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Ädamek und kein Grübler, sondern Einer, der nicht viel com« binirte und forschte, so übertrug man ihm niemals Angelegenheiten, bei welchen es darauf ankam, langsam vorzugehen. Für solche Fälle war Herr Wendelin Adamek der rechte Mann, zum größten Aerger Kilians, der den behäbigen College« für etwas einfältig hielt und ihm de« letzten Senfationrerfolg von Herzen mißgönnte- Daher hatte es ihn auch außerordentlich gefreut, als er von Doctor Mark die Einladung erhielt, ihn behufs Rücksprache über den Fall Wolski zu besuchen. Vielleicht ließ sich an Adameks Erfolg ein wenig mäkeln.
Nachdem der Advocat und der Detectiv Platz genommen, und ihre Cigarren in Brand gesetzt hatte«, begann Doctor Mark: „Ich nehme a«, daß Ihnen die Sache in allen Einzelheiten bekannt ist, mein Lieber."
„Allerdings. Adamek spricht von nichts Anderem, als von der Geschicklichkeit, die er bei Ausforschung des angeblichen Thäters entwickelt hat."
„Des angeblichen Thäters, sagen Sie?" meinte der Ab- vocat. „Wollen Sie damit sagen, daß Sie die Schuldlosigkeit Joanyis nicht für ausgeschlossen halten?"
Kilian rieb sich die Hände.
„Nun," sagte er ruhig, „bevor ich Ihre Einladung erhielt, war ich von seiner Schuld überzeugt, aber da ich weiß, daß Sie den Angeklagten vertheidigen, schließe ich, daß Sie eine entlastende Entdeckung gemacht haben, zu deren weiteren erfolgung Sie mich brauchen."
„Sie haben Recht," erwiderte Mark.
„Herr Jvanyi gibt zu, Wolski bei der Votivkirche gesunden und einen Fiaker genommen zu haben."
„Woher wissen Sie das?"
„Von Adamek."
„Wie hat er das herausgebracht?" rief der Advocat in hellem Staunen.
„Er spionirt ja überall herum," brummte Kilian gehässig und ohne zu bedenken, daß solches Spioniren die Hauptaufgabe des Deteclivs bildet. „Sicher aber ist, daß die einzige Chance für Jvanyi in dem Beweis besteht, daß er nicht zurückgekommen ist, wie der Kutscher behauptet."
„Sie denken also, daß er ein Alibi erbringen wird."
„Sie wissen ja von der Sache mehr als ich, Herr Doctor," sagte Kilian bescheiden, „aber ich meine, daß dies die einzig richtige Verantwortung wäre."
„Nun, er wird sich nicht dahin verantworten."
„Dann ist er schuldig I" rief Kilian schnell.
„Das ist nicht die Folge."
„Wenn ihm sein Leben lieb ist, muß er das Alibi nachweise«."
„Das ist's ja. — Sein Leben ist ihm nicht lieb."
Kilian schüttelte den Kopf und trank ein Glas Wein.
„Thatsache ist es," fuhr der Advocat fort, „daß er sich's in den Kopf gefetzt hat, die Auskunft, wo er um die kritische Stunde war, zu verweigern."
„Ich verstehe," meinte ernsthaft blickend der Detectiv, — „eine Dame . . ."
„Nein," erwiderte Mark hastig. „Ich habe es anfangs auch gemeint, aber er war bei einer sterbenden Frau, die ihm etwas anzuvertrauen hatte."
„Was denn?"
„Das weiß ich eben nicht. Es muß sehr wichtig gewesen sein, denn sie schickte in sehr dringender Weise nach ihm und bei ihr hat er die Stunde von ein bis zwei Uhr Morgens zugebracht."
„Also ist er nicht zum Fiaker zurückgekommen?"
„Nein. Er ist zu dieser Frau gegangen, verweigert aber darüber jede weitere Auskunft. Ich habe heute in seinem Schlafzimmer den betreffenden Brief halbverbrannt aufgefunden." Er reichte ihn dem Detectiv-
„Er ist vom 27. Mai datirt," bemerkte dieser.
„Ja — und Wolski wurde in derselbe« Nacht ermordet." „Geschrieben in la Pia-t. Veit," buchstabirte Kilian, „St.
Veit, wie es scheint- Ah, war er dort?"
„Kaum," sagte der Vertheidiger sarkastisch, „in einer
Stunde. - Der Fiaker sagt aus, daß er um ein Uhr in der Währingerstraße - Frau Kroll, daß er um zwei Uhr in der Alleegaffe war — das ist also unmöglich."
