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Dienstag, dm 21, August.
Geläuterte Herzen.
Novelle von Johanna Berger.
(Fortsetzung.)
Das Mädchen lachte übermüthig auf. „Und weißt Du, Mama, in das dünne blaue Fähnchen, das ich gestern trug, krieche ich nicht wieder hinein — es ist doch gar zu altmodig gemacht. — Putzen will ich mich zur Reunion! Wir könnten eigentlich gleich in einen Laden gehen und ein hübsches Gesell« schastskleid sür mich kaufen. — Meinst Du nicht auch?"
Die alte Dame gab keine Antwort, sie zuckte nur die Achseln.
Der fremde Herr hatte seine Journale auf den Tisch gelegt und lächelte still vor sich hin. Jetzt zog er bedächtig ein Visitenkartentäschchen hervor, entnahm demselben eine Karte, verbeugte sich und reichte sie über den Tisch der Räthin hin.
„Erlauben gnädige Frau, daß ich mich vorstelle," sagte er mit sonorer Stimme.
„Sehr angenehm, mein Herr," erwiderte sie und warf einen neugierigen Blick auf die Karte. „Ihr Name Martin Hiller ist mir nicht fremd," fuhr sie nachdenklich fort, „und nichts könnte Sie bester bei mir empfehlen! Die Erinnerung an meine Jugendzeit lebt damit wieder in mir auf und zugleich das Gedenken an einen Freund, der Ihren Namen trug und mir einst theuer war. Wir waren Nachbarskinder und hielten aneinander in Freud und Leid. Auch später, nachdem ich mich verheirathet hatte und die Heimath verließ, blieb er mir und meinem Gatten ein treuer Freund, bis verschiedene Umstände es mit sich führten, daß wir nicht mehr in Berührung kamen. Er war Oberförster in der Altmark. Vielleicht war er ein Verwandter von Ihnen, mein Herr?"
„Oberförster Hiller war mein Vater," antwortete der Fremde mit bewegter Stimme.
Die alte Dame reichte ihm sogleich die Hand entgegen, betrachtete ihn eindringlich und sagte in herzlichem Ton: „Dann sind wir eigentlich schon alte Bekannte, denn ich sah Sie vor langen, langen Jahren als kleinen Knaben. Merkwürdig aber, wie Sie sich verändert haben — kein Zug Ihres Gesichtes erinnert mich noch an Sie. Man weiß freilich, daß aus kleinen Knaben Männer werden, aber bei Ihnen ist auch nicht die geringste Ähnlichkeit mehr vorhanden."
„Allerdings habe ich mich ganz ungewöhnlich verändert und durchaus nicht zum Vortheil."
„Nun, das kommt auf den Geschmack an," lachte sie. — „Nur kann ich gar nicht begreifen, daß — daß Sie —"
„So alt aussehen," fiel er rasch ein. „Nicht wahr, gnädige Frau, das wollten Sie doch sagen? Kein Wunder, ich habe ein sehr bewegtes Leben geführt, und wenn auch noch jung an Jahren — ich zähle sechsunddreißig — so ist doch mein Aeußeres, mein ganzes Wesen das eines gereiften Mannes."
Die Räthin ruhte jetzt nicht, er mußte ihr hundert Fragen beantworten. Und er that es, aber er faßte sich so kurz als möglich.
„Ich verlebte, wie Sie misten, meine Kindheit im Forsthause, größtentheils aber im Studierstübchen des Vaters, denn Bücher und gelehrte Schriften sind von Klein auf meine Leidenschaft gewesen. Nach bestandenem Abiturium studirte ich in Tübingen, Heidelberg und Bonn Theologie und Philosophie. Darauf legte ich mich auf Sprachkunde und Naturwissenschaften. Mit fünfundzwanzig Jahren hatte ich alle Examen gut bestanden. Obwohl mir mehrere gute Lehrerstellen an Gymnasien und anderen höheren Schulen angeboten wurden, ging ich doch erst noch einige Jahre auf Studienreisen. Dann nahm ich eine Stellung am Pädagogium zu M. an, doch blieb mir noch hinreichend Zeit, um mich nach Lust und Belieben mit meinen Büchern zu beschäftigen und aus dem Born der Wissenschaft zu schöpfen. Ich fühlte mich sehr glücklich in meinem Beruf, ich gelangte bald zur Würde eines Oberlehrers der Anstalt und erhielt voriges Jahr den Professortitel."
„Da müssen Sie ja ein furchtbar gelehrter Mensch sein, wenn Sie so schnell Carrisre gemacht haben?" rief die Räthin voller Verwunderung.
„Ich habe fleißig gearbeitet und hatte viel Glück, gnädige Frau, denn mein Wissen erkannte man freundlich an," wehrte er bescheiden ab. „Meinem Vater, der bis zu seinem Tode mein Leiter und Führer war, verdanke ich das Meiste. Er lebt in meinem Gedächtniß als mein Wohlthäter und bester Freund und es ist mir eine rührende Ueberraschung, hier im fremden Linde Jemand anzutreffen, der ihn gekannt hat und in Freundschaft feiner gedenkt!"
„Ein Gemüthrmensch, ein Idealist ist dieser noch junge, aber schon alt aussehende Professor," dachte die Räthin, „er ist von der Art, wie man sie nur noch selten in dieser Ecden- welt findet."
Sie blickte ihn liebreich an, denn sie fand immer mehr Wohlgefallen an ihm.
Annie achtete nicht auf das Gespräch, ihre Gedanken waren wo anders: sie sah ernsthaft und nachdenklich aus und schien etwas auf dem Herzen zu haben.
Die Zeit schritt fort, die Kaffeetische leerten sich, die Kur-


