an und gestern fuhr Paul zurück; ihn ruft das Amt! - Nun wissen Sie alles — und in diesem Hause wohne ich!"
Sie reichte ihm die Hand und kaum konnte sie verhindern, daß er ihr zu Füßen fiel. Aber ihre Hand hielt Werther fest, denn er hatte augenscheinlich ganz die Herrschaft über seine Seele verloren.
„Eins sagen Sie mir noch, theuerste Laura," flehte er erregt, „würden Sie auch auf die Insel gekommen sein, wenn Sie mich hier gewußt?"
Sie machte sich von ihm los und sagte: „Aber, Werther, wir sind nicht allein! Mein Ruf —!"
„So antworten Sie!"
„Morgen früh beim Spaziergange am Meere!"
„Wann?"
„Ich schlafe lange, ich bin schwach!" flüsterte sie verlegen. Er nickte und sagte: „So leben Sie wohl, Laura! Bis
morgen!"
Er lief an'« Meer zurück, denn im Hause litt es ihn nicht mit seinen leidenschaftlichen Empfindungen.
Laura setzte sich aber sogleich hin und schrieb drei Briefe. Der erste war an ihren Gatten adressirt- Sie theilte ihm mit, wie sie infolge eines Zusammentreffens mit Werther sofort abreise und nach Borkum übersiedle; dahin möge er seine Briefe fenden. Der zweite Brief war an ihren Schwager zu Harpstedt gerichtet und lautete:
„Norderney, den 4. September 1785.
Lieber Schwager!
Heute traf ich plötzlich zu meinem Schrecken hier mit Deinem Freunde Werther Helbig zusammen. Er benahm sich so exaltirt, daß ich Dich bitte, nach Empfang dieses Briefes durch einen Eilboten sogleich mit Extrapost abzu» reisen, um ihn hier aufzusuchen. Ich fürchte ein Unglück und bin, um weiteren Ausbrüchen feiner unsinnigen Leidenschaft auszuweichen, sogleich abgereist. Unter herzlichen Grüßen an Dich und Sophie Sure
Laura Busch."
Beide Briefe wurden sogleich befördert.
Darauf schrieb die Frau Amtmann ein drittes Billet, welches lautete:
„Lieber Freund!
Sie benahmen sich bei unserem leider erfolgten Zusammentreffen so seltsam, daß ich für Ihren weiteren Umgang mit mir das Schlimmste befürchten ' muß. Ich bin daher nach Hause gereist und hoffe, daß Sie sich in das Unvermeidliche fügen werden. Sie waren ja sonst ein so guter Mensch; denken Sie an Ihre lieben Eltern und Gott!
Ich verbleibe stets Ihre
treue Freundin
Laura."
Dieses Billet erhielt Lauras Wirthin mit den Worten: „Es wird morgen früh ein junger Herr nach mir fragen; geben Sie ihm dieses Billet!"
„Ja wohl, Madam!" erwiderte die Frau.
„Leider muß ich sogleich mit dem Postschiffe abreisen!" erklärte dann Laura.
Sie zahlte den Wirthsleuten eine angemessene Entschädigung, ließ ihre Sachen packen und begab sich auf das Schiff, welches um diese Zeit absuhr.
Werther hatte vor Aufregung die ganze Nacht über kein Auge zugethan.
„Du bist doch etwas wsrth!" rief es in ihm, „Sie liebt Dich doch ein ganz klein wenig."
Er zermarterte sich den Kopf darüber, was nun werden solle, da sie ihn liebe. War sie nicht das Weib eines Andern?" Nie hatte er Paul so zu hassen gemeint, wie er ihn heute haßte. Endlich, endlich war es Morgen! Gegen 6 Uhr trat er in das Fischerhaus. Statt Laura empfing er das Billet. Er öffnete es nicht. Schnell lief er an den Strand und hier
erbrach er den Brief. Er las ihn nicht einmal zu Ende, bas Blatt entfiel seiner Hand, der Wind trieb es fort. Laut schrie er auf: „Betrogen! Ein unwürdig Spiel hat sie mit mir getrieben wie damals! Betrogen zum zweiten Male!"
(Schluß folgt.)
Gemeinnütziges«
Um den Wasserpflanzen in den Aquarien ein üppiges Gedeihen zu sichern, verwende man Regenwasser, abgekochtes, sowie auch destillirtes Wasser, erneuere es alle vierzehn Tage und setze pro Liter Wasser x/2 Gramm schwefel- oder salzsaüreS Ammoniak und */2 Gramm phosphorsaures Natron zu. Das Fauligwerden des Wassers wird vermieden, wenn Salicylpulver in etwas Wasser aufgelöst und dem Aquarium von Zeit zu Zeit davon etwas zugesetzt wird.
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Ausgebratenes Schmalz. Manche Hausfrau wird schon die Erfahrung gemacht haben, daß das ausgebratene Schmalz nach dem Abkühlen und Festwerden statt schön geschmeidig, bröcklich und grieslich ausfällt. Nach der Fleifcher- zeitung „Allzeit voran" entsteht dieser Fehler, wenn die Schüsseln während des Erkaltens weiter getragen oder erschüttert werden. Bleiben dieselben nach dem Einfüllen unberührt stehen, so wird man schönes, glattes Schmalz bekommen. Beseitigen läßt sich der Fehler dadurch, daß man griesliches Schmalz nochmals erwärmt und mit einem Holzlöffel so lange rührt, bis es kalt ist.
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Saure Sahue. Es passirt oft, daß es der Hausfrau an der zu Braten fo nöthigen sauren Sahne fehlt. Diese möchten wir nun auf ein kleines Hilfsmittel aufmerksam machen. Man schöpfe von der Milch den Rahm ab und versetze diesen mit einigen Tropfen Weinessig. Geschieht dies am frühen Morgen, so hat man Mittags die Möglichkeit, mit dem nun „sauren Rahm" eine ziemlich gute Sauce herzustellen. Natürlich muß der Rahm nicht zu spät an den Braten kommen, damit er noch ordentlich mitbrät und die Sauce ihre richtige schöne dunkelbraune Farbe erhalte.
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Rinderherz. Dieses ist ein sehr wohlfeiles Gericht und doch sehr schmackhaft, wenn es gut bereitet worden. Man weiche das Herz in warmem Wasser ein, um alle Unreinigkeit auszuziehen, wische es gut ab und fülle es mit stark gewürzter Kalbfleischfarce; (gehacktes Fleisch mit Fett, Eiern, geriebenem Weißbrode, Kräutern u. s. w.); man brate es ungefähr zwei Stunden und gebe es bloß mit Kraftbrühe oder mit scharfer Sauce auf den Tisch.
Vermietest
Begreifliches Sträuben. Tante: „Komm'zu mir, Karlchen, gib mir ein schönes Küßchen." — Karl (weinend): „Nein." — Vater: „Gleich gibst Du der Tante einen Kuß oder —" — Karl: „Ich will aber nicht! Du hast erst gestern gesagt, die Tante hätte eine giftige Zunge."
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Schnell verbessert. Bei einem Ständchen, welches einer Wittwe am Vorabend ihrer zweiten Hochzeit gebracht wird, singt der Chor: „Nur einmal blüht im Jahr der Mai, nur —" (kurze Verlegenheitspause, dann mit Ueberzeugung) — „nur zweimal im Leben die Liebe!"
Redaction: A. Gcheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


