Ausgabe 
20.10.1894
 
Einzelbild herunterladen

- 491

Mit siebzehn Jahren hcirathete sie einen alten Mann. Das sagt genug."

Armes Kind," murmelt Lord Rawdon.Wie konnte man sie dazu zwingen!"

Wieder lacht die Herzogin laut auf und diesmal fällt der harte Klang selbst Arno auf.

Ec war reich, der alte Baron," sagt sie mit Nachdruck.

Sie hat ihre Zukunft gesichert."

Lord Rawdon fährt auf.Unmöglich."

Die Herzogin schweigt. Ihre Brauen sind unmuthig zu- sammengezogen-

Glauben Sie, daß sie sich wieder verheirathen wird? ' fragt er endlich langsam.

Ich weiß es nicht "

Wieder eine kleine Pause.

Wissen Sie, welch' bezeichnenden Namen man für sie er­funden hat?"

Wie soll ich das wissen! All' diese Sachen sind Albern­heiten."

Die Herzogin ist sichtlich ärgerlich.

Man nennt sie: Die Dame mit den weißen Hyacinthe»," fährt er fort,sehr passend, denn sie gleicht der"

Die Herzogin blickt plötzlich auf und gewahrt in seinem Knopfloch eine kleine Hyacinthenblüthe weiß, zart, duftig.

Ohne ein Wort zu sagen, ergreift sie dieselbe und wirft sie heftig zu Boden. Mit zornsunkelnden Augen steht sie vor dem Manne, der betroffen einen Schritt zurücktritt.

Frau Herzogin"

Sie sollen solchen Unsinn nicht mitmachen," ruft sie leidenschaftlich,Sie nicht. Bis jetzt spotteten Sie über die Narretheien der Männer und nun wollen Sie sich selber zwischen die gehtrnlose Menge mischen, die eine Frau vergöttert, nur weil sie eine schöne Larve hat!"

Lord Rawdon blickt erschreckt auf die schöne Herzogin, der die sürchterliche Erregung momentan jede weibliche Zurück­haltung raubt.

Ich warne Sie," flüstert sie leise und heftig.Die Baronin Medfort ist eine Kokette. Sie wird sich ihrer Triumphe ein paar Jahre erfreuen und dann wieder um Geld heirathen um Geld, aber nicht um Liebe- Sie kann über­haupt nicht lieben. Sie ist ebenso falsch, wie sie schön ist. Nochmals ich warne Sie, Lord Rawdon! Was nun auch kommen mag Sie haben von mir die Wahrheit gehört."

Woher wissen Sie, daß es die Wahrheit ist?" fragt dieser kurz. y

Mein Instinkt sagt es mir und meine meine Freundschaft für Sie."

Sie hat ihre Ruhe wiedergefunden. Jetzt reicht sie ihm herzlich die Hand und sagt leise:Sie werden einstens wieder zu mir kommen und mir sagen, daß ich Recht hatte. Möge es nicht zu spät sein! Leben Sie wohl!"

Lord Rawdon ist gegangen.

Die Herzogin stützt den Kopf in die Hand und denkt nach.

Wie lange ist es her, da war die junge Baronin Diana Murray die umschwärmteste Dame bei allen Festlichkeiten. Sie aber liebte nur Einen Einen, der achtlos an ihren Reizen vorüberging. Als Freund ihres Bruders sah sie ihn fast täglich. Sie machte kein Geheimniß aus ihrer Neigung. Jedermann wußte darum, nur er nicht, dem alle Frauen gleichgiltig waren.

Zuletzt konnte sie den Zustand nicht mehr ertragen. Sie heirathete den Herzog von Edenfield, einen ältlichen, leiden­schaftslosen Mann, dem fie keine Liebe vorzuheucheln brauchte.

Nun ihr Geschick entschieden war, bereute sie es tief. Sie fühlte sich an der Seite des ungeliebten Mannes noch un­glücklicher als zuvor. Als einen gelinden Trost empfand sie es, daß des Geliebten Herz unberührt blieb, daß er sich frei hielt von all' den Liebeleien, die das Vergnügen der meisten jungen Männer ausmachen.

W Ihr Sinn war edel, ihr Empfinden rein. Niemals hätte sie sich eines Treubruchs gegen ihren Gatten schuldig gemacht- Sie hatte es sogar verstanden, ihre Liebe zu Lord Rawdon

in ein Gefühl der Freundschaft einzuzwängen Sie wollte nichts, als ihn glücklich sehen.

