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Ist es wahr, gnädiges Fräulein, daß Sie sich mit Unter, richten plagen?" unterbrach Scheffler eine plötzlich eingetretene Pause der Unterhaltung.

Ja, allerdings, nur nicht bei denhöheren Töchtern", wie erst mein Schwager freundlichst bemerkte. Ich bin Leh- rerin an einer Gemeindeschule, habe also dieniederen Töchter" vor mir."

Der Frager fühlte sich fast unangenehm berührt. Das war doch eine fast ordinäre Thätigkeit in seinen Augen. Also eine richtigeSchulmamsell", wie man in seinen Kreisen sagen würde. Unwillkürlich kräuselten sich seine Lippen etwas ver- ächtlich und der blasirte Zug trat auf sein Gesicht.

Nun, verzeihen Sie, angenehm denke ich mir eine solche Thätigkeit bei den ungezogenen Bälgen aus den niederen Stän- den nicht."

Das junge Mädchen sah ihn unbefangen an.Das ist sie durchaus nicht immer. Im Gegentheil, es gibt recht saure Stunden für uns Lehrerinnen. Aber es gibt auch wieder schöne Stunden, wo man alle Mühe und allen Aerger vergißt. Oder meinen Sie, daß man bei den Kindern der unteren Volks­klaffen weniger Freude hätte, als bei denen der sogenannten Gebildeten" ? Nach dem, was mir meine Colleginnen, die mit solchen zu thun haben, erzählen, glaube ich das nicht. Ein Herz haben meine Mädel auch und viele von ihnen reiche, prächtige Herzen- Und wenn sich so ein Herz einem einmal aufthut, da ist das der Lohn für viele harte Arbeit. Und wäre sie auch noch saurer, zuletzt ist's doch eben Arbeit und Lebensarbeit. Wozu lebt man denn sonst, als um zu arbeiten? Ich meine, wie kann man das Leben ohne Arbeit ertragen? Denn von einem Glück kann doch im thatenlosen, arbeitslosen Leben keine Rede sein."

Das junge Mädchen war im Reden immer eifriger ge# worden, sonst hätte sie vielleicht bemerkt, daß Der, welchen sie zu belehren suchte, unter ihren Worten sehr stark erröthet war. Aber sie bemerkte nichts davon. Ja, als er jetzt ironisch fragte:Da halten Sie demnach mich, der ich nicht das Glück habe, Gemeindelehrer zu sein oder eine andere nutzbringende Thätigkeit zu üben, auch für Einen, der vom Glück des Lebens nichts weiß?" antwortete sie, ohne zu stocken:Gewiß, wenn es so wäre, daß Sie ohne Arbeit durch'» Leben gingen, würde ich dasselbe für ein verfehltes halten müssen."

Scheffler verbeugte sich spöttisch.Ich danke für diese Zensur, wenn sie auch weder schmeichelhaft noch vortheilhaft für mich lautet. Aber Sie haben vergessen, daß es verschie- bene Begriffe von Glück gibt und daß ich auch mir einen ge­bildet habe, nach dem ich mir nicht ganz unglücklich vorkomme."

Ich kann mich täuschen," entgegnete die Gegnerin zögernd. Auch sie war erröthet, als sie bemerkte, wie ihre Worte per­sönliche Beziehungen gewonnen hatten.Aber nein doch, Herr Scheffler," setzte sie'fest hinzu und blickte ihm voll in's Ge­sicht, und ein Zug wie von Mitleid lag darin,cs gibt nur ein Glück und wer es finden will, muß er suchen, muß darnach ringen und das heißt man arbeiten."

Hartmann klopfte dem schweigenden Freunde auf die Schulter.

Alter, laß Dich nicht mit den Frauenzimmern ein, sie behalten doch stets das letzte Wort. Und wenn man cs ihnen vorhält, daß es so ist, so behaupten sie, es komme daher, daß man ihnen das erste nicht ließe. Uebrigens," fügte er ernster hinzu,diesmal muß ich mich leider auf die Seite unseres ge- meinsamen Feindes schlagen. Recht hat sie und innerlich gibst Du ihr auch Recht. Ich glaube sogar, daß Du gar nicht so thaten- und arbeitslos bist, wie Du Dich ausgibst. Ich möchte jetzt bitten, daß Du mir ein klein wenig von Deinen Kriegs­erlebnissen berichtest. Denn wenn Du auch behaupten wirst, keine Thaten gethan zu haben, irgend welche Ereignisse werden doch auf Deinem Kriegspfad liegen."

Aber feine Bitte fand zunächst nur halbe Erfüllung. Erst nach und nach gelang es, dem Gaste dies und das von fernen Kriegsabenteuern zu entlocken. Zuletzt aber war doch die Unterhaltung wieder eine so lebendige geworden, daß man nicht

merkte, wie man die Mitternachtsstunde bereits überschritten hatte.

