Ausgabe 
21.7.1894
 
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hch dachte es wohl," seufzte der Advocat, während der Diener nachdachte.

Halt," rief er endlich,warten Sie, mit der Post ist keiner gekommen, aber man hat ihm''um zwölf kUhr einen ge­bracht, ein junges Frauenzimmer, ja,§ja, jetzt erinnere ich mich ganz genau. Sie springt wie eine Wilde zur Thür hinein und schreit: Ist er hier? und steckt einen Brief in meine Hand. Für wen? frage ich. Es steht schon darauf, meint sie, ich kann nicht lesen, geben Sie'« ihm gleich. Und darauf rennt sie davon."

Doctor Mark hatte mit zurückgehaltenem Athem zugehört.

Und der Brief war für Herrn von Jvanyi?" fragte er wieder ruhig.

Ja. Und ganz schmutzig war er. Herr von Jvanyi hat gerade Billard gespielt, als ich ihm den Brief gab. f Er hat die Adreffe angesehen, ihn dann eingesteckt und .weiter gespielt."

Nicht geöffnet?"

Nicht gleich. Er hatte gerade eine Serie. Schade um ihn, er war sehr geschickt."

Wann hat er den Brief geöffnet?"

Warten Sie vor ein Uhr. Ich war gerade im Billard-Zimmer."

War er aufgeregt dabei?"

Er hat ärgerlich ausgeschaut und das Queue auf das Billard geworfen; dann hat er den Hut genommen und ist fortgegangen."

Ah, und um ein Uhr hat er Wolski getroffen," dachte Mark.Wie sah der Brief aus?" wendete er sich an den Diener.

Sehr schmutzig. Es war ein großes Couvert."

Ich danke Ihnen, Jean," sagte Mark und eilte zu Mar­garethe.

Sie hatten Recht," rief er athemlos, als er wieder im Wagen saß.Jvanyi hat einen Brief bekommen, offenbar zu einem Rendez-vous."

Ich wußte es," meinte sie einfach.Wir werden den Brief in seiner Wohnung finden."

Nach Ihren bisherigen Erfolgen darf ich Ihnen nicht widersprechen," war Doctor Marks Antwort, der voll aufrich­tiger Bewunderung das schöne Mädchen ansah.

Bei Frau Kroll angekommen, die sehr bekümmert aussah, und seit der Katastrophe vergaß, ihre Geschichten auszukramen, ließen fie sich sofort in Jvanyis Zimmer führen. Dieselben machten den Eindruck des Leeren, trotzdem die Möbel so stan­den wie zur Zeit, da Destder diese Räumlichkeiten bewohnte. Sie machten sich sofort daran, Schränke und Tischladen zu öffnen, fanden aber Alles leer, da die Polizei sämmtliche Effecten in Verwahrung genommen hatte. Ganz entmuthigt wollten sie sich entfernen, als Margarethe noch einen letzten Blick zurückwarf, um sich zu überzeugen, daß sie nichts ver- geffen. Da gewahrte sie in einer Ecke beim Schreibtisch, halb unter dem Vorhang versteckt, einen Papierkorb von mittlerer Größe.

Warten Sie, Herr Doctor," rief sie lebhaft und zog den Korb hervor.

Doctor Mark rief Frau Kroll und fragte sie, wie lange der Korb nicht geleert worden sei.

Ach," sagte sie unter Thränen,das war sein einziger Fehler. Er war etwas nachlässig und hat mir niemals er­laubt, den Korb zu leeren, ehe er ihn nicht erst untersucht hatte. Und wochenlang haben sich da die Papiere angesammelt. Es sind gewiß schon zwei Monate her, daß ich ihn nicht aus- geputzt habe; in der Aufregung der letzten Zeit habe ich es ganz vergeffen. Entschuldigen Sie"

Mit diesen Worten wollte sie den Korb mit sich nehmen, aber Doctor Mark hinderte sie daran, indem er sie bat, das Zimmer zu verlassen und nach einigen Minuten wieder zu kommen.

