W* 598 "K°
Der Maler sprang jetzt von dem Stuhle auf und lief wie ein Irrsinniger in feinem Atelier umher.
„Durau ist an meinem Unglücke schuld, er allein und er soll es mir dafür büßen, wenn er mich nochmals in solche Versuchungen führt," flüsterte jetzt Curt Matthey mit heiserer Stimme. „Durau ist der Teufel in Menschengestalt, der jede Sünde begeht, wenn er seinen Lüsten stöhnen, wenn er Geld erpressen kann. Durau hat mich auch ö» dem unseligen Spiel verführt, hat die falschen Wechsel erdacht und machen helfen und hat ... o, barmherziger Gott, gehe mit mir nicht zu ^^Matthey wagte den letzten Gedanken selbst im Nüster« tone und trotzdem er sich ganz allein in feinem Atelier befand, nicht auszufprechen. Ein unheimlicher Blick leuchtete in seinen Augen und wie verzweifelt stieß er feine heiße Stirn an die kaUe Wand. Dann ließ er sich wieder auf dem Stuhle nieder und versank in ein langes, dumpfes Brüten.
Ungefähr eine halbe Stunde später wurde an die Thüre des Ateliers geklopft und ohne einen Heremruf abzuwarten, trat ein kleiner, hagerer Mann mit blassen, häßlichen Gesichts« »üaen und einem bösen, unsteten Blick herein.
’ b „Guten Tag, Matthey!" rief der Eintretende mit dreister Stimme, als wäre er hier der Herr.
„Guten Tag, Durau I" erwiderte Matthey und erhob sich verlegen, um dem Gaste einen Stuhl anzubieten.
„Nun, Du machst ja ein Gesicht, Matthey al» wenn Du morgen schon gehängt oder geköpft werden solltest. So weit ist es noch nicht mit uns." , ,
„Du solltest Deine cynischen Bemerkungen ein sür allemal unterlassen, Durau," bemerkte der Maler jetzt zornig und seine Augen sprühten Blitze. „Ich habe noch»einiges MiHeüh im Herzen und wenn in Seiner Brust noch nicht alles Gefühl erstorben ist, so solltest Du meine Empfindungen ein wenig a$te”jtan, der Geizhals ist ja noch nicht tobt, er wird vielmehr, wie allgemein gesagt wird, mit dem Leben davonkommen und sein Diener wird aus der starken Betäubung auch wieder aufwachen. Warum machst Du Dir also Sorgen?
„Du Unmensch, Du Scheusal!" rief letzt Matthey fast überlaut und mit flammenden Augen vor Durau hintretend. „Denkst Du gar nicht daran, daß Homberg mein Onkel, mein Wohlthäter ist, und daß ich nicht wünschte, daß Du ihm so übel mitspielen solltest." , _ , , .
„Sein Onkel und Wohlthäter!" lachte Durau in teuf* kicher Weise. „Nun, warum hat der reiche Onkel Dir und mir dann nicht geholfen? Er hätte uns ruhig in das Zuchthaus stecken lassen, wenn die Wechselfälschung an den Tag gekommen w^r^urde le^enblaß und eine furchtbare Verlegenheit malte sich in seinen Gestchtszügen.
„Ja, ja, wir befanden uns in einer entsetzlichen Lage, flüsterte der Maler dann leise, „wir mußten entweder Geld
als die Verkörperung des Reinen und Erhabenen, de» Edlen und Guten vorgekommen? Hatte nicht die Gegenwart dieser Dame alles Unedle aus feinen Gedanken verscheucht und ihn wieder für seine Kunst und alle Ideale der Menschheit erwärmt ? Und war die Baronin nicht Wittwe? Konnte er nicht um sie freien und an ihrer Seite glücklich werden?
Der Gedanke war für den jungen Maler berauschend. Aber bald rissen ihn andere schlimme Gedanken förmlich darnieder und stöhnend ?ank er auf einen Stuhl.
„Ach, ich bin ja nicht sein Mörder 1 murmelte er mit zitternden Lippen. „Ein Anderer hat die Unthat begangen und ich habe ja nicht gewollt, daß ihm ein Haar gekrümmt würde I Doch mein Thun ist mit der Unthat verknüpft und der Nach trifft auch mich. O, möchte doch sein Leben erhalten bleiben und sich die Hoffnung der
Warum war er aber auch an jenem verhängntßvollen Abende so unbarmherzig, so halsstarrig? Konnte er nicht denken, daß ich das Geld dringend nothwendig brauchte, daß meine Ehre, meine ganze Zukunft auf dem Spiele stand, wenn ich nicht
♦ * ♦
Der Maler Curt Matthey ging ruhelos in seinem Atelier auf und ab und vermochte wieder einmal nicht die zur Ausübung feiner herrlichen Kunst so nöthige geistige Sammlung und Schaffensfreudigkeit zu finden.
