Ausgabe 
20.1.1894
 
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1894.

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Samstag, den 20. Januar.

Das Glück des Lebens.

Novelle von U. Deis.

- '----- (Nachdruck verboten.)

Verdammt langweilig heute wieder!"

Wie befehlen der Herr?"

Nichts weiter, mein holder Ganymed, als daß Sie mich in meinen ernsten Selbstbetrachtungen und tiefsinnigen Selbst» gesprächen nicht weiter stören. Im Uebrigen dürfen Sie den Disch abräumen," war die lachend gegebene Antwort.

Mit einer, halb beleidigten Miene machte sich der Kellner an sein Geschäft, während der Gast seine Cigarre weiter rauchte und aus dem Fenster in den trüben Märztag hinaüssah.

Es war eins jener eleganten Restaurants unter den Lin» den der Reichshauptstadt, in welchem sich jene Scene abspielte. Wer aus der Provinz kam und hätte sich neben den mißver» gnugten Gast auf dem Plüfchfopha niedergelaffen und gleich ihm durch die hohen Spiegelscheiben auf die Straße gesehen, dem wäre vielleicht das Getriebe da draußen nicht langweilig vorgekommen. Aber Jener mußte es wohl gewöhnt fein, ©eine hübschen, aber etwas schlaffen Züge trugen einen über» aus gelangweilten Ausdruck, denen man jenen erst gethanen Ausspruch, ohne daß die Worte gesprochen wurden, hätte ab» lesen können. Sie waren auch nichts weiter, als dis Quint» effenz der Gedanken, welche sich feit einer halben Stunde in Herrn Ernst Schefflers Kopfe Herumgetrieben hatten und ganz in der Kürze so characterisirt werden können:Verrückte Idee, ^.^Aute nicht in's Hotel ging, sondern hier effen wollte. Dort hätte ich wenigstens zwei bi? drei Bekannte getroffen, während der, auf den ich hier wartete, ausblieb. Und nun weiter? Was fange ich mit Nachmittag und Abend an? Theater ? Ach, immer dieselben Geschichten. Concert? Puh, habe so schon Kopfschmerzen. Bleibt weiter nichts, als in meine Klause gehen und btt« Ja, was da?" r , Augenblick hatte Herr Ernst Scheffler den

letzten Schluck seiner Taffe Kaffee genommen und sein Selbst» gespräch mit jenem lautgewordenen Ausruf beschlossen

Der Kellner räumte also ab und achtlos blickte der Ge­langweilte auf die Straße.

Auf einmal wurde der Ausdruck seines Gesichts aufmerk» lamer. Ein Herr war vorübergegangen, aber, von einem An» dern angehalten, gerade vor dem Fenster des Restaurants siehen geblieben. Scheffler sprang von seinem Sitze und sah scharf hinüber. Dann wandte er sich schnell zu dem Kellner um.

Sie dienstwilliger aller befrackten Jünglinge, sehen Sie hier den Herrn mit dem blauen Paletot? Gehen Sie hinaus,

mein Bester, stellen Sie sich möglichst bescheiden vor ihn und fragen, ob er der Herr Doctor Hartmann ist? Sagt erJa", so melden Sie ihm, hier säße Jemand, der ihn dringend zu sprechen wünschte; Sie können auch mit dem Finger auf mich zeigen. Sagt erRein," so verschwinden Sie stammelnd. Aber schnell, wenn ich bitten darf."

Der Kellner eilte hinaus und bald sah das erstaunte Ge­sicht des draußen Stehenden in das Restaurant hinein, wo Scheffler grüßend am Fenster stand. Ein Zug des Erkennens ging über die Züge des Fremden. Er wechselte noch einige Worte mit Jenem, der ihn vorher angehalten hatte und trat dann in das Restaurant, wo er lebhaft begrüßt wurde.

Ra, sage, alter Junge, wie in aller Welt finde ich Dich hier, wo ich in der trostlosesten Laune der Welt sitze?" rief Scheffler dem Ankömmling entgegen.

Ich glaube, ich habe mehr Recht, so zu fragen," entgeg» nete der.Ich bin hier in meiner Heimath; wenigstens nenne ich mich jetzt einen Bürger der Stadt Berlin."

Laß uns nichts überstürzen, mein lieber Herr Doctor denn Doctor bist Du doch wenigstens, nicht wahr?"

Der Andere verbeugte sich lächelnd.Du darfst auch Oberlehrer sagen, wenn Du gern einen Titel haben willst, doch ist Dir gestattet - und ich denke, Du bleibst dabei, mich nach wie vor bet meinem ehrlichen Vor» und Vatersnamen zu nennen. Ich stelle also zur Verfügung: Werner Hartmann, Oberlehrer, Doctor der Philosophie und so weiter."

Vortrefflich, aber noch vortrefflicher, wenn Du eine Stunde für einen armen, gelangweilten Schulfreund übrig hättest, der seinerseits eine seiner täglich vierundzwanzig betra­genden Freistunden in Deiner Gesellschaft in anständiger Weise hinbringen möchte."

Hartmann zog die Uhr.Eine ganze Stunde freilich steht mir nicht zur Verfügung, wenn Du Dich aber mit einer halben begnügen willst?"

Gewiß, wenn ich muß. Du bist doch noch immer der entsetzliche Pedant von früher, der Alles nach der Uhr einrichtet. Aber komm', laß uns niedersitzen. Was trinkst Du? Das Wiedersehen muß doch gefeiert werden! Sekt, nicht? Nun, bester Kellner, dann bringen Sie eine Flasche Rheinwein, aber gut, verstehen Sie? Und nachher entziehen Sie uns Ihre schätzbare Gegenwart, wir bedürfen Ihrer nicht weiter. Du mußt mir heut' schon erlauben, den Wirth zu spielen, die Re­vanche kommt ein andermal. Nun berichte, wie ist Dein Lebensschiff gefahren? Also wohlbestellter Oberlehrer, prügelt in Quarta, ohrfeigt in Tertia, schickt in Secunda auf das Karzer?"

Nun, so ganz ist'» nicht getroffen," antwortete lachend