Hastig begannen die beiden Zurückbleibenden in dem Korbe zu stöbern, um nach einer Weile aus einer Menge zerrissener und zerknitterter Briefe einen hervorzuziehen, der halb ver­

brannt war. Margarethe schrie auf und reichte Mark ein Brieffragment, auf dickem, hartem Papier geschrieben, das fol- genden Inhalt hatte:

la Pia

t- Beit ' 27. Mai

Herr Destdor Jvanyi

ten in wichtiger An sterbendes Weib tivkirche m Verze

Endlich," rief sie,ich wußte, daß wir es finden würden." Leiber fehlt die Unterschrift," sagte Mark.

Man wird also wenig mit diesem Dokument beweisen können," meinte Margarethe traurig.

Halt," der Advocat hatte nachgedacht,ich hab's. Sehen Sie das Papier an. Es hat in der Ecke aufgedruckt: la Pia L Veit das heißt offenbar: Villa Pia St. Veit."

Also sind sie nach St. Veit gegangen?"

Kaum. In einer Stunde hin und zurück? Nein. Er ist in Wien geschrieben," sagte Mark bestimmt.

Woher wissen Sie das?"

Ich habe begründete Ursache, dies anzunehmen. Aber es fällt mir jetzt etwas ein: vor drei Monaten ist in der Villa Pia in Ober-St. Veit ein Einbruch verübt worden, von diesem Diebstahl stammt dieses Papier. Geschrieben wurde der Brief also von Jemand, der auch mit diesem Verbrechen in Ver­bindung steht. Gut," bekräftigte er selbst seine Erwägungen. Ich werde Abends mit einem geschickten Detectiv sprechen," fuhr er mehr zu sich selbst fort.Der wird es herausbringen, woher der Brief stammt und wer ihn in den Club gebracht hat. Wir werden ihn retten, mein Fräulein," schloß er, indem er den Brief zusammenlegte und in seine Brieftasche steckte.

Und glauben Sie, daß Sie die Schreiberin ausfindig machen?" fragte Margarethe, die mit leuchtenden Blicken den Worten des Advocaten gelauscht hatte.

Hm," antwortete nachdenklich Doctor Mark,sie kann auch gestorben sein. Uebrigens genügt es, wenn wir wissen, wer den Brief in den Club gebracht und wer bei der Votiv­kirche Jvanyi erwartet hat. Ich brauche ja nur zu beweisen, daß er um die kritische Zeit nicht in Wolskis Fiaker sein konnte."

Hierauf verließen sie Jvanyis Wohnung, Margarethe mit einem heißen Dankgebet auf den Lippen, Doctor Mark befrie­digt von dem Resultat seiner Mühe.

Ein Strahl der Hoffnung war in das Herz des armen Mädchens gefallen, und mit tiefer Innigkeit dachte sie dessen, der dort hinter den Mauern des Gefängnisses in einsamer, düsterer Zelle ein Martyrium auf sich genommen.

XIII.

Doctor Philipp Mark befand sich um 8 Uhr Abends noch in seiner Kanzlei. Seine Hilfsbeamten hatten zur ge­wöhnlichen Zeit ihr Bureau verlassen um 6 Uhr. Seit dieser Stunde ging der Advocat unablässig auf und nieder. Er war ungeduldig und blieb jeden Moment beim Fenster stehen, um hinauszublicken. Er erwartete den Detectiv, den er bestellt hatte. Auf dem Tische standen eine Flasche Wein, zwei Gläser und ein Kistchen mit guten Cigarren.

Endlich kam der Erwartete. Es war ein hagerer, lang aufgeschossener Mann in schwarzer Kleidung, welche ihn noch schmächtiger erscheinen ließ. Das Bemerkenswertheste an ihm war der scharfe, durchdringende Blick, der fast unheimlich aus den tiefliegenden, von der vorspringenden Stirn beschatteten Augen hervorstach. Zu diesem Blicke paßte der zusammen­gepreßte Mund und die finstere Ernsthaftigkeit seiner Gesichts­züge. Es war nichts Lachendes, nichts Weiches in diesen Zügen, eher konnte man aus ihnen einen gewissen Hohn herauslesen.

Peter Kilian war der Nebenbuhler Adameks, geschätzt wegen seines immensen Gedächtnisses und seines scharfen Blicke«. Er galt als der beste Aufspürer; da er aber infolge seines etwas hastigen Wesens kein bedächtiger Mann war wie