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Samstag, dm 22. December.

Der Schuldige.

Criminal-Novelle von W. Roberts.

(Fortsetzung.)

Die Baronin ergriff das Blatt und las es eilig.

»Ein doppelter Raubmord an dem Commerzienrath Fritz Homberg und seinem Diener ist letzte Nacht begangen worden I" rief die Baronin dann entsetzt und wankte bleich nach einem Stuhle.

Um Gotteswillen, bringen Sie das Riechfläschchen, Emma," schrie erschrocken die Gouvernante dem Kammer­mädchen zu,die gnädige Frau ist ohnmächtig geworden."

Es ist nicht so schlimm," erwiderte diese dann leise,es war nur eine vorübergehende Schwäche. Die schreckliche Kunde bat mich schmerzlich ergriffen. Ich kannte einst den Herrn Commerzienrath, der nun so schändlich sein Leben ein­gebüßt hat. Ec war ein edler Mann, den dieses jammervolle Loos betroffen hat."

O, in dieser Hinsicht brauchen Sie vielleicht nicht das Schlimmste zu befürchten, gnädige Frau," berichtete die zungen­fertige Gouvernante,denn ich las vorhin in einem Schau­fenster auch noch ein anderes Extrablatt, in welchem gemeldet wurde, daß der Herr Commerzienrath Homberg bei dem Raub­morde nur schwer verwundet worden sei und daß die Aerzte Hoffnung hätten, sein Leben zu erhalten."

Gott sei Dank, wenn sich diese Nachricht bestätigen sollte," hauchte die Baronin und faltete die zarten Hände wie zu einem stillen Gebet.

Sie erholte sich auch verhältnißmäßig schnell von dem Anfalle und trat dann ihren Spaziergang an. Sie konnte dessen aber heute nicht froh werden, gleichgiltig blickte sie heute auf die Sehenswürdigkeiten der Residenz und ruhelos wanderte sie von einer Straße in die andere, denn merkwürdiger Weife konnte sie die Sorge um den von einem Raubmörder nieder­gestreckten Commerzienrath Homberg nicht los werden. Aber die gängstigte Dame wagte auch Niemanden direct nach dem Schicksale des Unglücklichen zu fragen, sondern sie blickte nur immer in die Schaufenster nach neuen Extrablättern, um durch diese weitere Nachrichten über den Raubmord zu erfahren, aber was sie dort las, waren nur Berichte, die sich vollständig mit denen deckten, welche sie bereits von der Gouvernante gehört hatte.

Endlich entschloß sich die Baronin, in eine Kunsthandlung am Marktplatze einzutreten, wo sie öfters Photographien und Reisebilder zu kaufen pflegte. Dort suchte sie auch heute ein

photographisch hergestelltes neues Christusbild aus, welches den göttlichen Dulder in seiner ganzen, weit über alles irdische Elend stehenden Erhabenheit darstellte, und bei dem Anblicke dieses wunderbaren Antlitzes des Erlösers fand die besorgte Frau neuen Trost und betete still für den beklagenswerthen, einst so herzlich geliebten Mann.

Im Fortgehen fragte die Baronin dann noch den Kunst­händler, ob er etwas Näheres über den Raubmord erfahren habe, der die ganze Stadt mit Schrecken und Theilnahme er­fülle.

Ich hörte, daß der Commerzienrath Homberg an einer schweren Brustwunde darnieoerliege, aber daß die Aerzte Hoff­nung haben, ihn zu retten, da der Commerzienrath eine sehr kräftige Constitution besitzen soll."

Hat der Commerzienrath Familie?" frug jetzt die Baronin weiter, während ihre Lippen leise bebten.

Nein," erwiderte der Kunsthändler,Commerzienrath Homberg ist, so viel ich weiß, noch Junggeselle."

Ein heißer Blutstrom schoß bei dieser Mittheilung der Baronin nach dem Herzen, und mehr um ihre innere Bewegung zu verbergen, als weiter zu forschen, frug sie noch:Da war er wohl ein einsamer Sonderling?"

Dies darf man wohl von dem Commerzienrath Homberg nicht behaupten," erklärte der Kunsthändler,denn er galt all­gemein als ein jovialer Herr, der die heitere Geselligkeit liebte und in den Vesten Kreisen Freunde hatte. Er besitzt auch hier einen Neffen, sür welchen er wie ein Vater gesorgt hat, ob­wohl es dieser nicht so recht verdienen soll."

Wer ist denn dieser Neffe?" frug die Baronin in« teressirt.

Es ist der Maler Matthey."

Der Maler Curt Matthey?" rief die Dame erstaunt. Jawohl, Curt Matthey," bestätigte der Kunsthändler.

Herrn Matthey kenne ich sehr wohl, er malt ja das Bild meiner Tochter."

Und wird immer nicht fertig damit."

Allerdings malt er schon sehr lange an dem Bilde."

Ja, dies ist die allgemeine Klage über den jungen Mann," bemerkte der Kunsthändler.Herr Matthey ist sehr talentvoll, aber leider sehr unzuverlässig und soll wegen seines Leichtsinnes trotz der Großmuth seines Onkels, des reichen Commerzienraths Homberg, immer tief in Schulden stecken."

Ich danke Jynen für Ihre freundlichen Mittheilungen," sagte die Baronin,und möchte nur noch fragen, ob der so schwer heimgesuchte Commerzienrath Fritz Homberg derselbe ist, den ich vor langen Jahren al« jungen Mann kannte."

Fritz Homberg stammt aus einem alten Patriziergeschlecht