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mir Deine Wohnung, damit ich nicht erst mühsam im Adreßkalender nachsuchen muß, um etwas Verkehrtes zu finden."
„Ja so, das hätte ich fast vergessen." x
Hartmann nannte ihm Straße und Hausnummer, dann trennten sich Beide.
Scheffler ging die Linden wieder hinunter, dem Brandenburger Thore zu. Am Pariser Platz traf er auf einen Offizier, der ihn begrüßte.
„Kommen Sie heute Abend mit zu Kroll, Scheffler?" „Danke, Herr von Hellen, ich bin versagt."
„Schade, reizendes Ballet."
„Ach, wissen Sie, erzählen Sie mir das morgen in meiner Hütte, wenn Ihnen meine niedere Wohnung nicht zu schlecht ist. Ich kaufe mir unterdeß ein halb Dutzend Hampelmänner und Hampelfräulein, die hängen wir dazu auf und lassen sie ihre gewagten Bewegungen machen, indem wir abwechselnd an dem Bändchen ziehen. Dann haben wir alle die Arm- und Beinverrenkungen, die man sonst mit dem schönen Namen Ballet nennt."
„Sie Verspötter alles Schönen! Aber ich nehme Sie vielleicht beim Wort und spreche morgen früh bet Ihnen vor. Was haben Sie denn aber heute Abend?"
„Besuch bei einem alten Freunde, Verehrtester?" „Alten Freunde? Hm! So?"
„Ja und noch dazu ein sehr ehrbarer und ehrenwerther Oberlehrer, Doctor der Philosophie und so weiter, ist verhei- rathet, Frau mit einem viertel oder ganzen Dutzend Kinder."
„Und dahin wollen Sie? Scheffler, kommen Sie mit mir die Langeweile einer solchen Abendunterhaltung verwinden Sie in Wochen nicht wieder. Womöglich stellt man Sie bei dem Jüngsten als Kindermädchen an mit Schnuller und Saugflasche."
„Mein Bester, das wäre noch nicht das Thörichste, was ich in meinen Abendstunden gethan hätte und vielleicht amüsan- ter als Ihre Beschäftigung. Lassen Sie uns morgen einmal Beides gegen einander halten. Guten Abend!"
Lachend grüßte der Offizier. „Verrückter Kerl," brummte er vor sich hin. „Aber was er sich einmal in den Kopf gesetzt ! hat, davon läßt er nicht."
Scheffler war durch's Brandenburger Thor in den Thiergarten geschritten und in die Thiergartenstraße gebogen. Er trat dort in eine elegante Billa. Es war seine Wohnung, die er für seinen Aufenthalt in Berlin gemiethet hatte. Ein Diener eilte herbei und nahm ihm Hut und Paletot ab. Der Herr des Hauses trat in sein Zimmer, niusterte die eingegangenen Briefe und warf sich in einen Lehnstuhl neben dem Kamin, in welchem aufgeschichtete, in heller Gluth stehende Holzscheite an- genehme Wärme ausstrahlten. Er dehnte sich behaglich, nahm eine Cigarre von dem neben ihm stehenden eleganten Rauchtische, doch nicht ohne Kopfschütteln, als er dabei in eine halb- geleerte Kiste blickte, und zündete sie an. Dann vertiefte er sich in die Leclüre einer Zeitung. Aber bald legte er sie bei Seite.
„Langweilig wie immer!"
Er sah nach der Uhr. „Fünf vorbei, da hätte ich noch gut zwei Stunden. Toilette brauche ich Gottlob nicht zu machen, werde so genügen. Wohlgefällig sah er an sich hinunter und schnippte mit dem Finger etwas Cigarrenasche von seinem I Rocksärmel. „Höchstens — ja, für so ein ehrbares Haus ziemt sich wohl ein schwarzer Rock." Er schellte. „Karl, um sieben Uhr meinen Wagen. Ich will in die Sophienstraße. Außerdem gebe ich Ihnen den guten Rath, daß Sie sich Ihren Geschmack nicht verderben. Meine Cigarrenkiste ist immer schneller leer, als sie es sein sollte, ich habe die fehlenden nicht herausgenommen. Sie könnten einmal in die Lage gerathen, bei Leuten in Dienst zu stehen, die schlechtere Cigarren rauchen als ich und dann würden Sie die dort nicht mögen."
„Gnädiger Herr —"
„Schon gut, schon gut. Um sieben meinen Wagen. Eine Viertelstunde vorher können Sie sich wieder melden."
