Ausgabe 
20.1.1894
 
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Hartmann,aber so ungefähr. Ich war nach Absolvirung meines Staatsexamens erst an einem Gymnasium in der Pro­vinz angestellt und wurde vor drei Jahren hier nach Berlin versetzt. Da unterrichte ich denn in Tertia und Secunda."

In wie viel wöchentlichen Stunden, wenn ich fragen darf? Nach Deinem Pflichteifer auf der Schule möchte ich Dich freilich auf zwölf täglich taxiren."

Verdopple die Zahl für die Woche, dann hast Du das Richtige, außerdem habe ich allerdings noch einige Privatstunden, die meine freie Zeit etwas beschränken."

Hm! Also vier Stunden täglich balgst Du Dich mit der Bande Deiner hoffnungsvollen Tertianer nnd dann noch so ein bis zwei Stunden mit holden Pflanzen, die sonst überhaupt nichts oder nur sehr wenig begreifen. Das wäre etwas für meines Vaters Sohn! Doch hier ist unser Wein. Prosit, alter Junge, Dein Wohl! Aber halt, Du hast da einen ver­dächtigen Ring am Finger. Im Hause wartet wohl schon eine holde Gattin?"

Schon? Lieber Freund, ich bin im Winter zweiund­dreißig Jahre voll gewesen."

Richtig, da wir in demselben Jahre geboren wurden, so muß es bei mir ebenso sein. Ich werde doch einmal meinen Geburtsschein ansehen und nachrechnen. Und Du meinst, da wäre es durchaus schicklich, schon von diesen Rosenbanden ge- feffelt zu sein? Run denn, auf Dein Wohl und das Wohl Deiner Gebieterin 1"

Die Kinder mußt Du auch mit in den Trinkspruch nehmen."

Scheffler setzte das erhobene Glas wieder hin.

Kinder? Richtig, wie konnte ich das anders erwarten. Bei einem so ordentlichen Menschen wie Du, muß ja Alles vorhanden sein, was zu einer regelrechten Familie gehört. Ein halb Dutzend, nicht wahr?"

Wenigstens die Hälfte, mit der mußt Du für heute zu­frieden sein."

Mensch, laß uns erst anstoßen und austrinken, sonst be­kommen wir unfern Wein heute nicht mehr über die Lippen."

Hell klangen die Gläser zusammen.

Höre, mir wird aber doch gruselig" Scheffler setzte das geleerte Glas nieder und strich mit der Serviette über den Schnurrbart,wenn ich denke, ich sollte so ein Leben führen wie Du, erst der Aerger mit den Schuljungen, dann zu Hause ein Terzett von drei schreienden Kindern. Brr!"

Sehe ich Dir denn so geknickt oder vergrämt aus? Doch, nun laß mich von Dir hören. Wie ist's Dir ergangen?"

Mir? Da kann ich kurz berichten- Nach unserem ge­meinsam bestandenen glorreichen Abiturientenexamen diente ich, wie Du weißt, erst mein Jahr ab, das mich dann, als wir gerade 1870 schrieben, nach Frankreich führte. Wegen meiner unüberwindlichen Tapferkeit, von welcher ich mich selber leider keiner hervorragenden Züge im Augenblick erinnere, erhielt ich das eiserne Kreuz; wegen meiner hervorragenden militärischen Fähigkeiten, die meine Vorgesetzten für höher erachten mußten als ich, avancirte ich zum Offizier- Als solcher verblieb ich dann noch einige Jahre bei meinem Regiment. Aber die Sache wurde mir, langweilig, ich nahm meinen Abschied, um meinen Wiffensdurst an der Gelehrsamkeit und den Bierkrügen mehrerer deutscher Hochschulen zu stillen. Bald merkte ich, daß ich da­bei zu sehr von Gelehrsamkeit erfüllt wurde, suchte den Ueber- fluß los zu werden und durch praktische Erfahrung zu berei­chern, indem ich mich ein paar Jahre in Europa, Amerika und Asien herumtrieb. Mein Streben wurde mit dem glänzendsten Erfolge gekrönt. Ich kehrte zurück und bin seit ein paar Monaten hier, um meine gewonnenen Kenntnisse zu verwerthen. Dabei muß ich denn freilich gestehen, daß ich es in der Haupt­stadt des Deutschen Reiches leidlich langweilig finde, nachdem ich Alles, was man hier hervorragendes Vergnügen nennt, so ziemlich durchgekostet habe."

Und Dein Vater?"