„Wann wurde der Brief abgegeben?"
„Einige Minuten vor zwölf Uhr," antwortete Mark und berichtete Alles, was ihm bekannt war. „Jetzt haben wir herauszubringen, wer die Ueberbringerin des Briefes war."
„Aber wie?"
„Himmel," schrie Mark ungeduldig. „Sie sind aber begriffstutzig. Sehe« Sie doch das Papier an."
In Kilians Augen leuchtete ejn Blick des Verständnisses.
„Villa Pia, Ober-St-Veit," rief er und besah das Papier nochmals. „Dort ist ja eingebrochen worden."
„Freilich," meinte befriedigt der Advocat. „Verstehen Sie endlich, was ich will? Sie müssen mich dorthin führen, wo die aus dem St- Vetter Diebstahle herrührenden Gegenstände verborgen waren. Dieses Papier ist ein Theil der zurückgelaffenen Beute und muß dort benützt worden sein. Jvanyi folgte der Einladung und war an dem angegebenen Orte, während der Mord verübt wurde."
„Das ist richtig," bemerkte Kilian. „Der Einbruch wurde von vier Männern begangen. Die Beute haben sie bei einer Frau, die man die „Pfeiferin" nennt, versteckt. Aber zum Kuckuck, ein anständiger Mensch wie Jvanyi kann doch nicht gut an einem solchen Orte gewesen fein — es wäre denn —"
„Er hätte einen guten Führer gehabt," vollendete Mark den Satz. „Und das war das Mädchen, welches den Brief gebracht hatte. Nach der Beschreibung des Clubdieners scheint sie aus einem solchen Orte gewesen zu sein."
„Nun," sagte Kilian und sah auf die Uhr. „Neun Uhr — wenn Sie wollen, begeben wir uns gleich zu der alten Pfeiferin. — Sterbendes Weib," fetzte er gedankenvoll hinzu, — „sterbendes Weib — vor etwa vier Wochen ist eine dort gestorben."
„Wer war sie?" fragte der Advocat gespannt und nahm auch schon seinen Ueberrock.
„Ich glaube, eine Verwandte von der Pfeiferin," lautete die Antwort, während die beiden Männer sich auf den Weg machten. „Ich weiß es nicht genau. Sie nannten sie „Königin" und sehr schön mag sie einmal gewesen fein — ist vom Ausland, ich weiß nicht genau woher, gekommen und in jener Nacht — jetzt erinnere ich mich — an der Schwindsucht gestorben."
„Also muß sie es gewesen sein, die an Jvanyi geschrieben hat."
„Rein Zweifel," sagte der Detectiv. „Wenn er um diese Zeit dort gewesen ist, werden wir genug Zeugen für fein Alibi finden. Der Pfeiferin und ihrer Enkelin bin ich ganz sicher."
Mark hörte nicht mehr zu. Er dachte angestrengt nach.
Was mochte ein Weib, das eben aus dem Ausland gekommen war, — das sich in einer Diebeshöhle aufhielt, Desider Jvanyi zu sagen gehabt haben über Margarethe Weber?
XIV.
Es war eine merkwürdige Wanderung, welche Doctor Philipp Mark an der Seite des rasch ausschreitenden Detectivs unternommen hatte, merkwürdig vor Allem deshalb, weil der Advocat nicht aus dem Staunen herauskommen konnte. Diese Häuser, deren weite, schmutzige Höfe sie passirten, diese schlecht beleuchteten Gäßchen standen in Wien, in derselben Stadt, die er so gut zu kennen meinte — in der Nähe der belebtesten Straßen, von wo her der Lärm des Verkehrs wie ein dumpfes Rollen herüber tönte ? Kleine einstöckige Häuser mit abbröckelndem Mauerwerk, an dessen Wiederherstellung Niemand dachte, mit schmalen, dunklen Treppenaufgängen von der Gasse aus, statt der Fensterscheiben angeklebte Fetzen Papier. Am Ende ihrer Wanderung ging es eine schlüpfrige Stiege hinab, die in eine enge Sackgasse mündete. Hier blieb endlich der Detectiv vor einem ganz verwahrlosten Häuschen stehen-
„Hier hinein, wenn es gefällig ist," flüsterte er dem Advocate« zu, der sich in dieser ärmlichen Umgebung in feinen eleganten Kleidern sehr seltsam vorkam. Er blickte fortwährend


