Mexikanerin an einem Tischchen nieder, das sich im entferntesten Theile des Saales befand, bestellten Wein und lachten und plauderten mit großer Lebhaftigkeit zusammen; ab und zu legte sie auch vertraulich ihre kleine Hand auf seinen Arm.

Annies Kopf sank auf die Brust, eine heiße Blutwelle stieg ihr in's Gesicht bis unter das Haar und färbte selbst den weißen Nacken mit Purpur.

Sie lieben sich sie sind gewiß schon ein Brautpaar!" dachte sie, denn so konnte nur ein glückliches Brautpaar aus- sehen.

Annie hing diesen Gedanken noch weiter nach und eine gewisse Eifersucht regte sich in ihr auf die schöne Frau, die mit ihren glänzenden Vorzügen den Mann erobert hatte, den sie heimlich so sehr bewunderte. Sie fand keine Freude mehr an der Musik und als das Concert zu Ende war und die glätt' zenden Gruppen sich zerstreuten und von dannen gingen, strebte auch sie unaufhaltsam nach Hause. Sie verschmähte die eben vom Kellner aufgetragenen Speisen und es war ihr unfaßbar, daß die Mama mit gutem Appetit essen konnte. Aber die gute Mama hatte keine Ahnung, wie schlecht ihrem Kinde zu Muthe war und daß es sich am liebsten hätte tobt weinen mögen, ohne doch kaum zu wissen, warum?

Am nächsten Morgen blaute der Himmel wieder in rein­ster Klarheit über Berg und Thal. Nur das Erzgebirge war noch von zarten Duftschleiern eingehüllt, bis doch allmählig Kuppe um Kuppe sichtbar wurde. Auf den Dächern der Kur- stadt brannte die Sonne heiß und in den Straßen brütete schwüle Luft. Darum strömte Alles in's Freie, in den kühlen Wald, der im herrlichsten Frühlingsschmucke prangte. Hell­grün schimmerte das frische Blätterwerk ver Buchen und Birken, die dunklen Tannen trieben röthliche Kerzchen. Das Gras war noch frei von jeglichem Staub und mit bunten Blumen malerisch untermischt. Alles grünte und blühte, duf­tete und leuchtete. Bienen summten, Käfer schwirrten und im Gezweig jubilirten die Vögel.

Frau Räthin Göhren war wieder frühzeitig am Mühl­brunnen erschienen, um gewissenhaft die ihr vorgeschriebenen drei Becher zu trinken. Dann kam Annie, um sie zum Früh­stück abzuholen. Langsam, in gemessenem Kurschritt gingen sie an der Häuserreihe der alten Wiese entlang, wo es kühl und schattig war, bis zu den Pupp'schen Anlagen- Da alle Kaffee­tische bereits besetzt waren, beschlossen sie, weiter zu wandern und zwar auf dem bequemen Promenadenwege, welcher das gewundene Thal der Tepl durchschneidet. Zu beiden Seiten ragten steile, grüne Waldberge, schroffe Felsen und Granit­blöcke empor. Zuweilen buchtete sich das Flüßchen zu einem weiten Wasserbecken aus, wo im warmen Schein der Morgen­sonne Forellen und kleine Fische spielten.

Immer mehr und mehr verengte sich das Thal, dann öffnete es sich wieder ein wenig und nun schimmerte aus grünem Waldesgrund und dicht an die pitoresken Felsenwände gelehnt, eine freundliche Sommerwirthschast hervor mit geschmack­vollen Veranden und Pavillons. Das war der Freundschafts­saal, der von den Kurfremden mit Vorliebe besucht wurde.

Die stundenlange Wanderung hatte die Damen müde und hungrig gemacht. Im Garten unter einer großen Buche be­fand sich eine Ruhebank mit einem gedeckten Tischchen davor. Hier setzten sie sich nieder. Ein sauberes Mädchen eilte rasch herbei und brachte auf blankem Tablett den duftenden Mokka und ein buntgeblümtes Porzellantellerchen mit knusprigen Kipfeln und Hörnchen, wie man in Oesterreich das Kaffeegebäck nennt. Im kühlen Baumschatten saß sich's schön, der Wald hauchte würzige Harzlust aus, und oben im Buchengipfel sang die Drossel ihr bestes Lied.

Die Räthin war heute in außerordentlich guter Stim­mung, sie hatte das weiche Tuch auf ihren Sitz gelegt, sich recht behaglich darauf niedergesetzt und athmete mit Wonne den Ozon des Waldes ein.

