“ 282
Den 22ten Juny
Anno 1654.
fptin5irft der alten Beilstein mit Deiner Weisheit und Wissenschaft keinen sonderlichen Dienst erwiesen haben," entgeg- mte Me^Alte ist mir sehr gleichgiltig," erwiderte Malwine; wenn die geköpft oder verbrannt werden sollte, mache ich um dar Schauspiel keine hundert Schritte. Fingen sie aber den Rentmeister und seine Buhle, dann würde ich gerne das Holz zum Scheiterhausen herbeischaffen helfen." ,
„Sei nicht so gehässig, Malwine," tadelte Alwme; „sind es nicht auch Menschen wie wir?"
„Nein, sie sind ganz andere und das macht mich so grrm- mig. Niemals habe ich Leuts so angeseindet und beneidet, wie diese Zwei." , , , .,
Die Freundinnen trennten sich. Malwine war durch die Unterredung so in Aufregung gerathen, daß sie die halbe Nacht nicht schlafen konnte. Dem Commissarius erging es ähnlich. Wenn die Ansicht des Fürsten durchdrang: es gibt weder Hexen
noch Zauberer, dann bliebe für ihn, den Commissarius, nicht- übrig, als so schnell wie möglich aus dem Dienste zu verschwinden, denn ihm wurde hauptsächlich — und mit Recht — das Wüthen gegen die Hexen zur Last gelegt- ,
Mit starken Schritten durchmaß Caspari das Schlafzimmer und grübelte. Mehr als fünfzig Menschen hatte er in gräu- lichster Weise quälen, martern und hinrichten lassen, weil sie Hexen, Zauberer und Gotteslästerer gewesen — und nun sollte das Alles nicht wahr und das viels Menschenblut sollte^ unschuldig vergossen worden sein. „Es muß der unumstößliche Beweis geliefert werden," rief der Richter aus, indem er stehen blieb und die Faust auf den Tisch stützte, „daß es Hexen und sauberer gibt, daß sie furchtbares Unheil anrrchten, daß sie selbst sagen und glauben, sie wären Hexen. Zwar siegt dies schon fünfzigmal in den Acten, aber es muß noch einmal in so eklatanter Weise demonstrirt werden, daß leder Zweisel ausgeschlossen ist. Eher habe ich keine Ruhe."
Lange nach Mitternacht fand er einen unruhigen, un- erquicklichen Schlaf. Früher als fonst war der Commissarius am folgenden Morgen in der Kanzlei, der Diener hatte kaum ordentlich abgestäubt. Caspari ließ sich fämmtsiche Hexen- proceßacten geben. Blatt für Blatt und Bogen um Bogen, so suchte er jeden einzelnen Fascikel durch; m,t dem Schweinehirten von Bisses beginnend, hatte er nach und nach bte fünfundzwanzig ersten Fälle sorgfältig studirt, ohne zu finden, was er fuchte- Die Mittagsglocke ertönte; man rief den Gestrengen durch einen besonderen Boten zu Tische, aber die Bissen quollen ihm im Munde. Ohne den Schluß des Mahles abzuwarten, eilte Caspari von Neuem an die Hexenproceßacten. Wieder hatte er sieben Fälle durchforscht, als er in dem achten endlich fand, was er fuchte- Das Bündlein ist überschrieben:
Protocollum
In Hexerey Sachen Hannß Ludewigß Frauen, Elbet, zu Bingenheim
Das Bündlein ist noch vorhanden, die Mäuse haben zwar ein Loch hineingenagt, welches halbhandlang und bret Finger breit ist: trotzbem läßt sich bas Meiste noch baraus entnehmen- Die Blätter sinb mit Seitenzahlen versehen. Auf Seite 12 gibt bte unglückliche Frau ihre Complicen an, aber erst bann, nachdem sie zum zweitenmale auf die Folter gefpannt worben war. Die Stelle aus jenem Protocolle lautet:
„Auf ihre (bei Elsbeth Lubwigs Frau) Comphces ferner examinirt: leugnete Sie in totum und revocirte alles, watz Sie vorgestern bekannt, Sie hette die Unwahrheit geredet, Gott solle es ihr verzeihen, hette gemeint, man würde Ste bald darauf hinrichten, aber Sie möge es nicht auf ihrem Hertzen behalten, Berpliebe alfo darbey, alles güt- und ernstlichen Zusprechens ohngehindert- Deßwegen Sie dem Meister anbefohlen und binden, die Daumenstocke und Beinschrauben ihr wieder anlegen, Zufchrauben und Neymahl versetzen lassen, Verpltebe Sre lange Zeit bey ihrer revocation, Endlichen brache Sie wiederum loß, bat aufzumachen und sagte: der Teufel seye ben ihr im gefängniß gemeßen, diese nacht und Sre genüthrget, alles wiederum zu leugnen, also habe Sie folgen muffen, aber es seye doch alles wahr, was Sie vorgestern gesagt, wolle va- raus leben und sterben." ..
