daß Du auch unter diesem Zepter außer dem Deiner Frau stehst. Ich muß Dich nächstens für einen Wundermann halten."

Nun, meine Schwtegermama hat allerdings ihre Woh­nung für sich, eine Treppe unter uns, doch dürfen wir sie zu den Mahlzeiten und Abends bei uns sehen, sie und meine Schwägerin."

Was, Schwägerin auch noch? Hartmann, in welches Haus bin ich gerathenl Da kommen übrigens Deine Spröß« linge wieder und bringen wahrscheinlich die Nachricht, daß ich jetzt erscheinen darf. Und ich bin noch ganz fassungslos über diese Mitthetlungen."

Hartmann öffnete lachend die Thür, vor der man die Schritte der Knaben hörte. Mit ihnen zugleich trat eine junge Frau ein.

Hier, Minna, mein Freund Scheffler, den ich zu meiner Freude heute wiedergefunden und gleich zu Abend eingefangen habe. Er freut sich, einmal an Deinem reichbesetzten Tische essen zu dürfen, da Dresse! und die anderen dürftigen Locale unter den Linden feinem Geschmacks nicht mehr genügen."

Die Frau streckte dem sich verbeugenden Gaste freundlich die Hand hin.

»Ich hoffe, Sie kommen nicht wegen der reich besetzten Tafel, denn dann würde ich von vorneherein unter die Volks­küchen zu rechnen sein dem gegenüber, was Sie gewohnt sind. Aber ein freundlich Gesicht sollen Sie schon haben als Freund meines Werner, der freilich nicht viel taugt, wenn man nur nach seinen bösen Reden urthetlen will."

Gnädige Frau, Sie sind sehr gütig, mein Eindringen in Ihre stille Häuslichkeit so freundlich zu beurtheilen. Es ist mir allerdings eine große Freude gewesen, Ihren Gatten heute wieder zu treffen, eine noch größere, von ihm gleich die Er- laubniß erhalten zu haben, auch Ihnen vorgestellt werden zu dürfen."

Ei, ei, eben hat er mir noch eine Vorlesung über die Thorheit des Heirathens gehalten; Du mußt doch eine wunder­bare Gewalt über Männerherzen haben, Minna," schmunzelte Hartmann.

Das trug ihm ein Knurren von Seiten Schefflers, dem ein verlegenes Räuspern folgte, und einen leichten Schlag von seiner Frau ein.

Au!" schrie er und rieb sich die Schulter.Siehst Du, Freund, das ist das Glück der Ehe; so wird man für Wahr­heit und Schmeichelei behandelt."

Sie werden ihn kennen, Herr Scheffler, und wissen, was Sie von seinen Bosheiten zu denken haben. Aber kommen Sie, unser Thee wartet."

Die Frau ging durch'» Nebenzimmer, die Männer folgten.

Höre, Du wirst nun aber von unserer Unterhaltung schweigen," raunte Scheffler dem Freunde zu. Der zuckte die Achseln.

Im Eßzimmer warteten bereits zwei Damen.

Hier, liebe Mama, mein Freund Scheffler," stellte Hart­mann vor.Frau Pastor Mone, Fräulein Frieda Mone, Collegin von mir, unterrichtet höhere Töchter."

Scheffler blickte nach der Begrüßung das junge Mädchen flüchtig an. Wo hatte er doch das Gesicht schon gesehen? Auch in ihren Zügen zuckte ein Erkennen auf. Erröthend trat sie schnell auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

Wie freue ich mich, Ihnen hier zu begegnen, Herr Scheff­ler, um so meinem bis dahin unbekannten Retter danken zu können."

Erstaunt sah er ihr in'» Gesicht, dann aber kam auch ihm die Erinnerung, wo er bereits dasselbe gesehen habe. Es war vor ein paar Wochen gewesen, da hatte er auf einer Straßenkreuzung ein junges Mädchen vor einer Droschke weg- gerissen, welche sie ohne sein Dazwischenkommen unfehlbar über­fahren haben würde. Das Gedränge hatte die Beiden sofort wieder getrennt.

Ach ja, ich erinnere mich. Aber meine That war nicht der Rede werth, nur ein glücklicher Zufall, der mich Ihnen in den Weg brachte. Es war das Ganze doch ohne nachtheilige Folgen?"

Ganz und gar, es that mir nur weh, daß ich Zhnesi nicht zu danken vermochte. Um so größer war meine freudige Ueberraschung, als ich Sie eben erkannte; denn Ihre Züge hatten sich mir in dem Augenblick der Gefahr eingeprägt."

