Wie warm hatte Gerald ihr hierauf die Hand gedrückt und sofort alles Nöthige angeordnet I
Ja, Lola denkt nach über die Unerforschltchkeit des irdischen Lebens, über die Schicksalstücken, über den geringen Werth des menschlichen Wollens und Hoffens — Gedanken, die ihr früher unendlich fern gestanden.
Lisette ist eifrig um sie beschäftigt. Das treue Mädchen war ganz äußer sich gewesen, als man sie heute Nacht hinaus zu ihrer durchnäßten, vor Kälte zitternden Herrin geholt, und hatte sich erst etwas beruhigt, als Lola ihr die Veranlassung dazu mitgetheilt. Orlowskys Namen erwähnte sie dabei nicht.
Jetzt bereitet sie warmen Thee und bürstet das nasse, üppige Haar so lange, bis es wieder ganz trocken und glänzend ist.
Bald hat Lola sich so weit erholt, daß sie Geralds Bitten folgen und auf der Terrasse erscheinen kann.
Voller Besorgniß eilt er ihr entgegen.
„O, Lola, welch' eine Nacht! Hat sie Dir nichts geschadet?"
„Nein, danke," entgegnet sie lächelnd, ihre Händ in seine ausgestreckte Rechte legend. „Was macht er?"
„Er ist ohne Besinnung und furchtbar zugerichtet. Ich habe zu einem Arzt nach Neapel geschickt- Er muß bald hier sein."
„Aber seine Wunden? Wie soll der Arzt sich die erklären? Du weißt, ein Preis steht auf seinen Kopf —"
„Ich habe mit meiner Mutter Alles besprochen. Wir geben ihn als meinen Freund aus, als einen Engländer, der bei einem Spaziergangs zwischen den Felsen den Weg verloren hatte und von der Sturmfluth überrascht wurde- Das ist das Sicherste."
Lola nickt schweigend, dann fragt sieZhastig: „Und wenn er wieder gesund wird, was dann?"
„Dann müssen wir unser gutes Werk vollenden und ihn über den Ocean entkommen lassen, nach Amerika oder nach den australischen Ebenen, wo er ein neues Leben beginnen kann und vor der Verfolgung der russischen Regierung sicher ist."
„Und ich - ich, Gerald?"
Mit tiefem Mitleiden blickt er in das angstvoll empor- gewandte Antlitz.
„Du, Lola," sagt er langsam, „Du bist und bleibst seine Gattin."
Sie läßt den Kopf sinken. Thränen verdunkeln ihre Augen.
„Bedenke, däß ich ebenso leide," fährt er hastig fort, „ja, noch mehr leide als Du, da ich, der kräftige Mann, nichts für Dich thun darf. Ich hätte ihn auf Tod und Leben gefordert, wäre er mir als gesunder, freier Mensch begegnet. Jetzt, da er krank und verfolgt ist, kann ich nur suchen, ihm aufzuhelfen."
Voller Bewunderung hängen ihre feuchten Blicke an dem Geliebten.
„Wie gut Du bist," flüstert sie, die starken, gütigen Hände küssend, die seinen Todfeind vom Verderben erretten wollen.
Sanft entzieht er ihr dieselben.
„Du weißt nicht, welcher Versuchung ich kaum entgangen bin," sagt er mit einem matten Lächeln-
„Inwiefern?"
„Als ich das Wrack erklommen hatte, fielen meine Augen sofort auf einen Mann, der am Rand des Schiffes nieder- gesunken war und betete."
„Betete?" fragte Lola sinnend. „Er betete? Ich kann es mir kaum vorstellen!"
„Ja, er betete laut und inbrünstig. Ich rief ihn an. Er hörte mich nicht. Ich trat auf ihn zu und legte die Hand auf feine Schulter.
„Ihr Gebet ist erhört," sagte ich ernst, „Sie werden gerettet werden."
„Nie werde ich den Ton vergessen, in dem er ausrief: i,0 Dank, Dank, Gott im Himmel!" Dann wandte er sich
zu mir und fragte hastig auf italienisch: „Können Sie mich retten, Signor? Die Hunde haben mich hier zurückgelaffen, damit ich ersäufen soll wie eine Ratte."
