreiten von außen gedrängt werde, nicht daß ich selber dränge. Ich werde dafür sorgen, daß Seine Durchlaucht die Angelegenheit vom richtigen Standpunkte aus kennen lernt. Wenn Weiber hassen, gehen Männer zu Grunde, sagte ich vor nicht langer Zeit, heute ist mir dies klarer geworden als je."
Fünfzehntes Kapitel.
„Warum weinst Du denn, Kathrinchen?" fragte die Kammerjungfer Ihrer Durchlaucht das Stubenmädchen. „Schon zwei Tage bist Du niedergeschlagen; fehlt Dir etwas?"
„Bei uns geht es nicht gut zu Hause, Fräulein," antwortete die Angeredete, eine Tochter des Herrn Hosschneider- meisters Ulrich zu Bingenheim. Kathrinchen war sechzehn Jahre alt, flink, sauber und anstellig. Darum wurde ihrer Familie die Ehre zu Theil, daß die Tochter als Stubenmädchen in's Schloß kommen durfte.
„Sprich, Kathrinchen," ermahnte die Kammerjungfer, „sage, wo es fehlt, dann wird Dir leichter. Vielleicht weiß ich guten Rath."
„Ihr seid sehr gut gegen mich, Fräulein, aber helfen werdet Ihr nicht können. Mein Brüderchen von anderthalb Jahren ist krank. Wir sind drei Schwestern; das kranke Brüderchen, nur das eine haben wir, ist das jüngste der Ge-