Heute, wo die furchtbare Unthat an feinem Onkel und väterlichen Wohlthäter Fritz Homberg begangen worden, war die Aufregung des jungen Mannes allerdings erklärlich, aber leider waren die Sorge und das Mitleid nut Hombergs Schicksal nicht die einzigen Gründe der tiefen Gemüthsbewegung ^Sn’feinen Augen glühte ein böses unheimliches Feuer und auf feinem Antlitze spiegelte sich eine solche drohenve Leidenschaftlichkeit, daß wohl alle wenig beherzten Menschen bei dem Anblicke des Malers, wenn sie ihn jetzt gesehen hätten, ein unheimliches Grauen vor ihm bekommen haben wurden. War es Verzweiflung, war es Sünde und Schulo oder war e» endlich ein böses Vorhaben, welches das Herz des Malers erfüflte ? Wer vermochte es jetzt wohl sicher festzustellen?
Ich bin ruinirt wenn er stirbt und bin vernichtet, wenn er am Leben bleibt," murmelte Matthey jetzt, während feine Augen sprühten. ',Nur dort der Revolver könnte meinen Qualen ein Ende bereiten," fügte er dann mit einem höhnischen Lächeln feinen ersten Worten zu und begann die Waffe in die Hand zu nehmen und sie zu prüfen. „Ein einziger Druck mit dem Zeigefinger und dieses elende Leben ist be- enbetSDann schien sich in des Malers Brust aber auch wieder eine andere Stimme hören zu lassen. War es wirMch chon so weit mit ihm gekommen, daß er an sich selbst schreckliches Gericht üben und als Selbstmörder enden mußte? Konnte er, der noch junge, talentvolle Mann, nicht umkehren und einen besseren Weg wandeln? Wie eine himmlische Sehnsucht kam diese» Verlangen in seine Brust und alle Ideale seiner früheren besseren Jahre tauchten wieder vor feinem geistigen Auge aus. Er wollte ein anderer, ein besserer Mensch und ein wahrer Dünger der edlen Kunst werden, zu welcher ihm Gott das Talent verliehen hatte, und mit einer schwärmerischen Be« aeisterung hing er diesem Gedanken nach.
Aber der junge Maler fühlte bald, daß er aus eigener Kraft diesen schönen Entschluß nicht werde durchsühren können, denn schon hundert Mal hatte er sich vorgenommen, einem Leben des Leichtsinn» und der Leidenschaften zu entsagen und hundert Mal war er wieder der Pflichtvergeflenheit anheim- gefallen. Ach, die guten Vorsätze dauerten bei ihm immer nur Minuten und das leichtfertige, arbeitsscheue Leben den ganzen Tag! Wer ihn doch herausreißen könnte aus diesem Pfuhle der Sünde! Gab es denn gar keinen Engel für ihn- O, war er nicht für ihn vor einigen Monaten in Gestalt einer «bien Dame erschienen? War ihm die Baronin von Sassen, deren Töchterchen zu malen er den Auftrag bekommen, nicht
unserer Stadt und ist wohl der einzige Sohn seiner Eltern, die er frühzeitig verlor. Wie alle Homberg» war er Großkaufmann und Fabrikant und wegen seiner großen Verdienste um die Entwickelung der Textil-Jndustrie erhielt er vor einigen -jabren den Titel Commerzienrath."
„Ich danke Ihnen nochmals bestens für Ihre ^gssällige Auskunft," bemerkte darauf die Baronin und verließ den Kunstl^ 6ä ganz zweifellos," dachte sie dann, als sie weiter *’• MÄ Ä** i" «Ä Sinnen benn die schreckliche Kunde von dem Raubmoroe und die ganze Angelegenheit Hombergs regte sie ungemein auf. Auchg faßte sie die Bekanntschaft des Neffen des Commerzkn- raths/ des Malers Matthey, von dessen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Homberg sie bisher keine Ahnung hatte, als eine Schicksalsfügung auf und beschloß, noch am heutigen Tage den Maler Matthey in Begleitung ihrer Tochter wegen des Bildes der letzteren zu besuchen, gleichzeitig aber auch Herrn Matthey über das Befinden Hombergs auszuforschen.