Ein zufälliger Blick auf die Uhr machte Scheffler auf- fahren.

Ich bitte um Verzeihung I So lange meinen Besuch aus­zudehnen geht allerdings über das gewöhnliche Maß der Un­bescheidenheit hinaus. Aber die Mitschuld trägt freilich Ihre Liebenswürdigkeit. Ich kenne die Zeit nicht mehr, wo mir die Stunden so schnell verflossen sind, wie heute Abend. Haben Sie herzlichen Dank, Frau Doctor, und schelten Sie nicht zu sehr, daß ich Sie nicht früher von meiner lästigen Gegenwart befreite."

Es würde mich freuen, wenn Sie durch Ihr Wieber- kommen beweisen wollten, daß es Ihnen bei uns gefiel," war die Antwort-

Das Leben der Großstadt war auch entschlafen, als jetzt Scheffler seiner Wohnung zuschritt. Nur einzelne späte Wan­derer wie er eilten schneller oder langsamer nach Hause, fern von den Bahnhöfen tönte das Pfeifen eines kommenden ober abgehenden Zuges, ab und zu rollte eine Nachtdroschke vorbei und man merkte es dem Trab des Pferdes an, daß es müde war. Das Nachtbild konnte dem langsam Dahinschreitenden nichts Unbekanntes bieten. Er war oft zu dieser Stunde heim­wärts gegangen. Aber er war in anderer Stimmung gewesen als heute, zuweilen auch wohl von sehr heiteren Kameraden begleitet worden. Heute fiel ihm die Stille 'auf. Wie lange währt's, da wacht das Leben hier wieder auf und derselbe Lärm, welcher vor wenig Stunden herrschte, wird wieder tönen.

Das Leben wacht auf. Sie rennen und laufen, der Eine hierhin, der Andere dahin, ein Jeder geht an seine Arbeit; müde und matt ist er heute Abend aus's Bett gesunken, das Tagesgrauen ruft ihn wieder, wenn er nicht schon in den noch dunklen Morgen hinaus muß. Gottlob, da habe ich's besser, mich treibt kein Herr, keine Pflicht und keine Sorge an dis Arbeit, ich bin mein freier, eigener Herr. Aber ist das nun wirklich das Glück? Wenn der Tag grau in mein Fenster scheint, was bringt er mir? Das ewige, langweilige Einerlei. Sollte sie doch Recht haben, daß nur Arbeit das Glück des Lebens bringt? Ach was, eine Schulmamsell! Das ist die Weisheit für Kinder. Sein Leben genießen, das ist das Glück.

Er war zuletzt schnell zugeschritten und stand an seiner HausthÜr, fast überrascht, daß er seinen weiten Weg schon zu­rückgelegt habe. Der Diener wunderte sich über die Schweig­samkeit feines Herrn, der ihn bald entließ. Er schlief lange schon fest, als derselbe noch wach lag und als auch seine Augen sich schlossen, verfolgte ihn das Bild derSchulmamsell" bis in feine Träume. Er suchte das Glück des Lebens und konnte es nicht finden, während sie es in ihren Händen hielt, aber es ihm nicht geben wollte.

Das war der erste Tag gewesen, wo Scheffler in das Haus seines Schulfreundes getreten war. Doch blieb es nicht der letzte. Freilich zunächst hatte ihn ein gewisser Trotz ab­gehalten, wieder dorthin zu gehen. Er hatte sich in den Stru­del aller denkbaren Vergnügungen hineingestürzt, um sich selber zu beweisen, daß darin doch das Glück zu finden sei. Aber so wenig er es sich gestehen wollte, sein Unbesriedigtsein wuchs von Tag zu Tag und mitten in sein Vergnügen hinein beglei­tete ihn der mitleidige Blick des jungen Mädchens, welches ihm so unbarmherzig die Wahrheit gesagt hatte. So kam's, daß er in der tollsten Lustigkeit ernst und nachdenklich wurde und oftmals mußte er die Neckereien seiner Kameraden hören, daß ihn entschieden heimliche Liebe gefangen halte. Zu lächerlich! Etwa die Liebe zu derSchulmamsell" ? Hartmann hatte ihn in feiner Wohnung ausgesucht, aber nicht zu Hause getroffen. Anstandshalber müsse er doch einmal wieder zu ihm gehen, redete er sich vor und fand sich denn auch eines Tages auf dem Wege zur Sophienstraße. Das öffnende Mädchen berich­tete, daß Niemand zu Hause sei, aber rechts und links sah an ihrer Seite ein Knabenkopf hervor und vergnügt streckten sie ihre Hände hin, als der Besuch sie bei den Namen begrüßte.

Kennt Ihr mich noch, Ihr Kerle?"