Diese Stelle las Caspari sich laut vor; eisig sie es chm über den Rücken. „So tapfer wie diese Elsbeth Ludwig haben wenige Hexen und Zauberer widerstanden," sprach er zu sich selbst. „Ich sehe das Weib noch vor mir, wie es auf der I Folter lag und alle Höllenqualen lautlos ertrug, ich hätte e I nicht so lange ausgehalten. Trotzdem-warmir der^Anblick I jener ohnmächtig gewordenen Beilsteins Enkelin viel gräßsich , jenes Bild kann ich nicht los werden. Fast ein Jahr lst ver strichen, seit die Dirne eingethan war; sie entfloh, aber vre | heimliche Furcht vor ihr, die innere Erregung, welche ich ver ! ihrem ersten Anblick empfand, ist heute noch vorhanden, sobald
„Wie sollen die Ausgerissenen davon gekommen sein?" I fragte der Richter. M , nT , I
„Niemand weiß es mit Sicherheit," war Malwinenr Ant- I wort. „Der Eine sagt so, der Andere so." I
„Bitte, saget mir dann, liebwertheste Jungfrau, zuerst des I Einen so, dann der Anderen so."
„Ich kann wirklich nicht recht - Herr Commissarius - I ich glaube — es hieße —" Malwinchen stockte. I
„Sprechet nur, verehrteste Jungfrau," drängte Caspari; I „ich höre sehr gerne, was Ihr mir mittheilen wollet/
„Man sagt: die Soldaten hätten den Mann absichtlich I durchmischen lassen, weil sie ihn Alle gar gerne gehabt; des- I gleichen wäre es mit der Buhle gewesen. Die Zwei könnten I nicht hexen, noch zaubern."
„Wer denn?" fragte Caspari scharf.
„Niemand, Herr Richter. Kammerdiener Langsdorf fall gesagt haben: Unser Durchleuchtigster Herr glaube weder an Hexen noch an Zauberer und es sei arg schade, daß in der I Welt so viele unschuldige Menschen um dieser Schwachheit I röillen grausamlich hingethan würden." _I
„Was sagt man denn noch io oder so, werthe Jungfrau I Malwine?" , „ „ ,, _ x I
„Man sagt noch allerhand, indessen kann ich Euch gar I nicht recht antworten. Ihr fraget so scharf und streng, daß I ich meine Wissenschaft leichtlich aus dem Gedächtnisse verliere.
„So sammelt Euch, hochverehrteste Jungfrau, und wisset, daß Ihr mir eine nicht geringe Gefälligkeit erweiset, wenn ^hr mir mittheilt, was man zu sprechen pflegt. Meine Beamten sagen mir niemals die Wahrheit."
„Zuweilen behaupten gewisse Leute: die alte Berlstem wäre die eigentliche Haupt- und Wetterhexe, darum habe sie sich so fein zu verstecken gewußt. Wenn diese Haupthexe vor nunmehr sieben Jahren, Anno 1652 im November, weggeschafft worden, hätten viele andere Leute nicht hexen lernen und wären i davon gekommen. Das Hexereilaster ist nur noch bei uns zu Bingenheim im Schwünge." , f
„Was sagen die Leute weiter? sragte Caspari, als Malwine stockte. _
„Vielleicht habe ich schon zu viel gesprochen, Herr Com- missarius," war die Antwort, „denn sehet, Ihr fraget mich immer fort, aber was Ihr wißt/ behaltet Ihr für Euch. Nun theilt mir doch einmal Eure Ansicht mit, die ist nut viel interessanter, als der Leute Geschwätz."
„Ich kann Euch gar nichts mittheilen, vrelwertheste Jungfrau," antwortete der Richter mit Schlauheit; „ich weiß nichts, ich höre nichts und erfahre nichts, darum verzeihet, daß ich \o
$ ^Auf dem Heimwege fprach Alwine zu der kleinen, dicken Freundin: „Du hast Dein Zünglein wieder einmal arg fpazreren lassen gehen. Hast Du nicht bemerkt, wie ich Dich anstteß? Wenn Deine Plaudermühle Wasser hat, klappert ste fort, bis der letzte Tropfen über's Rad geronnen ist."
„Was kann ich dafür I" antwortete Malwine. „Wenn ich so etwas in mir spüre, muß es heraus, sonst würde ich zer-


