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Donnerstag, den 21. Juni.
Die Hexe von Bingenheim.
Von Gg. Schäfer.
(Fortsetzung.)
Sibille und Justins traten miteinander in das anstoßende Gemach und fanden den alten Haudegen mit dem Kindlein auf den Armen- Mit strahlendem Gestchte ging der Burggraf den beiden Frauen entgegen, bot Justinen die Hand mit einem so starken Händedruck, daß sie stöhnte, und überreichte das Kind der Mutter.
„Herzlich willkommen, liebe, tapfere Justine!" sprach der Alte; „hättest ein Mann werden und im dreißigjährigen Kriege mitkämpfen sollen, ein so starkes Herz hast Du."
„Was wäre dann aus uns geworden, lieber Vater?" antwortete Sibille.
„Meiner Treu, Du hast recht," antwortete der Alte. „Aber nun fängt der Junge durch mein heftiges Schreien zu weinen an; hat übrigens lange genug geschlafen, glaubte fchon, er wache gar nimmer auf. Wenn der Bursche nur einmal sprechen und lausen könnte, damit ich auch ein vernünftig Wort mit ihm zu reden vermöchte. Statt dessen liegt er den ganzen Tag in den Federn, schläft, trinkt, schläft wieder, fuchtelt und strampelt höchstens mit den Füßen und Fäusten etwas in der Luft herum. Sind alle Menschenkinder so klein und hilflos? Wachsen sie alle nicht schneller? Wie lange dauert's, bis man den kleinen Mann auf dem Knie reiten lasien oder an der Hand spazieren führen kann?"
Nun kam auch Bardenstein, der Viceburggraf, herein und begrüßte die Freundin und Retterin auf's Herzlichste. Beim Abendbrode schilderte Justine die Zustände in Bingenheim, das Aussehen der Großmutter Beilstein, ihr starkes, rüstiges Wesen, ihre Arbeiten in Garten und Häuschen, so daß der Burggraf, welcher all sein Lebtag Junggeselle gewesen, plötzlich ausries: „Auf meinen Eidl Wir lasten das Wetblein hierher kommen, daß ich es heirathe und wir Alle zusammen sein und bleiben können, so lange es uns noch beschieden ist."
Der Vorschlag wurde mit großer Heiterkeit begrüßt. Justine versprach, die Freiwerberin zu machen.
„Du hast die zwei Jungen zusammenbringen helfen," rief der Burggraf, „kannst nun auch die Alten vereinigen. Geht es gar nicht mit der Großmutter, heirathe ich Dich. Das wäre eigentlich das Gescheidteste; Du wirst dann die Mutter dieser Beiden und die Großmutter des kleinen Buben. Bekommst Dein redlich Theil an Liebe und Sorge für die Ge
sellschaft und hilfst mir den Jungen verzärteln und verziehen, allein bringe ich es nicht gründlich genug fertig."
Justine versprach, die Sache in Erwägung zu ziehen. Darnach mußte sie die Gerüchte schildern, welche über die räthselhafte Flucht umgingen, insonderheit die Aussagen des Hingerichteten Kulmann über seine Thätigkeit bei der Flucht. Zuletzt sagten Alle, daß die H-xereien und Zaubereien, an die sie selbst noch geglaubt, eitel Unsinn und Aberglaube wären, und gaben sich das Versprechen, ohne Unterlaß dafür zu wirken, daß die greulichen Hexenprocefle und der finstere Aberglaube aus der Welt geschafft würden.
Bei der Taufe des Knäbleins ging es froh und vergnügt her. Justine und der Burggraf waren die Pathen, welche das Kind zur heiligen Handlung trugen und festiglich gelobten, ihm allezeit getreue Stellvertreter der Eltern zu sein. ,
So lange Justine auf der Ronneburg weilte, reihte sich eine schöne Stunde an die andere. Zu schnell verstrich die Zeit, es mußte geschieden werden. Der Burggraf fuhr das treffliche Mädchen bis zü dem Städtlein Staden, von wo es nur noch eine Wegstunde nach Bingenheim zu gehen hatte.
„Auf Wiedersehen im nächsten Frühjahre!" rief der Burggraf der Kleinen zu, welche nach dem Abschiede eifrig der Hetmath entgegenstrebte.
Vierzehntes Kapitel.
Der Sommer des Jahres 1659 war naßkalt und ungesund, ähnlich wie der Monat April. Unter den Bewohnern Bingenheims, besonders unter den kleinen Kindern, fing die Krankheitsplage und das Sterben wieder an, wie im Frühjahre.
Alwine und Malwine hatten sich mit der Freundin Hel- mine wieder ausgesöhnt. Die erstere kam an einem regnerischen Sommerabend zu der langentbehrten Freundin, um mit ihr ein gemüthliches Plauderstündchen zu halten. Frau Commiflarius Caspari gesellte sich dazu und sogar der gestrenge Herr Richter beehrte die Gesellschaft mit seiner Gegenwart.
Das üble Wetter, die Krankheits-Erscheinungen und die Sterbefälle waren wichtige Unterhaltungsstoffe. Malwinchen ließ die Bemerkung fallen: „Die Leute munkeln: dieser hergelaufene Rentmeister und seine Buhle seien gar nicht auf über- natürliche Weise, sondern in ganz vernünftiger Art davon gekommen." t ,
> Alwine stieß die Plaudertasche an; sie hatte die Gewohnheit, etwas heraus zu sagen, ohne viel zu denken. Malwine ließ sich, wenn sie mit ihren Neuigkeiten einmal in Zug gekommen, nicht leicht aus dem Geleise bringen. Caspari, der dem Gespräche anfangs theilnahmslor folgte, wurde aufmerksam-


