AnterchaLtnirgsblatt $um Gietzenev Anzeigen tGeneval-Anzergev)
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Samstag, de« 20. Oktober.
Lola.
Roman frei nach dem Amerikanischen von Erich Friesen.
(Fortsetzung.)
Lord Rawdon entsinnt sich nicht mehr seiner ersten Worte. Er weiß nur, daß die groß aufgeschlagenen Augen vor ihm sich plötzlich senkten, daß die langen, dunklen Wimpern den leuchtenden Blick gänzlich verschleierten. Ec glaubt, noch niemals etwas so Bescheidenes, Mädchenhaftes gesehen zu haben. Nur mit Mühe beherrscht er sich.
Sie sprechen über den gestrigen Ball. Dabei erwähnt Lola einiger besonders hübscher Damen. Sie will sich überzeugen, ob er sür irgend eine derselben Jnteresie fühle.
Doch dieser geht achtlos darüber hinweg. Ihn interesstrt nur die Eine, die da vor ihm im Fauteuil lehnt und deren linker Fuß im weißen, goldgestickten Seidenpantöffelchen ein klein wenig unter dem Saum des Kleides hervorlugt.
Jetzt dankt sie ihm für die Blumen.
„Wenn ich Sie in meiner Erinnerung sehe, werde ich Sie stets mit einer weißen Hycinthe sehen," ruft er feurig.
Sie blickt mit großen, unschuldigen Augen zu ihm auf. ..Hat Ihr Herz schon früher einmal eine Frau mit einer Blume in Verbindung gebracht?"
„Nein, niemals!"
„Ich bin stolz, die Erste zu sein," sagte sie einfach.
O, wie sehnt er sich darnach, ihr zu sagen, daß sie die Erste und Letzte sei, daß er sie von ganzem Herzen liebe, daß er sich ein Anderer fühle seit dem ersten Augenblick, da er sie gesehen. . . . Doch kein Wort kommt über seine Lippen.
Lola weiß es auch so. Sie kennt diese Symptome.
Eine kurze Zeit lang fühlt er sich beseligend glücklich. Dann erscheinen vorübergehend andere Besucher, — „dumme Lassen" und „alte Klatschbasen" nennt Lord Rawdon sie grollend bei sich selbst.
Und nun tritt Baron Gerald ein.
Noch vor einer Stunde hatten die Freunde zusammen ge- srühstückt. Keiner von Beiden hatte dabei von der Baronin Medfort gesprochen oder von dem beabsichtigten Besuche bei ihr. Jeder fürchtet im Stillen, den Anderen bei ihr zu treffen.
Lola überblickt zufrieden den kleinen, auserwählten Kreis von Besuchern. Da meldet der Diener die Herzogin von Edenfield, eine der interessantesten und vornehmsten Damen Londons.
Lola geht ihr mit ausgestreckten Händen entgegen.
„Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Herzogin!"
„Ich muß doch sehen, was unsere kleine Ballkönigin macht," entgegnet diese mit einem anmuthigen Lächeln. Dabei Überfliegt ihr Blick hastig die Gruppen der Besucher.
„Richtig," murmelte sie und preßt die Lippen wie im Schmerz zusammen.
Bald wird die Unterhaltung lebhaft; denn die Herzogin ist eine vorzügliche Gesellschafterin. Die übrigen Besucher haben sich empfohlen. Außer der Herzogin sind nur noch Lord Rawdon und Baron Gerald anwesend. Keiner von Beiden will dem Anderen das Feld räumen. Lola, welche sich köstlich amüsirt, ladet alle Drei zum Thee ein. Mit Vergnügen wird die Einladung angenommen und die Herzogin ergeht sich in Lobpreisungen über die Reise des Nachmittags- thees.
„Es kommt darauf an, wie der Thee fervirt wird," wendet Lord Rawdon ein-
Lola lacht.
„Sie sollen sehen, wie hübsch ich ihn servire," ruft sie heiter und klingelt nach dem Samowar.
Eine halbe Stunde später sitzt der kleine Kreis gemüth- lich beim Thee, den Lola zierlich servirt. Es ist ein entzückender Anblick, wie die weißen Händchen mit den Grübchen und den schlanken, rosigen Fingern zwischen dem Silber und Porzellan herumhantiren-
Lord Rawdons Blicke hängen bewundernd an diesen schlanken Händen. Dann streifen sie flüchtig diejenigen der Herzogin. Sie bemerkt es und zieht sie hastig zurück. Die Hände bilden den schwachen Punkt der schönen Herzogin- Sie sind zwar weiß, aber groß und für eine so hohe Dame entschieden plebejisch geformt.
Baron Gerald erwähnt im Laufe des Gespräches der Patti, die gerade während dieser Saison in London singt. Die Herzogin besitzt eine Loge in der Italienischen Oper und überredet Lola, sie am kommenden Abend dorthin zu begleiten.
„Recht gern," erwidert diese. „Ich kenne die Oper hier noch nicht. In Italien war ich öfters dort."
„Sie haben die hiesige Oper noch nicht besucht? ruft die Herzogin verwundert. „Wie merkwürdig!"
Lola lächelt.
„Nicht so merkwürdig, wie Sie denken- Ich stamme aus einer Pastorsfamilie."
Die Herzogin ist lebhaft interesstrt.
„Eine Pastorstochter? Das erscheint mir noch merk« wü iger."
Lola lacht noch immer.
„Die Pastoren haben ebenso gut Töchter, wie andere


