1894
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Nntevhaltnngsblatt |um Gretzenev Anzeiaev (Gensval-Anzeig-v)
Dienstag, den 23. Januar.
7;'h
Das Glück des Lebens. ’
Novelle von U. Deis.
(Fortsetzung.)
„Hier, meine beiden Nettesten!" Hartmann wies auf zwei ' frische Knaben von etwa 5 und 3 Jahren, die dem Fremden ■ zutraulich die Hand entgegenstreckten. „Meine schreienden I Säuglinge!" scherzte der Vater weiter. „So beliebtest Du doch, sie zu nennen?"
„Bei Leibe! Das hast Du hoffentlich Deiner Frau nicht gesagt? — Guten Abend, Jungens! Wie heißt Ihr? — Du natürlich Werner?" wandte er sich an den Nettesten.
Der Junge nickte.
„Na, das mußte ja so sein. Und Du? Kaspar?"
Der Kleine schüttelte den Kopf. „Nee, Friedrich."
„Auch ein schöner Name. Ich heiße Onkel Scheffler oder Herr Scheffler oder wie Ihr mich nennen wollt. Und hier ; habe ich Euch eine Scheffelsdüte mitgebracht. Seht einmal, I was drin ist."
. Strahlend griffen die kleinen Hände nach dem Gebotenen. Dann aber nach dem ersten Blick der fröhlichen Augen in das Innere nahm der Aeltere die Düte und bot sie seinem Vater. „Da, Papa, heb' Du sie uns auf."
„Na, höre, das sind aber Musterknaben! Ich habe mir an solchen Spenden der Onkels und Tanten früher regelmäßig den Magen verdorben."
„Freundliche Absicht für meine Jungen, bei denen Du dem» nach das gleiche Resultat zu erzielen suchtest. Da ist es ja gut, daß ich sie gewöhnt habe, sich ihre Portionen nach und nach zu holen." Er theilte den Beiden aus. „So, nun lauft zu Mama und sagt ihr, sie möge uns mittheilen, wann wir kommen dürfen."
Die Knaben liefen hinaus, beglückt ihre süßen Schätze in der Hand haltend. Die beiden Männer setzten sich. Scheffler ließ seine Augen durch das Zimmer gehen. Von der Eleganz, die bei ihm zu finden war, war nichts zu sehen, es herrschte große Einfachheit. Ein „Arbeitszimmer", mit dem Worte war es beschrieben.
Davon sprach der altmodische, mit Heften bedeckte Schreibtisch, die Bücherregale, da« Pult, kurz, Alles. Aber der Ruheplatz fehlte auch nicht. Man sah es dem alten Lehnstuhl am Fenster an, daß er benutzt wurde und daß eine sorgende Hand diesen Platz gerade zu einem gemüthlichen zu machen gewußt hatte. Am andern Fenster stand ein scheinbar nicht hierher gehörendes Stück Möbel, ein Nähtisch.
„Du musterst meine Stube ja mit sehr kritischen Blicken, Ernst."
„Das schadet ihr jedenfalls nicht- Mir wäre ste allerdings etwas kahl, aber man steht doch, Du wohnst darin. — Allerdings schmeckt sie sehr nach vielem Arbeiten und das ist nie meine besondere Leidenschaft gewesen. Aber sage, Du mußt doch in Deinen Freistunden nicht auch noch Kinderzeug nähen, oder stopfen?" — Er wies auf den Nähtisch.
„Nein, lieber Freund, das besorgt meine Frau gründlich. Aber da sie mir das Recht eingeräumt hat, in ihren Zimmern weilen zu dürfen, so habe ich nicht umhin gekonnt, ihr dafür ein gleiches Zugeständniß für das meine zu machen. So sitzt sie denn mit ihrer Nähterei oft bei mir und ich kann Dir sagen, es stört nicht in der Arbeit, wenn ich einmal aufblicks und sehe dann ihr freundlich nickendes Gesicht."
„Hm, hm! Das kenne ich nun freilich nicht."
„Ich bedaure Dich darum. Es ist doch wahr, daß der Mann nur ein halber Mensch ist und daß das Glück des Lebens ihm erst, soweit es überhaupt ein Glück des Lebens gibt, dann aufgeht, wenn er feine bessere Hälfte gefunden hat-"
Scheffler lachte. „Das ist Deine Auffaffung und ich darf ja nicht ungalant sein einen Augenblick, ehe Deine Gattin in's Zimmer trtt- Es ist ja auch ganz amüsant, so einmal mit ein paar lustigen Jungen wie den Deinen zu scherzen. Aber das Vergnügen und der Genuß liegen doch mehr auf der Seite des unbetheiligten Zuschauers, der auf ein paar Stunden einsieht und weggeht, wenn die Geschichte anfängt, ihm unbehaglich zu werden. Du aber mußt auch die langweiligen und bitteren Seiten mit durchkosten, Ungezogenheiten, Krankheiten und — was weiß ich? Und schließlich, wenn die Jungen groß sind, machen sie Dir den Kopf warm mit dummen Streichen und Deine Tochter soll an den Mann gebracht werden. Da flieht Alles vor Dir als dem zukünftigen grämlichen Schwiegervater und gar Deine beffere Hälfte I Du kennst das Renommee der „Schwiegermama". Nein, lieber Freund, Du magst mir Dein Glück noch so groß ausmalen, wie es im Stande der heiligen Ehe Dir geworden ist, das beffere Loos habe ich doch zunächst und werde hoffentlich vor solchen Thorheiten bewahrt bleiben."
Hartmann hatte belustigt zugehört.
„Lieber Freund, sprich nicht zu laut, besonders nicht über die Schwiegermütter. Die meinige wohnt bei mir."
Der Gast sprang auf. „Natürlich sitzt sie nebenan und wird mir als Zugabe zum Thee eine Vorlesung über die Vortrefflichkeit der bejahrten Damen halten. Werner, laß mich wieder gehen. Mir wird schwach in diesem Musterhause. Denn Dich hat das noch gar nicht angegriffen, wie man Dir ansteht,