Nachdem sie sich an dem guten Kaffee und dem trefflichen Gebäck gelabt hatte, setzte sie ihre Brille auf die Nase, zog aus dem rothsammetnen Pompadour die letzte Nummer der Stettiner Zeitung hervor und begann eifrig zu lesen, zuerst mit beson­

derem Interesse die verschiedenen Familiennachrichten und An­zeigen, dann kam das Feuilleton mit dem spannenden Roman an die Reihe, zuletzt sämmtliche Beilagen. Sie fand mit Lesen gar kein Ende, nur die politischen Artikel ließ sie außer Acht. Nun kam auch noch die Mizie, das Kaffeemädel, angerannt, die ein splendides Trinkgeld erhalten hatte, und legte einen großen Stoß Badeblätter ans den Tisch.

Der alten Dame wurde es immer gemttthlicher zu Muthe, denn Lesen war ihre einzige Passion.

Annie saß stumm und mit ernstem Gesicht auf ihrem Platz und betrachtete die umliegenden Berge, den hübschen Garten mit seinen Rasenplätzen und Blumenbeeten und die plaudernden Menschengruppen rings umher. Bald aber fand sie an diesem müßigen Stillsitzen etwas auszusetzen.

Ich möchte noch ein bischen weiter gehen, Mama," sagte sie.

So geh' doch!" erwiderte diese.

Ich will mein Tuch mitnehmen und mich in's Gra» legen ich schaue so gern in den blauen Himmel hinein!" sagte Annie.

Das schien der Mutter nicht passend, es gingen so viele Leute vorüber.

Aber ich kann doch in den Wald laufen und Blumen pflücken? Es ist schrecklich langweilig, wenn Du liest und kein Mensch ein Wort mit mir spricht."

Die Räthin zuckte die Achseln.

Na, lauf' nur. Weiteres Reden ist doch unnütz, wenn Du Dir etwas in den Kopf gesetzt hast! Aber bleib' hübsch in der Näh und komm' bald wieder zurück."

Annie hatte schon ihr Tuch ergriffen und lief eilenden Fußes aus dem Garten, um bald im dämmerigen Gehölz zu verschwinden. Sie bog rasch von dem breiten Wege ab und kletterte über einige rohe Steinstusen einen steilen Waldpfad hinan, der zum Kamme des mit Nadelholz bewachsenen Hammer­berges führte, auf dessen höchstem Punkte, der Franz-Josefs- Höhe, sich ein geschmackvolles Gloriet befindet, von dem man eine köstliche Aussicht hat.

Hier oben war es einsam und still, und weit und breit kein Mensch zu sehen. Der Wind wehte frisch und strich mit melodischem Brausen Über die Tannenwipfel sonst hörte man keinen Laut weiter, überall herrschte tiefes, feierliches Schweigen.

Das Mädchen ließ feine Blicke in die Ferne schweifen. Sie schaute auf den schimmernden Bergwald, der sich weit in das Land zog, auf die fchöne Kurstadt, Über deren Dächern bläulicher Rauch schwebte und dann wieder über das sonnen­beglänzte Thal mit dem blinkenden Flusse und den hübschen Häusern, Kirchen und Gärten.

Märchenhaft schön, entzückend war es hier oben auf der luftigen Höhe in der Einsamkeit und dem tiefen Frieden.

Annie war in der Ebene geboren, in einer alten pommer- schen Provinzialstadt stand ihr Vaterhaus. Dort gab es keine Berge, keine Felsen, keine Wälder, flach, eintönig, ohne Reiz dehnte sich weit und breit das Land. Nun sah sie zum ersten Male das Gebirge in seiner hehren Majestät, und all' sein Zauber that sich vor ihr auf. Bisher hatte sie mit der Gleichgiltigkeit eines Kindes die Natur betrachtet, jetzt kam ihr plötzlich volles Verständniß dafür und nahm alle ihre Gedanken in Anspruch.

An einer lauschigen Stelle, wo ein Haufen zusammen­gewürfelter Granitblöcke eine kleine Schutzmauer gegen den Wind bot, warf sie sich in das weiche grüne Gras, verschränkte die Arme über den Kopf und schaute hinauf in den blauen Himmelsdom, an dem ein paar zarte Silberwölkchen schwam­men. So lag sie lange reglos unter den rauschenden Bäumen und begann zu träumen.

Ein leichtes Geräusch, ein Knacken im Buschwerk schreckte sie auf. Sie richtete sich auf dem Ellenbogen empor und lauschte. Es stiegen wohl Leute den Berg hinan. Nun sprang sie rasch vom Boden auf, zupfte ihr Kleid zurecht und strich mit beiden Händen über ihr Haar, das in Verwirrung ge- rathen war. (Fortsetzung folgt.)