Der Diener ging, Scheffler war wieder allein. Ja, Heller hatte recht, eigentlich war es ein curioser Einfall, so
lich nach seinen Begriffen sehr einfach und — langweilig zuging. Langweilig! Aber wo war es nicht langwellig? — Die Langeweile sah ihn aus allen Ecken und Winkeln an. Von allen seinen Bekannten wurde er als der glücklichste Mensch gepriesen, weil er Alles haben könne, was er wolle, nichts zu thun brauche, als höchstens seine Coupons abzuschneiden. Und auch das noch ließ er zum großen Theile durch seinen Bankier besorgen. Aber er fühlte sich nichts weniger als glücklich. Früher, wo er noch nicht Alles durchgekostet hatte, da war ihm ab und zu etwas verlockend erschienen, da hatte er Stunden gehabt, meist recht wilde Stunden, wo ihm das Leben schön erschien. Aber was ihn damals gelockt hatte, hatte heute keinen Reiz mehr für ihn. Und in die Gemeinheiten herunterstnken, wie er's an Manchen sah, denen dann solche Dinge doch wieder verlockend erschienen, davor schreckte ihn eine Stimme in seinem Innern zurück. Bis jetzt wenigstens. Gewaltige Leidenschaften hatten ihn nie bewegt. Er war von Jugend an gewohnt gewesen, das Leben möglichst leicht zu nehmen, möglichst die angenehmen Seiten desselben aufzusuchen und zu genießen. Das war ihm durch seine pecuniäre Lage gestattet. Jetzt wußte er nur das Eine, daß das Leben für ihn reizlos war. Wie frisch und lebensfroh war ihm dagegen der Schulfreund heute entgegengetreten, der doch ganz anders und auf viel härteren Wegen durch's Leben hatte gehen müssen. Vielleicht lernte er in dessen Häuslichkeit das Dasein von einer unbekannten, aber schöneren Seite kennen, fand bei ihm das Geheimniß des Lebensglückes. Das war's, was ihn lockte, in diese Welt zu sehen, die ihm von früher her bekannt war, aber damals ihm nichts weniger als begehrenswerth erschien. Die Person des Schulfreundes that freilich auch ein gutes Stück. Er war ihm trotz ihrer beiderseitigen großen Verschiedenheiten der liebste Genosse auf der Schule gewesen, es steckte mehr in ihm, als in den Anderen, so meinte er. Und wenn er die Reihe seiner jetzigen Bekannten durchging, so fand er unter ihnen ja liebenswürdige Gesellschafter, gute Jungen, auch geistreiche Leute, aber daneben eine große Zahl solcher Persönlichkeiten, die neben eleganter Toilette, einer Portion Stolz, Blastrtheit, auch wohl Bornirtheit weiter keine Verdienste besaßen, als dasjenige, der „Gesellschaft" anzugehören. Da war in ihm ost das Verlangen aufgestiegen nach anderem Verkehr. An Hartmann hatte er kaum gedacht. Das Leben hatte sie auseinandergeworfen, brieflicher Verkehr fand nie zwischen ihnen statt. Heute waren sie nun durch Zufall wieder zusammengeführt. Da übte die Per- sönlichkeit des früheren Gefährten wieder den alten Zauber auf ihn und er wollte sich demselben nicht entziehen.
Ueber dem Sinnen war die Zeit vergangen, sein Wagen hielt vor der Thür und es dauerte nicht lange, da war er auf dem Wege. Schon legte die Großstadt ihr Abendgewand an, die Schaufenster strahlten im hellen Lichtglanz. Er achtete nicht darauf, kannte das zur Genüge. Plötzlich aber ließ er vor einem Conditorladen halten.
„Hält' ich's doch vergessen! Ein guter Onkel darf nicht ohne Zuckerdüte kommen."
Mit einer verheißungsvollen SDüte bewaffnet, stieg er wieder in den Wagen.
Die Strecke war zurückgelegt, er stand vor dem bezeichneten Hause der Sophienstraße und gab dem Kutscher die Weisung, zurückzukehren, er werde seinen Heimweg zu Fuß machen.
„Zwei Treppen," hatte Hartmann gesagt. Sie waren nicht besonders elegant, noch auch bequem zu ersteigen. Jetzt stand Scheffler vor der Flurthür und klingelte. Ein Mädchen öffnete.
„Herr Doctor zu Hause?"
„Jawohl, hier ist er," antwortete die frische Stimme Hartmanns, der aus der Thür ihm gegenüber gleichzeitig trat. „Bitte, komm' erst einen Augenblick zu mir herein, meine Frau ist noch mit unserer Jüngsten beschäftigt."
Er nahm ihm Ueberzieher und Hut ab und führte ihn in sein Arbeitszimmer.
(Fortsetzung folgt.)