Und nun warf dieser Mann, der gegen jeden Frauenblick gefeit schien, der über Liebestollheiten spottete, den ihre tiefe Neigung nicht zu rühren vermochte nun warf dieser selbe Mann sein Herz, seinen Stolz, seine Manneswürde einer Frau zu Füßen, welche die Herzogin sah es klar mit all' dem, wonach ihr eigen Herz so brennend verlangt hatte, nur spielte.

Als sie die Hyacinthe im Knopfloch Lord Rawdons be­merkt, war mit einem Male das mühsam aufgebauts Gefühl der Freundschaft wieder zu heller Liebe entfacht. Brennende Eifersucht und der Wunsch, ihn zu retten, trieben sie zu jenem ihrer sonstigen Zurückhaltung fremden Leidenschaftsaurbruch.

Die Herzogin grübelt und grübelt. . . .

Ich werde ihm beistehen, was auch kommen mag," mur­melt sie und findet endlich Trost in diesem Gedanken.

VIII.

Lola ist die anerkannte Königin der Saison. Die ganze Männerwelt liegt ihr zu Füßen.

Sie kokettirt mit Allen.

Sie freut sich des traurig-sehnsüchtigen Blickes einer Braut, wenn sie den Arm von deren Geliebten nimmt. Sie freut sich des todtenbleichen Antlitzes einer jungen Frau, deren Gatten sie zulächelt- Sie freut sich des gezwungenen Scherzes, der eine Wunde verdeckt, des lauten Lachens, welches tiefem Herzweh entspringt.

Von Natur ist sie nicht grausam; doch ihre Gefallsucht läßt sie es werden. Sie will ihre Macht probiren und ist glücklich, wenn sie überall siegt- Nie kommt ihr der Gedanke an Anderer Sorgen und Schmerzen. Sie ist nur mit sich und ihren Vergnügungen beschäftigt. Diese Selbstanbetung hat nach und nach jeden Keim einer edleren Empfindung in ihr erstickt.

So fluthet Lola lustig den breiten Strom der Fröhlich­keit hinab die schönste, populärste und angebeletste Frau der Gesellschaft.

Heute ist ihr Opernabend. Sie besitzt eine der elegante« fien Logen im ersten Rang. Strahlend in Frische und Dia- mantenpracht lehnt sie in ihrem Sessel- Neben ihr sitzt Frau von Lovel, eine Dame mit großem Herzen und kleinen Grund­sätzen.

Lola liebt es, im Theater Jemand um sich zu haben, der sie auf die einzelnen Gesichter aufmerksam macht, ihr all' die kleinen pikanten Klatschgeschichten mitiheilt- Hierin ist Frau von Lovel Meisterin.

Frau March besucht niemals da« Theater- Sie ist das ihrem guten, verstorbenen Pastor schuldig, wie sie sagt-

Lola bedauert es nicht- Die lustige Frau von Lovel ist eine viel amüsantere Gesellschafterin, als die ernste, sitten­strenge Mutter.

Die Loge der beiden Damen übt eine große Anziehungs­kraft aus fast mehr, als die Schauspieler auf der Bühne. Hunderte von Operngläsern sind beständig auf die reizende Baronin gerichtet- Sie hält förmlich Cercle. Männer von Geist und Rang kommen und gehen. Ein Lächeln, ein paar freundliche Worte und sie sind entlassen-

Nur Zwere halten gleichmäßig bei ihrem Sessel Wache Lord Rawdon und Baron Gerald. Das Publikum flüstert sich zu, daß, wenn sie einmal nicht mit der Baronin beschäf­tigt sind, sich einander grollende Blicke zuwerfen. Frau von Lovel ist heute von ihrem eigenen Cavalier in Anspruch ge­nommen. Beide Herren können sich daher ganz Lola widmen.

. Der Zwischenact beginnt. Lola erhebt sich, um das Foyer aufzusuchen. Arno nähert sich ihr von links, Gerald von rechts. Sie weiß: sobald sie jetzt des Einen Arm nimmt, entsteht ein tödtlicher Streit. . . Mit der Linken zieht sie den pelzverbrämten Seidenumhang fester um die Schultern, als ob sie friere; mit der Rechten hält sie die silbergestickte blaue Sammetschleppe, dabei die zierlichsten Pariser Stiefeletten zeigend-