«Ich sagte ihm, was an mir läge, solle zu seiner Rettung geschehen.
„Ich kann mich nicht bewegen," ächzte er. „Die Bluthunde haben mich zu Tode gejagt. Nur mit knapper Noth entkam ich ihnen."
„Ich beugte mich über ihn, um seine Wunden zu untersuchen. In diesem Augenblick erleuchtete ein greller Blitzstrahl die matte Dämmerung, die mich bis dahin nichts hatte deutlich erkennen lassen. Großer Gott! Es war Orlowsky! — Lola, Du wirst mich verachten — aber dieser Moment war ein Augenblick der Versuchung für mich. Der Mann, welcher zwischen Dir und mir steht — unser Beider Todfeind — er war in meine Hände gegeben. Und gerade jetzt, kurz nach dem Geständniß Deiner Liebe zu mir, Deiner Liebe, die ich zwar geahnt, von der ich aber soeben erst volle Gewißheit erhalten hatte--"
Er macht eine kleine Pause. Die Erinnerung hat ihn zu mächtig ergriffen. Lola, die ihn mit keinem Wort unterbrochen, bittet ihn sanft, fortzufahren.
„Ich brauchte das Wrack nur ohne ihn zu verlassen und zum Ufer zurückzuschwimmen. Jedermann würde annehmen ich habe ihn nicht gefunden. ... Die Versuchung war groß und ich bekenne aufrichtig, daß ich ihr beinahe erlegen wäre.
„Ich dachte an Dich, Lola, an Deine unwürdigen Fesseln- Ich dachte daran, daß, wenn der Mann dort tobt wäre, ich Dich heimführen könnte in unser schönes England als mein Weib, mein über Alles geliebtes Weib. . . .
„Er mußte mein Zögern bemerkt haben; denn er hob bittend die Hände und gab seinem Körper einen Ruck, um mir in's Gesicht zu sehen. Plötzlich ließ er die Hände sinken und stöhnte schwer auf. Auch er hatte mich erkannt.
„Einige Augenblicke schwiegen wir Beide. Dann war mein Entschluß gefaßt.
„Halten Sie sich an mir fest," rief ich, „ich werde Sie sicher an's Ufer bringen."
„Wissen Sie, wer ich bin?" fragt er leise.
„Ja, Alexander Orlowsky!"
„Und Sie wollen mich trotzdem retten, Baron Gerald Hastings?"
„Ja-"
„Von da ab sprachen wir kein Wort mehr. Ich nahm ihn in meine Arme und kletterte mit ihm am Wrack hinunter, wobei er sich an meinem Hals sesthielt- Dann schwamm ich mit meiner Last dem Ufer zu."
Lola ist während Geralds Erzählung bald roth, bald blaß geworden. Sie hat soeben erst gelernt, das Leben von der größeren, edleren Seite zu betrachten und ist noch nicht geübt im Großmuthüben und Entsagen.
Gerald liest ihr die Empfindungen vom Gesicht ab.
„Lola, der Arme ist sehr krank," sagt er ernst. „Versuche, ohne Haß an ihn zu denken! Willst Du?"
„Ja, Gerald, ich will es versuchen," entgegnet sie leise- „Ach, es ist so schwer!"
Hastige Schritte nahen. Der Diener Luigi eilt auf die Terrasse zu.
Lolas Herz klopft zum Zerspringen. Wenn dort oben etwas passirt wäre! . . . Wenn der Tod —
Vor sich selbst erschreckend, hält sie in ihren Gedanken inne. . . .
„Was bringen Sie, Luigi?" fragt Gerald freundlich.
„Der fremde Herr dort oben ist —"
n— ist —," schreit Lola auf. Ihr ganzer, etwas nach vorn geneigter Körper drückt die fürchterliche Spannung aus, in der sie sich befindet.
ist soeben zur Bestnnung gekommen und wünscht den Herrn Baron zu sehen," meldet Luigi.


