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Anterhaltnngrblatt jum Giehsnre Anzeiger (General-Anzeiger)
Donnerstag, den 22, November.
Lola.
Roman frei nach dem Amerikanischen von Erich Friese«.
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(Schluß.)
Eine Menge Menschen erwarten Gerald und seine Bürde. Viele Hände strecken sich aus, um ihn in Empfang zu nehmen. Doch er sieht nichts mehr. Die fast übermenschliche An» strengung hat ihn so sehr erschöpft, daß er das Bewußtsein verlor.
Man nimmt den Geretteten aus den Armen seines Retters und legt ihn in einiger Entfernung auf rasch herbeigeholte Fischernetze. Er athmet nur schwach, ist aber bei vollem Bewußtsein. Seine großen, grauen Augen starren gespenstisch aus dem bleichen, hageren Gesicht zum Himmel.
Die Hauptsorge ist auf Gerald gerichtet. Er blutet stark aus einer Wunde an der Schläfe, die man mit Tüchern zu trocknen versucht.
„Beinahe tödtlich verletzt!" hört Lola sagen.
So schnell ihre Füße sie zu tragen vermögen, eilt sie nach der Stelle, wo Gerald liegt. Sie, die früher so nervös und ängstlich war, die vor jedem Tropfen Blut, vor jeder noch so kleinen Wunde zurückschreckte — sie kniet jetzt neben dem Ver- mundeten nieder und legt das Ohr an seine Brust. Das Herz klopft — Gott sei gedankt! Jetzt mag kommen, was da wolle!
Behutsam wäscht sie die tiefe Wunde aus und verbindet sie mit ihrem Batisttaschentuch. Darauf träufelt sie einige Tropfen Brandy aus einer Flasche, die ihr ein Fischer reicht, zwischen die bleichen, halbgeöffneten Lippen.
Bald kommt wieder Leben in den starren Körper.
„Mein Gerald," flüstert sie innig, „Du bist schwer verwundet."
Die bekannte liebe Stimme bringt ihn vollends zum Bewußtsein. Er öffnet die Augen.
„Nein," sagt er matt. „Mein Kopf ist nur so wirr." Sie ergreift seine beiden Hände und küßt sie zärtlich.
„Wie viele Menschen haben diesen starken Händen heute ihr Leben zu verdanken!" murmelt sie.
„Ja, Lola, das war ein hartes Stück Arbeit. Beinahe W ich's nicht fertig gebracht."
Er hebt den Kopf in die Höhe und blickt unruhig umher.
»Ich fühle mich noch so schwindelig, Lola. Reiche mir Deinen Arm I Wir wollen den Mann aufsuchen, den ich gerettet habe."
Mühsam erhebt er sich und lehnt sich schwer auf Lolas
Arm. Viele der herumstehenben Fischer sind bereits wieder an ihre Arbeit gegangen. Einige stehen noch, mit den geretteten Schiffbrüchigen schwatzend und lebhaft gesticulirend, herum. Nur Wenige befinden sich in unmittelbarer Nähe.
„Komm', Lola," wiederholt Gerald mit einem eigenthüm- lichen Ausdruck in seinen blauen Augen. „Sieh' Dir den Mann an, der mir sein Leben zu verdanken hat!"
Langsam bewegen sie sich nach der Stelle, wo der jetzt Bewußtlose.liegt. Die Fischersfrau, dis ihm soeben Brandy zwischen die Lippen geträufelt hat, zieht sich bei dem Herannahen der Beiden zurück-
Lola ist so besorgt um Gerald, daß sie zuerst gar nicht auf den am Boden Liegenden achtet. Als sie endlich einen Blick auf das stille Antlitz wirft, bleibt sie wie erstarrt stehen, die Hände abwehrend ausgestreckt.
„Orlowsky! . . . Großer Gott!"
„Ja, es ist Orlowsky," murmelt Gerald und beugt sich mitleidsvoll über den Schwerverwundeten.
XXXI.
Klar und tiefblau breitet sich der Himmel über das ruhige Meer. Nichts erinnert an den wilden Aufruhr der Elemente, an die Schreckensscenen der letzten Nacht. Nur einige Stücke des Wracks, soweit die heranspülenden Wasser sie nicht fortschwemmten, schaukeln noch auf den Wellen.
Lola sitzt, in warme Decken eingehüllt, in ihrem Boudoir. Ihr Antlitz zeigt einen eigenthümltch weichen — man möchte fast sagen heiligen Ausdruck. Es sieht aus, als denke sie über die Lösung eines Problems nach.
Welch' ein Unterschied zwischen gestern und heute! Nur eine einzige Nacht liegt dazwischen; doch in dieser hat ihr das Meer den Gatten gebracht — den Gatten, den sie nie wiederzusehen hoffte, vor dem sie hierher in die Einsamkeit geflohen.
Als sie an Geralds Seite heute Nacht vor dem bewußtlosen Manne gestanden, als sie Beide schweigend in die bekannten und doch so veränderten Züge geblickt, da war er ihnen ganz merkwürdig um's Herz gewesen. Hier lag er, der Mann, der zwischen ihrem Glücke stand, er, der Abenteurer, der Betrüger — schwerverwundet, vielleicht dem Tode nahe.
Dann hatte sie ängstlich, wie hilfesuchend, in Geralds Augen geschaut.
„Ich weiß, woran Du denkst," sagte dieser leise. „Ich habe denselben Kampf durchgemacht."
Und sie hatte einige Minuten lang gezögert, ehe sie sagte: „Gerald, sorge dafür, daß er nach der Villa Flora gebracht wird."