Ja so, das weißt Du nicht. Mein guter Vater starb vor zehn Jahren bereits, nachdem er kurz vor seinem Tode nach spini» an pinp NptiimapsMchast ner«

kauft hatte, da er doch merkte, daß sein Herr Sohn nie den­selben werde vorstehen können. So ließ er mich mit der an­genehmen Aufgabe zurück, ein immerhin beträchtliches Vermögen von einigen Millionen zu verwalten. Zum Glück steht das­selbe zum größten Theile in den Fabriken, so daß ich nur über die Dividenden zu verfügen habe. Aber eine leichte Aufgabe ist es nicht, sein Geld auf anständige Weise todtzuschlagen und ob ich sie immer gelöst habe, wagt meine Bescheidenheit nicht zu behaupten. Ein Heiliger bin ich so wie so nie gewesen."

Hartmann hatte dem Schulfreunde aufmerksam zugehört und ihn scharf fixirt, wie er in seiner halb spöttischen Weise seine Geschichte erzählte. Ja, man sah es ihm an, daß er das Leben gesehen und es genossen hatte. Aber beim Erzählen hatten sich die schlaffen Züge belebt, die Frische und Energie, welche Hartmann von früher an ihm kannte, trat wieder her­vor, die Blasirtheit, welche sonst nicht abzuleugnen war, ver­schwand und das Auge blickte wie damals frei und offen. Schade um ihn," dachte der Beobachter,wenn er in solchem Schlaraffenleben zu Grunde gehen sollte."

Meine halbe Stunde ist leider herum, Ernst," sprach er laut.Bleibst Du noch länger in Berlin?"

Ob ich? Ich habe mich ja hier häuslich niedergelassen."

Nun, dann haben wir uns hoffentlich nicht zum letzten Mal gesehen. Ich vermuthe, daß Du mehr freie Zeit hast als ich; besuchst Du mich einmal? Freilich, vor sechs Uhr Abends bin ich nicht sicher zu treffen."

Ich würde es viel hübscher finden, wenn Du jetzt mit mir hier sitzen bliebest, um mir armem, gelangweilten Menschen die Zeit so hübsch zu verkürzen wie eben. Aber ich weiß, es ist verlorene Liebesmühe, Dich dazu zu bewegen. So will ich Dich wenigstens ein Ende begleiten. Mein Besuch ist Dir sicher. Ich muß mich doch der Gattin eines so hochrespectablen Mannes präsentiren. Aber höre, ist es Dir nicht bedenklich, wenn sie durch.Anschauung erfährt, mit welch' sauberem Ge­lichter Du auf Du und Du stehst? Denn daß ich nicht zu den Heiligen gehöre, wird sie bald merken. Das Glück Deiner Ehe möchte ich doch nicht zertrümmern."

Hartmann lachte.Ich riskire es immerhin und bin über­zeugt, Du wirst so artig sein meiner Frau gegenüber, daß sie gewaltigen Respect vor meinen Schulfreunden bekommt."

Ist das ein tollkühner Mann! Nun, dann habe ich wenig­stens keine Verantwortung mehr. Kommen Sie her, bester Oberkellner, und sammeln Sie den Lohn für Ihre saure Arbeit ein!"

Er zahlte und an der tiefen Verbeugung der Kellner« war es zu sehen, daß das Trinkgeld reichlich bemessen sein mußte.

Die Beiden traten auf die Straße und gingen in der Rich­tung der Schloßbrücke vorwärts.

Höre, Hartmann, man soll das Eisen schmieden, wenn es warm ist; bist Du heute Abend zu Hause?"

Allerdings."

Ja, siehst Du, eigentlich müßte ich ja erst bei Deiner Gebieterin zur Visttenzeit in Frack und weißer Binde antreten. Das geht von jetzt bis zum Abend schlecht. Würdest Du es für einen großen gesellschaftlichen Verstoß halten, wenn ich heute gleich als alter Hausfreund zum Thee bei Dir erscheine? Selbst Milchsuppe würde ich ganz artig essen; eine abgelegte Serviette von einem Deiner Säuglinge, die man um den Hals binden kann, wird ja vorhanden sein."

Vortrefflich, lieber Ernst; gerade heute Abend habe ich Zeit."

Ich will Dir ganz ehrlich gestehen, nachdem ich in die Whigwams der Indianer hineingesehen und anderer wilder Völker Behausungen mehr oder weniger genau beobachtet habe, möchte ich wohl wieder einmal in so eine Wirthschaft blicken, wie sie bei meinem alten, guten Oberlehrer war und wie ich sie bei meinem lieben Freunde zu finden denke. Zudem, da« ist eine Abwechslung in dem langweiligen Leben hier und ich darf mit Dir von Zeiten reden, die^besser waren, als die heu- tiaen. Aber mm mitte da« Mak ~