Nehmen Sie auch meinen Dank für die Rettung meiner Tochter," die alte Dame drückte ihm kräftig die Hand.Gott der Herr segne Ihnen, was Sie an meinem Kinde thaten."

Scheffler wurde eigenthümlich zu Sinne. Er hatte das ganz vergessen gehabt, nur jenes erschreckte und anziehende Mädchengesicht hatte ihm noch öfter in Gedanken vorgestanden, bis es im Getriebe des täglichen Lebens fast verblaßt war. Jetzt stand es wieder vor ihm, freilich nicht mehr blaß und erschreckt, sondern frisch und fröhlich. Weniger anziehend er­schien es ihm aber nicht.

Ich schlage vor, wir fertigen ihm die Rettungsmedaille nach Tische aus," begann Hartmann,ich wenigstens habe großen Hunger und wir werden ihm, wenn er irgend gleiche Gefühle hegt, so unsere Dankbarkeit am besten beweisen."

Von der Rettungsmedaille will ich dispensiren," versetzte Scheffler,aber für eine Tasse Thee würde ich allerdings jetzt sehr dankbar sein."

Nun, da setze Dich zunächst an den Deiner That am meisten entsprechenden Platz zwischen meine Schwiegermutter und Schwägerin. Liebe Mama," wandte Hartmann sich an die erstere,mein Freund hat mir erst gesagt, wie sehr hübsch er es sich denkt, wenn man wie ich seine Schwiegermutter stets bei sich haben kann."

Der so gut Beleumundete warf dem Sprecher einen vor­wurfsvollen Blick zu, der aber dem komischen Ernste in den Zügen desselben durchaus keinen anderen Ausdruck verlieh.

Die alte Dame hatte ihren Schwiegersohn angesehen und lachte herzlich.

Mein lieber Herr Scheffler, seien Sie unbesorgt, ich ver­stehe so ziemlich, was mein Herr Schwiegersohn im Ernst oder Scherz sagt. Wahrscheinlich hat er jetzt eine kleine Bosheit gegen Sie verübt. Sie werden vermuthltch andere Aeußerungen gethan haben, was ich Ihnen gar nicht verdenke. Der arme Mann meiner Tochter hat ja auch ein saures Leben, täglich mit drei keifenden Frauenzimmern, deren eine noch dazu feine Schwiegermutter ist, verkehren zu müssen, ist doch keine geringe Aufgabe. Finden Sie nicht auch, daß er elend und kümmer­lich aussieht, vergrämt, vor der Zeit alt?"

Nun, in der That, gnädige Frau, wenn eine derartige Umgebung solche Wirkungen hat, wie bet meinem Freunde, da möchte ich selber seinem Beispiele folgen. Aber die Sache ist riskant."

Sehr riskant, lieber Freund, sehr riskant!" betheuerte Hartmann mit affectirtem Ernste.Und wie sagt doch noch das Sprüchwort: Der Schein trügt! Wenn Du die ganze Last kenntest, die meine Schultern zu tragen haben!"

Lieber Werner, jedenfalls trägst Du die Lasten des Wirthes sehr leicht. Du hast Deinem Gaste noch nichts angeboten," er­innerte Frau Minna.

Ja, siehst Du, über den Sorgen vergesse ich Alles. Aber das mußt Du mir zugeben, angenehm ist es dann doch, wenn die holde Gattin für uns denkt. Nun bitte, greife zu. Was Du siehst, soll Alles Dir gehören, übertriebene Genüsse erwarten Dich freilich nicht."

Doch der Gast fand, daß ihm selten so gut ein Abendessen geschmeckt hatte, wenn es auch viel einfacher war, als er er für gewöhnlich einnahm. Nicht zum wenigsten that dazu frei­lich die Gesellschaft, in welcher er sich befand. Das neckende Gespräch war in ein ernsteres übergegangen und er stellte un­willkürlich Vergleiche an mit den Abendunterhaltungen, welche er gewöhnlich im Kreise seiner Genossen fand. Sie fielen nicht zu Ungunsten seiner heutigen Umgebung au». Als das Abend­essen beendet war, trug einer der Knaben, welche an der Seite von Vater und Mutter ihren Platz gefunden hatten, ein Buch herbei. Hartmann las den Abendsegen, die Kinder verabschie­deten sich zum Schlafengehen und die Familie ging in's Wohn­zimmer hinüber, wo die Herren bei einem Glase Bier ihre Cigarren rauchten, die Frauen sich zur Handarbeit setzten.